Kein Bedarf an Moralinsäure
Ein untrügliches Gespür, was Kinder und Jugendliche lesen wollen und viel Witz in Sprache und Inhalt: Christine Nöstlingers Bücher sind seit über vierzig Jahren nicht aus den Kinderzimmern wegzudenken. Am Donnerstag feiert die Autorin ihren 75. Geburtstag.
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Kinder möge sie genauso gern wie Menschen aller anderen Altersgruppen, doch speziell kinderlieb sei sie nicht, erklärt Nöstlinger gern ihr Verhältnis zur Zielgruppe. Aber genau dieser Zugang macht ihre Bücher so authentisch und zu Dauerbestsellern. Anbiederndes, Belehrendes oder einen erhobenen Zeigefinger sucht man vergeblich im Werk der Wiener Schriftstellerin, dafür umso mehr realistische Milieuschilderung, Sozialkritik und Fantastik in einer Sprache mit Dialektanklängen und eigenwilligen Neuschöpfungen.

APA/dpa/Carstensen
Ihr erstes Kinderbuch „Die feuerrote Friederike“ ist längst ein Klassiker der Kinderliteratur
Kindsein hält Nöstlinger für eine komplizierte Sache: Heute gebe es zwar eine breite Schicht an wohlhabenden Eltern, deren Kinder es wesentlich besser gehe als noch vor ein paar Jahren, „aber es gibt jede Menge Unterschichtskinder, denen geht es schlechter als früher“, sagte die Autorin. Sich in die Gedankenwelt der Kinder hineinzuversetzen, gelingt ihr immer wieder aufs Neue.
Keine Heile-Welt-Familien
Ihre Protagonisten sind meist alles andere als Heile-Welt-Kinder - und auch wenn Gretchen, Franz, Mini und Co. so manche Kindheits- und Adoleszenzprobleme durch die Hilfe von Freunden, ihrer Fantasie oder Gespenstern lösen können, sind ihre Geschichten keine „Es wird alles gut“-Beruhiger.
Ihre Figuren - sei es das dicke Scheidungskind in „Gretchen Sackmeier“, der blondlockige Bub aus der Serie „Geschichten vom Franz“ oder die Erstklässlerin aus der „Mini“-Serie - bieten eine breite Identifikationsfläche und sind dadurch längst zu internationalen Kultfiguren avanciert.
„Beleidigte Blunzn“ und „Strebsau“
Sprachlich eröffnet Nöstlinger für viele Kinder und Jugendliche neue Welten. Statt geschliffenem und politisch korrektem Tonfall spricht sie ihr Publikum mit einem witzig-antiautoritären Ton an, so manche Schimpftirade - von „beleidigte Blunzen“ über die „Strebsau“ und die „Rotzpiepn“ bis zum „Hundsarsch“ - sorgte bei konservativen Erwachsenen für Stirnrunzeln und beim jungen Lesepublikum für wahre Begeisterungsstürme.
Radiohinweis
Christine Nöstlinger ist am Donnerstag um 21.00 Uhr zu Gast in der Ö1-Sendung „Im Gespräch" - mehr dazu in oe1.ORF.at.
Doch Nöstlinger sorgte nicht nur in puncto Schimpfwörter für eine Wortschatzaufbesserung ihrer Leser: Vor allem für Nicht-Wiener bieten die Bücher einen nicht enden wollenden Fundus an Ausdrücken, die der Nicht-Wiener-Leserschaft oft im angehängten Glossar näher gebracht wurde.
Wer oder was ist „Dschi Dsche-i Wischer“?
Aber nicht nur mit ihren Büchern erreichte Nöstlinger ein Millionenpublikum: Ihre 1979 für den Ö3-Wecker kreierte Fantasiegestalt „Dschi Dsche-i Wischer“ gehörte zum morgendlichen Frühstücksritual zahlreicher Familien. Und auch wenn nie wirklich geklärt wurde, was ein „Wischer“ denn nun wirklich ist - auch in der Radioserie war die Autorin ganz nah an realen Problemen.
Denn auch wenn die „Dschi Dsche-i Dschunior“ in einem Iglu lebt und mit Düsenkutschen und Rollschuhen herumfährt, „geht es bei uns Wischern so zu wie bei euch“. Das heißt: Plattitüden von Eltern, die dem „Dschunior“ die Taschengelderhöhung verweigern, die Schuljause der Mitschüler ist viel verlockender als die eigene und jede Menge Lebensweisheiten verpackt mit Sprachspielen und viel Wortwitz.
Keine „österreichische Lindgren“
Nöstlinger wurde für ihr Schaffen vielfach ausgezeichnet und erhielt etwa 1984 für ihr Gesamtwerk den Hans-Christian-Andersen-Preis, 1998 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln und 2003 den ersten Astrid-Lindgren-Preis, den „Nobelpreis für Kinderliteratur“. Ihre berühmte schwedische Kollegin hat die Wienerin auch persönlich gekannt und „wahnsinnig gerne“ gemocht. Als österreichische Astrid Lindgren will sie aber dennoch nicht bezeichnet werden: „Ich glaub’, ich bin die Nöstlinger.“
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