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Im Dienste des „geliebten Führers“

Sport eignet sich gut für Propaganda, das wurde im Lauf der Geschichte hinlänglich bewiesen. Und weil man in einer relativ jungen Sportart wie dem Frauenfußball - eine WM gibt es erst seit 20 Jahren - schneller an die internationale Spitze kommt, hat sich Nordkorea schon vor Jahren entschieden, in das Training einer Nationalmannschaft zu investieren.

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Nach außen will man es den Lieblingsfeinden wie Japan und den USA zeigen, nach innen weibliche Nationalheldinnen schaffen, die jungen Frauen vorleben, wie schön es ist, dem „geliebten Führer“ General Kim Jong Il mit aller Kraft zu dienen und ihn dadurch zu erfreuen. Von den letzten vier Asienmeisterschaften gewann das Team drei, bei der letzten WM 2007 kam es ins Viertelfinale. Ende Juni beginnt in Deutschland die nächste Weltmeisterschaft im Frauenfußball, und Nordkorea zählt zu den Angstgegnern.

Derzeit Versteckspiel in Deutschland

Der Zeitpunkt, um die österreichische Dokumentation „Hana, dul, sed“ (auf Deutsch: Eins, zwei, drei) über das Team in die heimischen und deutschen Kinos zu bringen, ist also ideal. Zumal das „Phantomteam“ gerade wieder einmal für Rätselraten sorgt, weil es zwar schon in Deutschland weilt, sogar als offizieller „Special Guest“, sich aber vollkommen abschottet und sogar versteckt. Deutsche Medien greifen die Doku, die 2010 den Dokumentarfilmpreis der Diagonale einheimste, dankbar auf und erwähnen sie durchwegs lobend.

Illustration des nordkoreanischen Frauenfußball-Nationalteams

Ri Filme/StadtkinoFilmverleih

Motiv für Propagandakunst

Ein voller Erfolg also für Brigitte Weich, die mit ihrem allerersten Film kein kleines Risiko eingegangen ist. Sieben Jahre lang arbeitete sie als Regisseurin und Produzentin gemeinsam mit Karin Macher immer wieder an „Hana, dul, sed“, teilweise auf eigene Kosten. Ständig musste sie Förderungen nachrennen - und immer wieder mit den Nordkoreanern diskutieren, wann, wo und wie sie drehen darf und schließlich sogar noch darüber, wie der Film geschnitten werden soll.

Nordkorea hoffte auf Propaganda

Das Projekt war eine andauernde Gratwanderung. Seinen Ausgang nahm es 2002, als beim Filmfestival von Pjöngjang die Dokumentation „The Game of their Lives“ über den Sensationserfolg der Nordkoreaner bei der Männer-WM 1966 zum großen Erfolg wurde, nicht zuletzt auch in Nordkorea selbst. Die Macher der Doku brachten dort Weich auf die Idee einer Story über Frauenfußball, und die nordkoreanische Korrfilm fand diese Idee exzellent - weil propagandatauglich. Weich filmte das Team zunächst 2003 und 2004 bei Auslandseinsätzen, bevor sie nach monatelangen Verhandlungen in Nordkorea drehen durfte, wie sie im Gespräch mit ORF.at erzählt.

Bei Niederlage - gefeuert

In Korea wurde sie ständig begleitet. Immerhin stellten die Nordkoreaner dafür die gesamte Logistik bereit - und, im Sinne von Zensur und Propaganda nicht unwesentlich, auch die Übersetzer. Was man sieht, sind in erster Linie vier Spielerinnen, die selbstbewusst und frech auftreten. Vor der Kamera nehmen sie einander auf den Arm. Im Lauf der Dreharbeiten verloren sie jedoch ihre Jobs auf dem Spielfeld, weil in der Olympia-Qualifikation ausgerechnet das entscheidende Match gegen den Erzrivalen Japan in die Hose ging. Also mussten sich die jungen Frauen neu orientieren.

Spielerinnen des Frauenfußball-Nationalteams von Nordkorea

Ri Filme/StadtkinoFilmverleih

Der Zusammenhalt stimmt - nicht nur auf dem Spielfeld.

Eine wurde Schiedsrichterin, eine macht die Ausbildung zur Trainerin, eine weitere arbeitet in einer Firma für Natursteine im Büro und die vierte heiratete und will sich um Haushalt und Kinder kümmern. Systemkritisch äußern sie sich nicht - und für ihren Ausschluss aus dem Team scheinen sie sich eher zu genieren als die entsprechende Entscheidung der Verantwortlichen zu hinterfragen. Im Gegenteil - ohne Unterlass danken sie dem „General“ und schwärmen von seiner Fürsorge für das Volk. Von Problemen mit traditionellen Rollenbildern erzählen sie jedoch sehr wohl.

