Themenüberblick

Schuld und Sühne

Im Regiedebüt des britischen Schauspielers Paddy Considine kommen einander ein Opfer und ein Täter näher. Es geht in „Tyrannosaur - Ein Liebesfilm“ um große Themen: Schuld, Sühne, Brutalität, Resignation, Lebenslügen - und nur am Rande um die Liebe.

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Joe ist um die 50 Jahre alt, arbeitslos und seit fünf Jahren Witwer. Hannah ist ein paar Jahre jünger, verheiratet und arbeitet zum Zeitvertreib in einem Geschäft, in dem für den guten Zweck Gebrauchtes verkauft wird. Joe ist ein verbitterter Zyniker. Er säuft, wettet auf Pferde, randaliert bei jeder Gelegenheit, sein häufigstes Wort ist „Cunt“. Hannah glaubt an Gott, betet für ihre Mitmenschen und inszeniert ihr Leben nach außen als vorstädtische, britische Backsteinreihenhausidylle.

Regisseur Considine schreitet zur doppelten Dekonstruktion. Es gilt, das Gute in Joe herauszuarbeiten und Hannahs trügerische Idylle zu entlarven. Die beiden treffen aufeinander, als Joe sich nach einer Schlägerei in Hannahs Geschäft versteckt. Beide befinden sich auf dem Tiefpunkt ihres Lebens. Joe droht endgültig als versoffener Choleriker abzudriften, er wirkt bisweilen wie ein psychisch kranker Obdachloser. Und Hannah fühlt sich den Gewalt- und Missbrauchsexzessen ihres Ehemannes James hilflos ausgeliefert.

Film-Shots aus dem Film Tyrannosaur

Polyfilm.at

Hannah: die vermeintliche Idylle des „Gutmenschen“

Unwahrscheinliche Freundschaft

Considine lässt die beiden eine unwahrscheinliche Freundschaft eingehen: der Gewalttäter, der seine Frau schlecht behandelt hatte, als sie noch lebte, und das Gewaltopfer, das ihren Mann nicht verlässt und sich niemandem anvertraut, aus Angst, keiner würde ihr glauben. Beiden droht eine Eskalation ihrer aussichtslos scheinenden Lage. Doch sie greifen ins Leben des jeweils anderen ein - und die Handlung entwickelt sich gänzlich anders, als man es erwarten möchte.

Wie Mike Leigh zeigt Considine die Abgründe im Leben der Briten hinter ihren kitschigen Gardinen. Aber wo Leigh auf leise Töne setzt, dominieren bei Considine rohe Gewalt und tiefe, zur Schau getragene Gefühle. Sein größter Verdienst ist dabei das Casting. Mit Olivia Colman (Hannah) und Peter Mullan (Joe) hatte er vor sechs Jahren bereits den preisgekrönten Kurzfilm „Dog Altogether“ gedreht, aus dem schließlich „Tyrannosaur“ entstanden ist. Mullan kennt man etwa aus „Trainspotting“ (er spielte Swanney).

Film-Shots aus dem Film Tyrannosaur

Polyfilm.at

Joe: zynisch, brutal, aber noch zu retten

Ein Blick - und aus Drama wird Thriller

Colman kommt eigentlich aus dem Comedy-Fach, dem sie aber nach und nach entwächst. In „The Iron Lady“ mit Meryl Streep, der momentan in Großbritannien für heftige Debatten sorgt, spielt sie Margaret Thatchers Tochter Carol. Hannahs Mann James wird im Wortsinn von Eddie Marsan verkörpert, einem gefragten Charakterdarsteller, der in Leighs „Happy go Lucky“ als irrer Fahrschullehrer zu sehen war (zuletzt: „Sherlock Holmes“). Die drei bilden ein atemberaubendes Ensemble. Tiefe Gefühle greifen aufs Publikum über: Angst, Angewidertsein, Hoffnung.

Coleman gelingt es, in kleinen Gesten und kaum merklicher Veränderung ihrer Mimik die Entwicklung von Hannahs Persönlichkeit darzustellen. Wieder einmal entschuldigt sich ihr Ehemann wegen seiner Gewaltexzesse. Ein Blick von ihr genügt, und der Zuseher wartet gebannt auf den Fortgang der Geschichte. Joe-Darsteller Mullan spricht von einem „Thriller“, zu dem sich die Sozialstudie entwickelt - und übertreibt damit keineswegs. Marsan verkörpert das Böse so intensiv und beklemmend, dass man zu erahnen beginnt, wie es einer Frau in der Situation von Hannah gehen muss.

Und die Moral von der Geschichte?

Considine räumte mit „Tyrannosaur“ sämtliche Auslandspreise beim Sundance Festival 2011 ab und avancierte zum britischen Kritikerliebling des Vorjahres. Der „Telegraph“ nannte den Film „brillant“, „Vanity Fair“ sprach von einem „Indie-Juwel“, „Village Voice“ von einer „Offenbarung“. Auch der Regisseur selbst ist von seinem Film überzeugt. Es tue ihm lediglich leid, ihn nicht bereits zehn Jahre früher gedreht zu haben, sagte er in einem Interview - und dass er ein viel besserer Regisseur als Schauspieler sei.

Wer Considine, viele kennen ihn aus „Das Bourne Ultimatum“, zuletzt im Viennale-Schlager „Submarine“ als sexbesessenen Esoterikschwindler gesehen hat, weiß jedoch, dass er als Darsteller ebenso überzeugt. Considine spielt übrigens auch in einem Video der mit ihm befreundete Band „Arctic Monkeys“ („Leave Before The Lights Come On“) mit.

Er und sein Team bezeichnen „Tyrannosaur“ in Interviews konsequent als „Liebesfilm“ und bestehen darauf, dass neben bedrückenden Szenen Leichtigkeit und Hoffnung Platz haben. Auch wenn das nicht gänzlich gelogen ist, grenzt es an Etikettenschwindel. „Tyrannosaur“ muss man sich antun wollen. Selten wird man von einem Film auf eine derart qualvolle Berg-und-Tal-Fahrt mitgenommen. Wer durchhält, wird noch lange von den Bildern verfolgt - und von der moralischen Frage nach der Möglichkeit von Vergebung.

Simon Hadler, ORF.at

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