Zu langsam im „Smartphone-Wettrüsten“
Der BlackBerry-Hersteller Research in Motion (RIM), ein Pionier im Smartphone-Geschäft, macht gerade eine schwere Zeit durch. Die BlackBerrys verkaufen sich nicht so gut wie Apples iPhones und Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android. RIM will die Zukunft mit einer schrittweisen Umstellung der BlackBerry-Plattform auf das Betriebssystem QNX sichern, dabei kommt es aber zu Verzögerungen.
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Bei der Jahreshauptversammlung am Dienstag sagte RIM-Chef Jim Balsillie, dass sich der Release des neuen Betriebssystems QNX verzögern werde. Insgesamt sieben neue BlackBerry-Modelle sollen in den kommenden Monaten samt neuem Betriebssystem ausgeliefert werden. „Es mag sich verzögert haben, dafür gehen wir mit einem Vorsprung hinaus“, sagte Kochef Mike Lazaridis über die Verspätung des neuen BlackBerry Bold und „das Wettrüsten der Smartphone-Hersteller“.
Die Anleger äußerten am Dienstag in Toronto auch Bedenken, dass sich RIM langsam, aber sicher zum Übernahmekandidaten entwickle, und wollten Abwehrpläne für feindliche Übernahmen hören. Ein entsprechender Plan, in den USA auch „Poison Pill“ genannt, könne im Ernstfall innerhalb eines Augenblicks bereitgestellt werden, so Balsillie.
Vom Statussymbol zum Nachzügler
RIM hatte mit seinen BlackBerry-Geräten und dem dazugehörigen E-Mail-Push-System dank verschlüsselter Übertragung ursprünglich vor allem bei Business-Nutzern die Nase vorn. Der BlackBerry wurde zum Statussymbol der Manager. Mit dem Eintritt des iPhone und später der diversen Android-Handys und deren Öffnung für Unternehmensserver gerieten die Kanadier immer mehr unter Druck. Touchscreen-Displays wurden zum Standard, doch RIM folgte diesem Trend laut Branchenbeobachtern nur halbherzig.
PlayBook konnte nicht überzeugen
Rechtfertigen musste sich die Doppelführung auch zum holprigen Start des Tablet-PC PlayBook. So brauchte RIM sehr lange, um das PlayBook auf den Markt zu bringen und sich gegen die wachsende Konkurrenz von Apple, Motorola und Samsung zu wappnen.
Nach dem Start im April zeigten sich Experten zudem wenig begeistert und bescheinigten dem Gerät diverse Mängel. Rund 1.000 Geräte mussten wegen eines Softwarefehlers zurückgerufen werden. Die RIM-Führung versuchte nun die Aktionäre zu besänftigen, dass das PlayBook derzeit in rund 1.500 Firmen getestet werde, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor.
Kritik an Managementstruktur
Auch intern kommt es in dem 1999 gegründeten Konzern immer wieder zu Querelen. Zum einen geht es dabei um die vielseits kritisierte Managementstruktur mit den beiden Chefs Balsillie und Lazaridis, die sich auch den Vorsitz im Verwaltungsrat teilen. Hier entkam die Führung am Dienstag einer Abstimmung der Aktionäre, indem sie vor kurzem eine unabhängige Kommission einschaltete, die nun bis Ende des Jahres prüfen soll, ob die Struktur etwa durch einen unabhängigen Vorsitzenden gestärkt werden soll.
Damit ist die Entscheidung, die laut Analysten längst fällig wäre, lediglich verschoben. Mittelfristig wird das laut Analystenmeinung die ohnehin schon krisengeschüttelte Aktie weiter belasten, weil sich die Anleger nicht gut behandelt fühlen.
Zuletzt goss außerdem ein anonymer offener Brief Öl ins Feuer, in dem unter anderem ein Rücktritt von Balsillie und Lazaridis gefordert wurde. Das Blog Boy Genius Report veröffentlichte den Text und konnte nach eigenen Angaben auch bestätigen, dass er von einem ranghohen RIM-Manager stammt. Der Konzern sah sich genötigt, auf den Brief im Firmenblog zu reagieren, und versicherte, dass die Firmenspitze „aggressiv“ die aktuellen Herausforderungen und Chancen angehe.
Gewinnwarnung und Stellenabbau
Im Juni kündigte das Unternehmen nach enttäuschenden Zahlen einen Mitarbeiterabbau an. Das Unternehmen werde „seinen Geschäftsbetrieb straffen, dazu gehört auch eine Verringerung der Mitarbeiterzahl“, kündigte RIM an. Wie viele Mitarbeiter gehen müssen, blieb zunächst offen. RIM sah sich auch genötigt, seine Gewinnprognose zu senken. Der Börsenkurs sank alleine in den vergangenen sechs Monaten von 70 auf unter 30 Dollar.
RIM habe ein schwieriges erstes Geschäftsquartal hinter sich, räumte Balsillie damals ein. Von April bis Mai verkaufte das Unternehmen 13,2 Millionen Blackberrys und damit weniger als erwartet. Vom PlayBook wurde RIM 500.000 Stück los. Zum Vergleich: Apple setzte binnen drei Monaten zuletzt 18,7 Millionen iPhones und 4,7 Millionen iPads ab.
Marktanteile auf Sinkflug
In den USA sank der Marktanteil der RIM-Plattform laut comScore von November 2010 auf Februar 2011 von 33,5 auf 28,9 Prozent. Googles Android gewann im selben Zeitraum sieben Prozent dazu und lief auf 33 Prozent der Handys. Apples Marktanteil mit iOS legte um 0,2 Punkte auf 25,2 Prozent zu. Sieht man sich die Entwicklung der RIM-Marktanteile seit der Einführung des ersten iPhone an, so konnte der Konzern anfänglich noch gut mithalten. Erst mit der Einführung von Android startete die Talfahrt, die sich nun fortsetzt.
Weltweit prophezeien die Marktforscher von Gartner, dass Android bis Ende 2012 einen Marktanteil von fast 50 Prozent erreichen soll, RIM soll bis dahin auf 12,6 Prozent sinken.
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