„Nicht Fleisch, nicht Fisch“
Mit wenigen Ausnahmen wie Medizin und Lehramt für höhere Schulen sind die meisten Studienpläne in Österreich schon auf das dreistufige System Bachelor, Master, PhD umgestellt - eine Anforderung des EU-weiten Bologna-Prozesses. Für Arthur Schneeberger vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) gleicht dieser Schritt einer „Kulturrevolution“. Auch auf dem Arbeitsmarkt gibt es noch Skepsis.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Was der Bachelor den Unternehmen bringt, ist vielen Personalverantwortlichen noch unklar. Die Nuancierungen zwischen HTL- und Bachelor-Abschlüssen seien „noch nicht angekommen“, argumentierte etwa die Personalverantwortliche bei dem Technologieunternehmen Infineon Austria, Christiana Zenkl, gegenüber ORF.at: „Wir stellen so gut wie keine Bachelor-Absolventen ein.“
Für Labor- und Messarbeiten setzt das Unternehmen auf HTL-Maturanten, bei Jobprofilen für selbstständigere Arbeiten sind FH- und TU-Absolventen gefragt, manchmal sogar ein Doktorat. „Bachelor-Absolventen sind nicht Fisch, nicht Fleisch. Es ist formal ein akademischer Abschluss, aber für unsere Anforderungen nicht ausreichend“, sagt Zenkl.
„Niemand bevorzugt einen Bachelor“
Damit ist Zenkl unter Österreichs Personalisten nicht alleine. Es herrsche dem Bachelor gegenüber noch immer Skepsis, ist Roberta Borsos, Personalberaterin bei Hill Woltron, überzeugt: „Bei Wirtschaftsstudien werden Magister- oder Master-Absolventen gesucht. Niemand bei den großen österreichischen Unternehmen bevorzugt einen Bachelor.“
Offener seien Klein- und Mittelunternehmen und international tätige Firmen. Birgit Payer, die das Recruiting bei der Erste Bank Österreich leitet, wundert sich sogar, dass die Akzeptanz des Bachelors nicht so gut ist: „Für uns ist der Bachelor ein vollwertiger Akademikerabschluss. Der Master ist noch vertiefend, aber keine Voraussetzung.“

picturedesk.com/Verlagsgruppe News/Michel - Debor Heidi
OMV-Personalchef Georg Horacek ist gegenüber Bachelor-Absolventen „offen“.
Die Bank setzt insbesondere auf FH-Studierende mit den auf den Finanzbereich zugeschnittenen Studienrichtungen. Es gehe vor allem um die Persönlichkeit und um die praktische Erfahrung: „Karriere kann man unabhängig vom Titel machen.“ Unterstützung bekommt sie vom Bildungsexperten Schneeberger: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass man nur weiterkommt, wenn man einen Master-Titel hat." Entscheidend sei das Potenzial.“ „Offen“ gegenüber Hochschulart und Abschluss gibt sich auch OMV-Personaldirektor Georg Horacek: „Wir treffen da keine Unterscheidung.“ Zudem werde derzeit an einem Programm gearbeitet, das Einsteigern mit Bachelor-Abschluss berufsbegleitend den Master ermöglichen soll.
Im öffentlichen Dienst nicht anerkannt
Den Zahlen zufolge schließen viele Bachelors gleich noch ein Master-Studium an - laut einer IBW-Studie zwischen 75 und 88 Prozent je nach Studienrichtung. Ähnliches beobachtet auch Horacek. Viele Studierende würden „sicherheitshalber“ noch den Master vorher abschließen. Notwendige Voraussetzung sei das aus seiner Sicht aber nicht. So offen denkt nicht jedes Unternehmen und vor allem auch nicht der öffentliche Dienst.
Die Regierung konnte sich bisher nicht dazu durchringen, den Bachelor im öffentlichen Dienst als vollwertigen akademischen Abschluss zu akzeptieren. Es werde „sehr heftig“ an der Anerkennung des Bachelors für den öffentlichen Dienst gearbeitet, betonte die zuständige Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) erst vor wenigen Wochen. Bis heute können Beamte mit Bachelor keine für Akademiker gedachte A-Posten übernehmen. Für Sigrid Maurer (GRAS) vom ÖH-Vorsitzteam ist das „peinlich“: „Der Bund setzt eine politische Strategie um und dann sagt er selbst, die Bachelor-Absolventen können zu wenig.“
Bildungshierarchie erhalten
Freiwillig hätte Österreich die Dreiteilung des Studiums nie eingeführt, ist Schneeberger überzeugt: „Es gibt hier das Bestreben, die Bildungshierarchie zu erhalten. Mit dem Bildungsabschluss soll das Berufsschicksal besiegelt werden.“ Mit der internationalen Entwicklung könne das nicht mithalten.
