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Mysteriöser Gast in Nachbarsuite

Am Morgen des 14. Mai war der damalige IWF-Präsident Dominique Strauss-Kahn noch der chancenreichste Konkurrent von Nicolas Sarkozy im Rennen um das Amt des französischen Präsidenten. Am Abend saß er in New York wegen Missbrauchs eines Zimmermädchens in Haft. Ein Journalist hat nun aufgedeckt, dass Sarkozy dabei die Hand im Spiel gehabt haben könnte.

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Der New Yorker Veteran des Aufdeckerjournalismus Eward Jay Epstein - schon seit dem Mord an US-Präsident John F. Kennedy immer wieder für brisante Recherchen gut - hat die Geschehnisse des 14. Mai für die „New York Review of Books“ („NYROB“) rekonstruiert. Nicht umsonst verdammte Sarkozys Partei UMP den Artikel sofort als „Manipulation“. Innenminister Claude Gueant tat die Vorwürfe als „pure Fantasie“ ab. Epstein legt in seinem Artikel nahe, dass Strauss-Kahn in eine sorgfältig von Sarkozys Lager orchestrierte Sexfalle getappt sein könnte.

Nafissatou Diallo

APA/EPA/Justin Lane

Nafissatou Diallo

In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP sagte Epstein, er selbst habe „nicht von einer politischen Verschwörung“ gesprochen. Er sei jedoch davon überzeugt, dass jemand versucht habe, Strauss-Kahns zu erwartende Kandidatur für die französischen Präsidentschaftswahlen zu Fall zu bringen. Strauss-Kahns Anwalt William Taylor sagte, sein Mandant könnte durchaus das „Ziel bewusster Bemühungen“ gewesen sein, ihn „als politische Kraft zu zerstören“.

Eine Ungereimtheit nach der anderen

Dass Strauss-Kahn an jenem 14. Mai in einer New Yorker Hotelsuite oralen Sex mit dem Zimmermädchen Nafissatou Diallo hatte, ist unbestritten. Er und seine Anwälte erklärten dazu regelmäßig ohne Angabe näherer Details, das sei einvernehmlich geschehen. Die 32-jährige Hotelangestellte warf Strauss-Kahn versuchte Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch vor. Die New Yorker Ankläger legten den Fall jedoch wegen zahlreicher Ungereimtheiten zu den Akten.

Auf genau diese Ungereimtheiten geht Epstein nun ein - und findet noch ein paar neue dazu. So ergibt etwa seine minutiöse Rekonstruktion, dass Diallo an jenem Tag frühestens um 12.06 Uhr Strauss-Kahns Suite betrat und dieser bereits um 12.13 Uhr - als das Zimmermädchen die Suite bereits wieder verlassen haben musste - mit seiner in New York wohnenden Tochter wegen einer Verabredung zum Mittagessen telefonierte.

Anonymer „Jubeltänzer“ auf Überwachungsvideo

Diallo wirft Strauss-Kahn vor, er habe sie durch die Suite gejagt, versucht, sie anal und vaginal zu vergewaltigen und sie schließlich zweimal zu Oralsex gezwungen. Dass all das in längstens sechs Minuten geschehen sein soll, dürfte auch bei den New Yorker Ermittlern für Zweifel gesorgt haben. Zudem wies Epstein nach, dass Diallo in den entscheidenden Minuten nach dem behaupteten Vergewaltigungsversuch mehrmals in einer benachbarten Suite gewesen sei. Diese war entgegen ihren Angaben bewohnt.

Zimmer 2806 im New Yorker Sofitel

picturedesk/AFP/Jewel Samad

Der Eingang der Hotelsuite, die Strauss-Kahn in New York bewohnte

Wer der mysteriöse Gast der Nachbarsuite war, wollte die französische Sofitel-Gruppe gegenüber dem Journalisten unter Verweis auf die Wahrung der „Privatsphäre ihrer Gäste“ nicht preisgeben. Tatsache ist jedoch, dass laut Epstein auf Überwachungsvideos immer wieder ein Unbekannter zu sehen ist, der in die Geschehnisse offenbar tief involviert ist: bei Befragungen von Diallo, im Gespräch mit Sicherheitsleuten und sogar - nach dem Platzen des Skandals - bei einem dreiminütigen „Jubeltanz“ mit dem Hotel-Sicherheitsbeauftragten Brian Yearwood.