„Wo bist du, geliebter General?“

Anfänglich seien die Eltern dagegen gewesen, dass ihre Töchter Fußball spielen. Und nach dem Ende der Karriere sei der Druck enorm, entweder selbst einen Mann zu finden oder sich nach den traditionellen Regeln vermitteln zu lassen - was eine von ihnen schließlich getan hat. Sonst jedoch sind die vier wegen ihres früheren Erfolges privilegiert. Sie bekamen ordentliche Wohnungen zugeteilt und bekommen Extrarationen beim Einkaufen. Dennoch gilt auch für sie in den kargen Geschäften wie für alle anderen eine strenge Rationierung mittels Lebensmittelmarken, wie man sie in Europa aus Weltkriegszeiten kennt.

Am Straßenrand filmte das Team Plakatsprüche wie „Wir wollen uns noch entschlossener mit der revolutionären Idee des Großen Führers, Genossen Kim Il Sung wappnen!“ Kim Il Sung, Vater von Kim Jong Il und „ewiger Präsident“ auch nach seinem Tod 1994, wird auch in der Filmmusik besungen. Lieder wie „Wo bist du, geliebter General?“ und „Es lebe Generalissimo Kim Il Sung“, „The General Star“ sprechen für sich selbst.

Das Regime über sich selbst erzählen lassen

Am Ende läuft es darauf hinaus: Man kann als Filmschaffender nur insofern kritisch sein, als man Propaganda zeigt, die der nordkoreanischen Nomenklatura selbst gefällt, die nach außen hin aber eine deutliche Sprache spricht. Wenn Zwei- bis Dreijährige im Kindergarten in Brainwash-Manier Kim-Jong-Il-Sprüche aufsagen oder ein Museum über die Gräueltaten des Westens besucht wird, genehmigt das die nordkoreanische Zensur gerne - im Rest der Welt werden solche Bilder mit Entsetzen aufgenommen.

Spielerinnen des Frauenfußball-Nationalteams von Nordkorea

Ri Filme/StadtkinoFilmverleih

Eine einzige Niederlage kann das Karriereende bedeuten.

Nach einem ähnlichen Prinzip funktionierte auch die international einmalige Ausstellung nordkoreanischer Propagandakunst im Vorjahr im MAK. Für beide Projekte gilt: Je mehr über Nordkorea nach außen dringt, desto besser. Wenn jemals Einfluss genommen werden soll auf das Regime in Sachen Menschenrechte, ist es immer besser, wenn man keinem blinden Fleck gegenüber agiert, sondern einem Land mit Menschen, deren Gefühle man zumindest erahnen kann. Gerade dann, wenn das scheinbar allergrößte Gefühl, die Liebe zum Führer, nur durch allergrößte Repression aufrechtzuerhalten ist.

Beim Bier in der Hotelbar

Die Nationalspielerinnen äußerten sich in Privatgesprächen mit der Regisseurin zwar nicht kritisch, aber bei einem Bier an der Hotelbar erwähnten sie auch nicht in jedem zweiten Satz den „geliebten Führer“, wie sie es vor der Kamera stets taten, erzählt Weich. Vom Endprodukt waren die Damen übrigens alles andere als begeistert, weil nicht nur die Siege der Mannschaft gezeigt werden, sondern auch die Niederlagen, vor allem jene gegen Japan im Qualifikationsspiel für die Olympiade in Athen.

Fast ein Eklat

So wollten die Fußballerinnen nicht dargestellt werden, und auch die Korrfilm war schwer enttäuscht und verlangte Änderung um Änderung. Das ging so weit, dass Weich, sonst diplomatisch gegenüber den Nordkoreanern, der Kragen platzte und sie den Spielerinnen an den Kopf warf: „Dann hättet Ihr eben gewonnen. Es wäre mir auch lieber gewesen, mit Euch nach Athen zu fahren.“

Schließlich versöhnten sich die Regisseurin und die Sportlerinnen wieder, und der Film wurde beim Pjöngjang-Festival gezeigt. Im offiziellen Programm stand er jedoch nicht. Das Publikum bestand lediglich aus den Spielerinnen, deren Familien und ausländischen Journalisten - aber immerhin. Der Kinobesuch sei jedenfalls uneingeschränkt empfohlen. Näher wird man Nordkorea und seiner sonderbaren Bilder- und Gedankenwelt nicht kommen, zumindest nicht in absehbarer Zeit.

Simon Hadler, ORF.at

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