Themenüberblick

Zwischen Bigotterie und Punk-Attitüde

Eine Regisseurin fährt mit einem Filmteam quer durch die USA, interviewt da und dort alle möglichen Menschen, ohne je ihre Namen zu nennen, über alle möglichen Themen. Außer den Interviews gibt es keinen Text. Das Konzept Ruth Beckermanns klingt vollkommen beliebig - und ist genau das Gegenteil.

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Zunächst einmal ist nicht alles, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn „American Passages“ ist kein Roadmovie. Sechsmal war Beckermann in den USA, bevor sie alle Aufnahmen, die sie brauchte, zusammenhatte. Und bei den meisten Orten weiß man ohne Zusatzinformation nicht, wo in den Vereinigten Staaten sie sich befinden - die meisten jedoch im Mittleren Westen. Nur Las Vegas wird am Ende eine Sonderstellung zuteil - auch, weil man die Casinostadt kaum als verallgemeinerbare Stadt darstellen kann.

Das Reisen war für Beckermann, die nächstes Jahr sechzig Jahre alt wird, immer schon Triebfeder ihrer Arbeit - ebenso wie die planvolle Anarchie. Sie studierte in Israel und lebte dort sogar einige Zeit in der Wüste. Ihren ersten Film drehte sie als Teil der Wiener Arena-Bewegung in den 70er Jahren. Seither widmeten sich ihre Dokumentationen immer wieder Themen, die auf die eine oder andere Weise mit dem Judentum zu tun haben. Auch in der zwei Stunden langen Doku „American Passages“ spielt das eine Rolle.

Filmszene aus "American Passages"

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Strenge Herrin über die Anarchie

Tausende Jahre lang, sagt ein Rabbi vor seiner Gemeinde, seien die Juden allerorten vertrieben und unterdrückt worden. Nur in den USA seien sie schließlich „ganz groß rausgekommen“. Für viele von ihnen, könnte man mit dem Rabbi argumentieren, hat sich zumindest für eine Weile der „amerikanische Traum“ erfüllt. Und dieser ist es auch, der als Klammer um die einzelnen Aufnahmen und Interviewsequenzen gesehen werden kann: Gilt er noch?

Die Zeiten haben sich geändert. Auf der einen Seite regiert „Hope“-Präsident Barack Obama, vor allem ein Symbol der Überwindung des Rassismus. Auf der anderen Seite haben viele den Eindruck, dass er der sozialen Schere im Land und dem chronischen Kollaps der Märkte in den vergangenen Jahren nur wenig entgegenhalten kann. Beckermann klappert sie also alle ab, die vielleicht Auskunft geben können, weil sie selbst betroffen sind. Und als strenge Herrin über das nur chaotisch anmutende Konzept achtet sie darauf, nur handverlesene Geschichten einzufangen.

Spektakulärer Blick auf USA

Sie spricht unter anderen mit Bewohnern einer Sozialsiedlung, einer Hochzeitsgesellschaft, einer Pfandverkäuferin, Mitgliedern einer evangelikalen Kirche, einer Expertin für Staatsbürgerschaftskunde, einem schwarzen Taxifahrer, beobachtet eine Bibelstunde und Unterricht über Sklavenhandel, eine Veteranenveranstaltung, die Probe einer Punk-Band, ein homosexuelles Pärchen mit zwei Kindern, illegal eingewanderte Latinos, Gefängnisinsassinnen, eine Party steinreicher Leute, Obdachlose und einen spielsüchtigen ehemaligen Zuhälter in Las Vegas.

Und damit wurde kaum die Hälfte der Personen genannt, denen die Kameraleute Antoine Parouty und Lisa Rinzler mit der Linse folgten. Die Aufnahmen sind spektakulär. Landschaft; Autofahrten - „Die USA sind eine automobile Gesellschaft“ sagt ein technologiekritischer älterer Herr; Bilder der Kanalisation, wo Obdachlose leben; die Glitzerwelt der Casinos; die religiöse Inbrunst singender Evangelikaler; die grotesk operierten Gesichter der Reichen bei ihrer Party.

Jede Geschichte einen Spielfilm wert

Noch im Schnitt hätte Beckermann wohl eine Schwarz-Weiß-Zeichnung ihrer Bestandsaufnahme der US-Gesellschaft im beginnenden dritten Jahrtausend zeichnen können. Aber sie führt die Menschen nicht vor. Die drogensüchtigen jungen Frauen im Gefängnis wollen sich bessern. Der schwarze Taxifahrer erweist sich als Rassismusexperte mit überaus akzentuierter und elaborierter politischer Meinung. Die Reichen bei der Party werden nicht lugnerhaft verblödelt dargestellt, sondern dürfen sich im Gespräch präsentieren, wie sie wollen.

Die einzelnen Geschichten, die die Menschen erzählen, würden Stoff für zahlreiche Spielfilme abgeben. Der Punk-Sänger etwa, der erzählt, wie er als noch jüngerer Bursche im Irak-Krieg traumatisiert wurde und jahrelang einfach nur noch mit Drogen weiterleben konnte. „Marihuana und Budweiser, sehr amerikanisch“, sagt er, und hält einen Joint und eine Flasche Bier in die Kamera, verschmitzt lächelnd. Die Menschen in den USA, sagte Beckermann unlängst in einem Interview, hätten ungeahnte rhetorische Fähigkeiten.

Filmszene aus "American Passages"

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„American Passages“ läuft am Freitag in heimischen Kinos an.

Bilderbuch zum Präsidentschaftswahlkampf

Ein Mexikaner erzählt, dass er sich seine Jahre folgendermaßen einteilt: Vier Monate verbringt er bei seiner Familie in der Heimat. Danach wandert er in einem Zweitagesgewaltmarsch über ein Gebirge illegal in die USA ein, wo er acht Monate arbeitet, bis er wieder den mühevollen Rückweg antritt, mit Geld im Gepäck. Ein schwules Pärchen bereitete sich jahrelang akribisch auf die Adoption von Kindern zwischen vier und zehn Jahren vor - und bekam über Nacht Zwillingsbabys zugewiesen. Die Überforderung sei kaum vorstellbar, erzählen sie mit viel Witz und Liebe.

Zwischen Bigotterie und Adoption für Homosexuelle, zwischen White-Trash-Patriotismus und drogengetränkter Punk-Attitüde, zwischen dem Leben im Kanal und Charity als Langeweilebekämpfung für Schwerreiche: Auch Beckermanns Film lässt sich keine einfache Conclusio ziehen. Eher liefert sie Bildmaterial zu den täglichen Nachrichten aus den USA - das man auch im Präsidentschaftswahlkampfjahr 2012 gerne abrufen wird. Der Kunst Beckermanns und ihres Teams ist gleichzeitig der einzige Wermutstropfen: Die großartigen Geschichten hätte man gerne allesamt auserzählt. Von jeder muss man sich allzu rasch verabschieden.

Simon Hadler, ORF.at

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