Denn bei den Hochschulausgaben liege Österreich im Spitzenfeld, gleichzeitig kämpfe das Unisystem mit Kapazitätsproblemen: „In Österreich versucht man, schon bei Erstsemestrigen eine Einheit von Forschung und Lehre herzustellen, international ist der Anspruch erst ab dem Doktoratsstudium da. Dadurch entstehen Kapazitätsprobleme.“
Internationalität geht verloren
Seit dem Wintersemester 2006 ist ein Großteil der Studienrichtungen auf die neue Struktur umgestellt. In der Übergangszeit laufen die bisherigen Diplomstudien noch parallel. Maurer kritisiert Fehler bei der Umsetzung: „Die Studienpläne sind überfrachtet, es gibt zu wenig Wahlfreiheit und es ist schwieriger, ins Ausland zu gehen.“ Auch OMV-Personalchef Horacek warnt davor, dass der Bachelor im Vergleich zu Magister und Master an Breite verliere. Das größte Risiko sei aber der Verlust der für die Wirtschaft wichtigen Internationalität: „Es ist schwierig, in eine dreijährige Studienzeit noch ein Auslandssemester zu packen.“
Die Kritik kann Schneeberger zum Teil nachvollziehen. Es werde zu viel in den dreijährigen Abschluss eingepackt. Der Bildungsexperte ortet ebenfalls Mängel bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses. In Österreich werde etwa völlig ignoriert, einen breiten Zugang mit zweijährigen Zwischenabschlüssen wie Kollegs zu decken. Die gebe es zwar in Österreich, aber die Durchlässigkeit nach oben an die Uni sei nicht gegeben. Mit dieser Auslagerung könnten die Unis entlastet werden.
Maurer hält von Zwischenabschlüssen nicht viel: „Wir haben ein funktionierendes Studiensystem, aber ein unterfinanziertes.“ Es sei gut, wenn das Studium nach unten breiter werde. Unis würden aber ihre Hürden für das spätere Master-Studium so erhöhen, dass es außer für eine Elite immer schwieriger werde, dieses zu absolvieren.
Techniker überqualifiziert
Auch das Ziel einer Studienverkürzung wurde nicht wirklich erreicht, so Schneeberger. Im Durchschnitt dauere ein Bachelorstudium nun 7,8 Semester, mit dem Master insgesamt 11,5 Semester. Ein bisheriges Diplomstudium dauere 11,6 Semester. In vielen Fällen seien lange Studien auf dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht gefragt, ist Schneeberger überzeugt. 70 Prozent der TU-Absolventen seien für den ersten Job im Prinzip überqualifiziert, wenn man die Nachfrage und Jobbesetzung analysiert.
Denn 80 Prozent der Inserate sind neben Diplomabschlüssen von der Uni auch für FH-Absolventen, 50 Prozent auch für HTLer ausgeschrieben, zeigt eine Studie des IBW. Der Großteil der Absolventen käme nicht in der Forschung, sondern in Bereichen wie Marketing, Vertrieb, Fertigung und Verwaltung unter. Vor allem bei technischen Studien schlage die Fachrichtung die Hochschulart und den Titel, so Schneeberger.
Gleiche Stufe, weniger Gehalt
Bleibt noch der Vorwurf insbesondere der ÖH, dass mit dem ersten Abschluss „billige Arbeitskräfte“ produziert werden. Tatsächlich steigen Studenten mit Bachelor mit einem niedrigeren Gehalt ein. Bei der Erste Bank etwa beginnen Bachelor-Absolventen auf der Karrierestufe zwei ein, mit einem Bruttojahresgehalt von 29.000 Euro. Ein Master-Absolvent kann, ohne praktische Erfahrung, ebenfalls nur auf Stufe zwei einsteigen, erhält aber dennoch frisch von der Uni weg 33.000 Euro brutto pro Jahr zum Einstieg.
Bei der OMV gibt es keine Unterscheidung bei den Jobs, Einsteiger mit Bachelor verdienen aber um fünf bis zehn Prozent weniger als etwa Kollegen mit Magister-Abschluss, erklärte Horacek: „Über kurz oder lang wird der Bachelor dem heutigen Magister gleichgestellt sein.“ Nicht umsonst pocht die ÖH darauf, den Master als „Regelabschluss“ durchzusetzen.
Konkurrenz zu HTL & Co.?
„Der Bachelor ist näher an einem Absolventen einer berufsbildenden Schule“, sagt Schneeberger. Einen Verdrängungswettbewerb zwischen Maturanten höherer Schulen und Bachelor-Absolventen sieht Erste-Bank-Personalistin Payer aber nicht. HAK-Abgänger bewerben sich für den Vertrieb und gingen in die Kundenberatung. Bachelor seien vor allem im internen Bereich tätig.
In vielen Firmen steht der Bachelor-Absolvent aber im Wettstreit mit HAK- oder HTL-Maturanten und weniger mit Kandidaten mit Master-Abschluss, analysiert Borsos. Auch Infineon-Personalistin Zenkl sieht das so: „Der Bachelor steht eher in Konkurrenz zum HTL-Absolventen.“ Borsos ist trotz aller Skepsis und Verwirrung über den Titel überzeugt, dass die Akzeptanz des Bachelors steigen wird: „Das ist eine Frage der Zeit.“
PhDs hinken hinterher
Während Bachelor- und Master-Studien flächendeckend eingeführt wurden, hinkt das Doktoratsstudium deutlich hinterher. Neun von zehn Dissertanten machen noch immer den Doktor statt des PhD. Und die große Mehrzahl von ihnen bekommt auch kein Geld dafür - mehr dazu in science.ORF.at.
Simone Leonhartsberger, ORF.at
Links: