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Hunderte Gefangene auf beiden Seiten

In Tripolis und anderen Landesteilen Libyens haben sich Truppen des gestürzten Despoten Muammar al-Gaddafi am Donnerstagabend weiter teils erbitterte Kämpfe mit den Rebellen geliefert. Zugleich mehren sich die Hinweise auf Gräueltaten auf beiden Seiten.

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Ein Reporter der britischen BBC berichtete, in ein Krankenhaus im Bezirk Mitiga seien die Leichen von 17 Rebellen eingeliefert worden. Ein Arzt habe angegeben, die Männer seien in einer Schule, die von den Gaddafi-Truppen als vorübergehendes Gefängnis genutzt worden sei, gefoltert und dann getötet worden. Man untersuche die Leichen nach Beweisen, die vor einem möglichen Kriegsverbrechertribunal eine Rolle spielen könnten.

Ein weiterer Korrespondent der BBC entdeckte im Zentrum der Hauptstadt zwei Leichen von Gaddafi-Kämpfern, deren Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren. Ein Sprecher des Roten Kreuzes sagte dem Sender, man gehe davon aus, dass beide Seiten Hunderte von Gefangenen in ihrer Gewalt hätten.

Gaddafi-Appell an seine Anhänger

Zuvor hatte Gaddafi in einer Ansprache seine Anhänger aufgefordert, nach Tripolis zu marschieren und die Stadt von den Aufständischen zu „säubern“. Die Rebellen nannte er „Ratten, Kreuzfahrer und Ungläubige“. In der auf dem Gaddafi-loyalen Fernsehsender al-Uruba ausgestrahlten Audiobotschaft hieß es weiter, die Stämme Libyens sollten vereint die „ausländischen Agenten“ verjagen. „Libyen gehört den Libyern und nicht Agenten, nicht Imperialisten, nicht Frankreich, nicht Sarkozy und nicht Italien.“

Seine Anhänger stellten die übergroße Mehrheit. Für die Rebellen werde es keinen sicheren Ort im Land geben. Gaddafi wurde seit einigen Tagen in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen. Die Rebellen, die am Wochenende in Tripolis eingezogen waren, versuchten ihn bisher vergeblich gefangen zu nehmen.

Beinahe gefasst

Laut einem Bericht der französischen Illustrierten „Paris Match“ wäre er Mittwochfrüh beinahe von einem Kampfkommando der Aufständischen mitten in Tripolis gefasst worden. Sie verpassten ihn nur um Augenblicke, heißt es in dem Bericht. Um 10.00 Uhr hätten die Rebellen von einer zuverlässigen Quelle den Tipp bekommen, dass Gaddafi die vorangegangene Nacht in einem schlichten Haus ohne jeden Komfort im Herzen der libyschen Hauptstadt verbracht habe, schreibt „Paris Match“. Die Zeitschrift selbst will die Information von einer „Geheimzelle“ haben, die die Arbeit mehrerer Nachrichtendienste bei der Suche nach Gaddafi koordiniere.

In Apartmenthaus verschanzt?

Gaddafi hatte demnach zumindest eine Nacht in dem ruhigen Haus im Stadtzentrum verbracht. Als das Spezialkommando der Rebellen bei dem Haus angekommen sei, habe der Diktator jedoch bereits sein Versteck verlassen, heißt es. Es gebe untrügliche Beweise, dass sich Gaddafi dort versteckt gehalten habe, so das Magazin, ohne ins Detail zu gehen. „Gaddafi ist am Leben und steckt in der libyschen Hauptstadt fest“, schließt das Magazin aus den Informationen.

Eine Gruppe von Rebellenkämpfern sagte am Donnerstag in Tripolis sogar, man habe Gaddafi in einem Apartmentkomplex unweit seiner früheren Residenz umzingelt. Die Aufständischen lieferten Gaddafi-loyalen Kämpfern in den Gebäuden schwere Gefechte. Ohne Angaben von Gründen erklärten die Rebellen, Gaddafi und einer seiner Söhne hätten sich in einem der Häuser verschanzt. „Sie zusammen. Sie stecken in einem kleinen Loch“, sagte einer der Kämpfer gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. „Heute machen wir Schluss. Heute werden wir das beenden.“

„Gaddafi ist nicht in Tripolis“

Das jüngste Gerücht über Gaddafis Aufenthaltsort könnte allerdings ein Trugschluss sein: Vieles spricht dafür, dass der Diktator noch am Mittwoch Tripolis verließ. Die Rebellen glauben jedoch, ihm eng auf den Fersen zu sein. „Gaddafi ist nicht in Tripolis. Er ist an einem Ort ungefähr 150 Kilometer von Tripolis entfernt mit einem seiner Söhne“, sagte wiederum Atman Ibrahim Mleita, Kommandeur der Rebelleneinheit al-Karkar, am Donnerstag im Westen der Hauptstadt. Weitere Angaben machte er nicht.

Rebellenvorstoß für den Abend angekündigt

Östlich des Hafens von Tripolis gebe es weiter Widerstand von Gaddafi-Anhängern, sagte Mleita außerdem. Am Abend wollten Rebellenkämpfer nach seinen Angaben einen größeren Angriff auf die Regimekräfte unternehmen. Ziel sei außerdem, das Wohnviertel Abu Salim nahe dem Stützpunkt Bab al-Asisija, wo sich auch Gaddafis frühere Residenz befindet, ganz unter Kontrolle zu bringen.

Mleita sagte weiter, dass in einem Viertel zwischen Tripolis und dem noch immer umkämpften internationalen Flughafen 5.000 ausländische Söldner vermutet würden. Am Vortag habe seine Einheit 21 Heckenschützen aus der Ukraine gefasst, die sich mit ihren Waffen versteckt hätten.

Übergangsrat zieht nach Tripolis um

Unterdessen beginnt die libysche Rebellenregierung mit der Verlegung ihres Sitzes von Bengasi nach Tripolis. Dies kündigte ein Sprecher des „Nationalen Übergangsrates“ am späten Donnerstagabend an. Die Regierung nehme ihre Tätigkeit in Tripolis auf, sagte der für Finanzen und Ölfragen zuständige Regierungsbeamte Ali Tarhouni. Zuvor waren mehrere Spitzenfunktionäre des gestürzten Gaddafi-Regimes zu den Rebellen übergelaufen.

Tarhouni versprach zudem allen Gaddafi-Kämpfern und ihren Familienangehörigen Straffreiheit, wenn sie sich umgehend ergeben. „Wir rufen euch heute zum letzten Mal auf, eure Waffen niederzulegen, und wir versprechen euch, dass wir keine Rache üben werden. Zwischen uns und euch steht das Gesetz“, sagte Tarhuni während der ersten Pressekonferenz der Minister der Rebellenregierung in Tripolis. Er kündigte an, die neue libysche Führung werde mindestens bis zu den ersten freien Wahlen alle Verträge mit ausländischen Firmen und Staaten einhalten.

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