Die Sofitel-Gruppe erklärte am Sonntag, die Personen auf dem Video, Angestellte des Hotels, hätten „kategorisch“ verneint, dass ihre Freudenbekundungen mit Strauss-Kahn zusammenhingen. Zudem hätten diese nur „acht Sekunden“ gedauert.

Sicherheitsleute mit enger Sarkozy-Verbindung

Das hoteleigene Sicherheitspersonal spielte in dem Fall auch eine undurchsichtige Rolle. Die Polizei wurde erst nach Stunden informiert, lange nachdem etwa John Sheehan schon von dem Vorfall wusste. Sheehan ist Sicherheitsdirektor des Accor-Konzerns, dem wiederum die Sofitel-Hotels gehören. Und noch auf dem Weg in das Hotel telefonierte Sheehan mit jemandem in der Zentrale der Accor-Gruppe. Sheehans unmittelbarer Vorgesetzter dort ist Rene-Georges Querry, ein Weggefährte Sarkozys aus dessen Zeit als Innenminister.

Querry war an genau jenem Tag von Sarkozy als Gast in dessen Loge bei einem Fußballspiel eingeladen. Er behauptet, erst nach Strauss-Kahns Verhaftung von dem Fall erfahren zu haben. Ein enger Bekannter und Ex-Arbeitskollege Querrys ist Sarkozys Geheimdienstkoordinator Ange Mancini. Komplett wird das Kleeblatt durch Xavier Graff, Notfallbeauftragter für die Sofitel-Hotels - auch er mit besten Verbindungen und Freundschaften bis hinauf in höchste französische Regierungszirkel. Von Graff sollte später eine private E-Mail an die Öffentlichkeit sickern, in der er sich brüstete, er habe „DSK zu Fall gebracht“.

Was geschah, als Strauss-Kahn duschte?

Eine weitere Eigenartigkeit betrifft das Protokoll der Chipkartenöffnungen zu Strauss-Kahns damaliger Hotelsuite. Während er, unmittelbar vor dem behaupteten Vergewaltigungsversuch, dort eine Dusche nahm, gingen dort mehrere Menschen ein und aus. Eine der benützten Chipkarten ist dem Zimmermädchen zuzuordnen, eine andere einem anderen Hotelangestellten, der jedoch nie zu seinem Aufenthalt in der Hotelsuite - und das ausgerechnet in den entscheidenden Minuten - Stellung nahm.

BlackBerry gehackt und beseitigt?

Das verdächtigste Puzzleteil in der ganzen Geschichte betrifft jedoch Strauss-Kahns BlackBerry-Smartphone. Laut Epsteins Recherchen wurde Strauss-Kahn am Morgen des 14. Mai davon informiert, dass das Gerät offenbar von seinen politischen Gegnern gehackt worden sei. Angeblich kursierten private Mails von Strauss-Kahn, die er von dem BlackBerry aus an seine Ehefrau geschrieben hatte, in der UMP-Parteizentrale.

Dieses BlackBerry verschwand an jenem Tag um die Mittagszeit spurlos. Wie die Logfiles zeigen, wurde es um 12.51 Uhr - ohne ein einziges Mal in Betrieb genommen worden zu sein - abgeschaltet und nie wieder aufgedreht. Strauss-Kahn war der Verlust auf dem Weg zum New Yorker Flughafen aufgefallen. Er rief sowohl seine Tochter als auch das Hotel an, um danach suchen zu lassen. Die Hotelangestellten logen ihm vor, sie hätten das Gerät gefunden und würden es ihm zum Flughafen nachbringen. In Wirklichkeit wurden Polizisten mit einem Haftbefehl losgeschickt.

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