Themenüberblick

„Wir sind faschistisch“

Sie sind provokativ, exzentrisch und längst Ikonen der zeitgenössischen Kunst: Gilbert & George sind wieder in Österreich zu sehen. Das Linzer Lentos zeigt den größten Werkszyklus des britischen Künstlerduos, der je hierzulande gezeigt wurde.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

In den 78 leuchtenden, großformatigen „Jack Freak Pictures“ verarbeiteten sie Bilder von sich, Medaillen, Bäume und Stadtpläne. Stets wiederkehrendes Motiv ist der Union Jack, die britische Flagge. „Zuerst gab es den Freak, dann den Jack“, erklären Gilbert (67) und George (69) in Hamburg, wo die Schau vor Linz Station machte.

"Flagged" von Gilbert & George

Gilbert & George

„FLAGGED“

Immer wieder spielen sie in ihren Werken mit den „Freaks“, also Menschen, die nicht ins allgemeine Bild passen. Schließlich hielten sich die beiden, die seit mehr als 40 Jahren zusammen leben und arbeiten, selbst lange für Außenseiter. Auf vielen Exponaten ist das Paar abgebildet, stets stilvoll im britischen Gentleman-Look und umgeben von Amuletten, den Straßen Londons oder eben der blau-weiß-roten Flagge. Damit sind die Künstler - wie bei ihren bisherigen Arbeiten auch - nicht nur Schöpfer, sondern auch Protagonisten ihrer eigenen Bilderwelt.

Porträt von Gilbert & George

maschekS.

Gilbert & George

Schräge Kirchenfenster

Das Duo aus dem Londoner East End zählt inzwischen zu den Ikonen zeitgenössischer Kunst, schreibt Jenny Tobien von der deutschen Nachrichtenagentur dpa. Gerne provozieren Gilbert & George mit ihrer Arbeit, setzen sich mit Fragen zu Religion, Identität, Sexualität und Tod auseinander. Auf den ersten Blick muten die monströsen, rasterförmigen Werke religiös an.

Manche erinnern mit ihren Rosetten an mittelalterliche Kirchenfenster. Auf dem Bild „Christian England“ ist Jesus mit einem geschwungenen Union Jack um die Hüften abgebildet. „Wenn man Menschen an Kunst heranführen will, muss man übertreiben“, erklärt das Paar. Die Flagge sei allgegenwärtig und so sehr mit verschiedenen Bedeutungen aufgeladen, dass sie sich als Kunstobjekt geradezu anböten. Je nach Kontext entsteht eine andere Lesart des Union Jacks - das ist bei den Bildern von Gilbert & George so, und in der britischen Alltagsrealität ebenfalls.

Ausstellungshinweis

Jack Freak Pictures, von 17. Juni bis 19. Oktober, Lentos Linz, dienstags bis sonntags 10.00 bis 18.00 Uhr, donnerstags bis 21.00 Uhr. Zur Ausstellung ist im Hatja-Cantz-Verlag ein Katalog (176 Seiten, 15 Euro) erschienen.

„Lebende Skulpturen“

Berühmt wurden Gilbert & George als „lebende Skulpturen“. Die Idee, sich selbst zum Material ihrer Kunst zu machen, erweiterte den Skulpturenbegriff der 60er Jahre. Damals sei Kunst noch elitär gewesen, sagen die beiden. Ihr Galerist habe entsetzt reagiert, als die Putzfrau die Kunstwerke mochte. Aber das habe sich inzwischen geändert. Worüber sich die Herren, die längst im Pensionsalter sind, besonders freuen: „Wir haben gerade unter den jungen Leuten sehr viele Fans.“

„Unsere Werke sollen für jedermann verständlich sein“, erklären Gilbert & George, die alle Werke prominent signieren. Auch das habe seinen Sinn: „Die Bilder sind visuelle Liebesbriefe von uns an den Betrachter.“

„Künstler sind zu kritisch“

Eine Auswahl an Bildern aus der Serie mit den Flaggen war 2009 bereits in der Pariser Dependance der Salzburger Galerie Ropac zu sehen gewesen. Im Interview mit der „Presse“ sagten die Künstler mit einem für sie typischen ironischen Augenzwinkern: „Wir sind nicht Anti-Establishment, nicht kritisch, sehen alles absolut positiv. Selbst wenn man den Union Jack in Schwarz-Weiß sieht, erkennt man ihn sofort. Immerhin haben wir ein gutes Design. (...) Wir stehen dem Leben einfach positiv gegenüber. Die meisten Künstler sind zu kritisch.“

Blick in die Ausstellung im Lentos

maschekS.

Ausstellungsraum im Linzer Lentos

„Kränklich, mittelalt, voller Selbstmitleid“

Ihre Aussagen sind Teil der Gesamtperformance, die Gilbert & George stets darstellten. Legendär etwa ihre Selbstbeschreibung aus dem Jahr 1980, der bis heute nichts hinzuzufügen ist:

„Wir sind kränklich, mittelalt, voll von unanständigen Gedanken, deprimiert, zynisch, leer, gehirnmüde, heruntergekommen, verdorben, verträumt, von schlechtem Benehmen, ungehobelt, arrogant, intellektuell, voller Selbstmitleid, rechtschaffen, erfolgreich, hart arbeitend, nachdenklich, künstlerisch, religiös, faschistisch, blutrünstig, Quälgeister, destruktiv, ehrgeizig, lebhaft, verdammt, stur, pervers und gut. Wir sind Künstler.“

Links: