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Die Idylle vor den brennenden Türmen

Ein - in den USA - heiß diskutiertes Foto zeigt die Anschläge vom 11. September aus einer anderen Perspektive. Der deutsche Fotograf Thomas Hoepker nahm das Bild an der Uferpromenade in Brooklyn auf. Es zeigt fünf New Yorker beim anscheinend entspannten Plaudern, während im Hintergrund die Türme des World Trade Center (WTC) brennen.

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Das Foto entstand aus einer Verlegenheit heraus. Während Hunderte Journalisten-Kollegen von Hoepker das Grauen rund um die Twin Towers dokumentierten, stand der Fotograf im Stau. Zu spät erfuhr er vom Unglück. Hoepker wich auf die andere Flussseite aus, um einen besseren Blick auf Manhattan zu bekommen. Dort fand er mit seiner Kamera fünf junge Menschen, die das Unglück nicht zu interessieren schien. Ein verstörendes Bild für eine US-Gesellschaft, in der die Anschläge als nationale Tragödie stilisiert werden.

Menschen sitzen gemütlich am Ufer, im Hintergrund ziehen Rauchschwaden über New York

Magnum Photos/Thomas Hoepker

Blick von Williamsburg/Brooklyn auf Manhattan am 11. September 2001

Am Tag danach nicht veröffentlicht

Hoepker entschied am Tag nach den Anschlägen, das Bild nicht zu veröffentlichen. Zu stark seien die Eindrücke der Bilder vom Ground Zero gewesen, sagt er Jahre später in einem Interview mit den US-Magazin Slate. Erst zum fünften Jahrestag von 9/11 wurde das Foto abgedruckt: im Bildband „Watching the World Change: The Stories Behind the Images of 9/11“. Prompt löste es eine Diskussion aus, die weit über die Frage, was man zeigen darf, hinausgeht.

Gesellschaftsdebatte ausgelöst

Der US-Journalist Frank Rich nahm die Veröffentlichung zum Anlass, die Aufarbeitung der Anschläge zu kritisieren. Das Foto zeige keine abgestumpften Menschen, schrieb er in einer Kolumne in der „New York Times“. „Sie sind einfach nur Amerikaner.“ Laut Rich zeige das Bild lediglich die Begabung der Amerikaner, gleich wieder aufzustehen, wenn sie etwas umgeworfen hat. Zwei Dinge könne man daraus ablesen: „Was funktioniert hat und was schiefgelaufen ist, auf dem Weg in einen geteilten und mutlosen Staat“, folgerte Rich in seiner Kritik.

Die Debatte, dass die US-Gesellschaft nichts aus den Anschlägen gelernt habe, wird seither wiederkehrend zum Jahrestag aufgewärmt. Das Foto wird einerseits als Symbol interpretiert, für eine Nation, in der sich jeder nur um sich selber kümmert. Gleichzeitig wird es aber auch als Beispiel für den Überlebenswillen der USA verklärt.

Nur Momentaufnahme

David Plotz, der stellvertretende Chefredakteur des Slate-Magazins, konnte der Interpretation einer abgestumpften US-Gesellschaft nichts abgewinnen. „Diese New Yorker entspannen sich nicht“, schrieb er als Reaktion auf Richs Kolumne. Das Foto zeige Menschen, die nur für einen Moment wegsehen, um über das Ereignis zu diskutieren, so Plotz.

Auch die Abgebildeten meldeten sich in der Diskussion zu Wort. Sie beklagten, dass das Bild ohne ihr Einverständnis gemacht wurde. Der Eindruck, der darauf erweckt werde, entspreche nicht dem tatsächlichen Geschehen, kritisierten sie. Hoepker widersprach dieser Darstellung. „Ein Gespräch oder das Fragen um Erlaubnis würde sofort die Szene verändern“, sagte er anlässlich einer Fotoausstellung in der Wiener Galerie WestLicht. „Nur nicht einmischen“, sei eines der Credos der Dokumentarfotografie, verteidigte er sich.

Zeitdokument zum Nachdenken

Warum bei den unzähligen Horrorbildern, erschütternden Tondokumenten und Live-Videomitschnitten gerade dieses Bild so heftig diskutiert wird, mag verwundern. Ein Jahrzehnt später erklärte der britische „Guardian“ das Foto zum kontroversesten Bild von 9/11. Die Begründung von Kolumnist Jonathan Jones über das Phänomen: „Zehn Jahre später ist die Aussage dieses Fotos, dass unsere Erinnerungen schnell verblassen.“

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