Plötzlicher Seitenwechsel im Februar
Das graue Haar dicht und gewellt, entschlossener Blick, massige Figur, breite Schultern und Flecktarnkampfuniform - der libysche General Abdel Fattah Junis präsentierte sich gern martialisch als entschiedener Kämpfer für die gerechte Sache. Was der 1944 geborene Militär allerdings darunter verstand, blieb bisweilen im dichten Propagandanebel verborgen.
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Als er am Donnerstag getötet wurde, war er Kommandant der Rebellenarmee gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi. Junis gehörte zum Stamm der Obeidat, der seine Machtbasis in der ostlibyschen Kyrenaika hat, der Rebellenhochburg. Bevor er zum Hoffnungsträger des demokratischen Aufbruchs wurde, gehörte er mehr als 40 Jahre zur militärischen und politischen Elite Libyens.
Gefolgsmann der ersten Stunde
Als treuer Gefolgsmann machte Junis an der Seite des Revolutionsführers, der 1969 die Monarchie stürzte, schnell Karriere und brachte es bis zum General und Minister. Bereits beim Putsch des „Bundes Freier Offiziere“ gegen König Idris stand Junis an Gaddafis Seite. Er führte damals ein Kommandounternehmen in Bengasi. Der dankbare neue Herrscher machte seinen Getreuen zum Chef der neu gegründeten Spezialkräfte der libyschen Armee.
1973 war Junis als General einer der Militärführer im Grenzkrieg gegen das südliche Nachbarland Tschad. Nachdem 1984 aus der libyschen Botschaft in London heraus eine britische Polizistin erschossen worden war, bemühte sich der bis dahin im Westen kaum bekannte Gaddafi-Vertraute in Gesprächen mit britischen Regierungsvertretern vergeblich um politische Schadensbegrenzung. Den Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch London konnte er nicht verhindern.
Seit 2009 Innenminister
2009 ernannte Gaddafi den General zum Innenminister. Zu seinen neuen Aufgaben gehörte es, das Regime innenpolitisch abzusichern. Oder anders ausgedrückt: mit dem Machtapparat der Diktatur oppositionelle Strömungen und jede Kritik am „Bruder Führer“ zu unterdrücken. Er konnte allerdings nicht verhindern, dass der in Tunesien und Ägypten ausgebrochene „arabische Frühling“ auch auf Libyen übergriff.
Dann kam die überraschende 180-Grad-Wende des Abdel Fattah Junis. Schon im Februar legte er als eines der ersten Regierungsmitglieder sein Amt nieder und sagte sich von Gaddafi los. Er könne zum „Massenmord an unbewaffneten Jugendlichen“ nicht schweigen, erläuterte Junis seinen plötzlichen Gesinnungswandel. Der über den Verrat empörte Gaddafi erklärte seinen alten Kameraden für tot: Rebellen hätten den Minister erschossen.
Skepsis bei Bevölkerung blieb
Junis widersprach damals: Gaddafis Leute hätten zwar auf ihn gefeuert, aber nicht getroffen. Da sei er auch schon kein Minister Gaddafis mehr gewesen, sondern ein „Soldat im Dienste des Volkes“.
Dieses Volk blieb zumindest in Teilen skeptisch. Zwar werden die militärischen Verdienste des erfahrenen Generals für die Rebellenarmee nicht bestritten - etwa bei der Vertreibung von Gaddafi-Truppen aus Bengasi. Viele sahen in ihm aber vor allem noch einen Mann des alten Regimes, der als eine Art Doppelagent insgeheim weiterhin zu seinem alten Weggefährten hielt: einmal für Gaddafi, immer für Gaddafi ...
Friedhelm Schachtschneider,dpa