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„Eindeutige Indizienlage“

Sprossen aus Niedersachsen könnten eine Ursache für den Ausbruch der schweren EHEC-Epidemie in Norddeutschland sein. Das teilte das Landwirtschaftsministerium in Hannover am Sonntag mit. Ein definitiver Labornachweis dafür fehlt aber bisher. Die Indizienlage sei jedoch so eindeutig, dass das Ministerium empfiehlt, derzeit auf den Verzehr von Sprossen zu verzichten.

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Sprossen aus einem Betrieb sind nach Angaben von Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) eine erkennbare Quelle der EHEC-Epidemie. Bei einer Mitarbeiterin sei eine EHEC-Infektion nachgewiesen worden. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die mit dem EHEC-Erreger kontaminierte Ware bereits vollständig verarbeitet und verkauft wurde“, hieß es aus dem Ministerium. Lindemann sagte, eine Mitarbeiterin aus dem betroffenen Betrieb sei nachweislich an EHEC erkrankt. „Das ist für uns die plausibelste Erkrankungsursache“, sagte der Minister.

Betriebsinhaber einsichtig

Die Sprossen aus dem Kreis Uelzen, die als ein EHEC-Auslöser im Verdacht sind, wurden unter anderem an einen Gasthof in Klein Meckelsen im Kreis Rotenburg (Niedersachsen), nach Lübeck, an ein Hotel im Kreis Lüneburg und an eine Kantine in Bochum geliefert. Der Geschäftsführer des Betriebes, in dem möglicherweise belastete Sprossen zusammengestellt wurden, ist nach Angaben von Lindemann kooperativ. Der Betreiber habe keinen Anwalt eingeschaltet, nachdem der Betrieb gesperrt wurde, sagte der Minister.

Sprossen immer wieder Überträger von Krankheiten

Auf die „heiße Spur“ kam man, da Sprossen schon öfter Überträger von Krankmachern wie Salmonellen, Noroviren und eben auch EHEC waren. In Japan waren Sprossen vor Jahren Grund für einen EHEC-Ausbruch: Nach dem Verzehr von Rettichsprossen erkrankten dort nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit mehr als 10.000 Menschen. Die Sprossen wurden demnach durch Rinderdung auf dem Feld verschmutzt.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) stellte bei einer Untersuchung fest, dass sich Keime in fertig verpackten Sprossen innerhalb weniger Tage stark vermehren und „am Ende des Verbrauchsdatums eine überdurchschnittlich hohe Keimbelastung für den Verbraucher darstellen“ können.

RKI zurückhaltend

Zu der Mitteilung, dass nun der Erregerherd gefunden sei, äußerte sich der Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, zurückhaltend: „Wir hüten uns im Moment vor vorzeitigen Befunden.“ Es gebe „eine Reihe von heißen Spuren“, aber keine „konkrete Ursache“. „Es gibt Kantinen, es gibt Restaurants. Es gibt Sprossen, und es gibt eine Reihe anderer Lebensmittel“, betonte er mit Blick auf die Untersuchungen der Experten.

Auch der deutsche Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) äußerte sich vorsichtig. „Wir haben zwar deutliche Hinweise darauf, dass ein Betrieb aus Uelzen offensichtlich eine Infektionsquelle ist, aber wir müssen die Bestätigung der Labortests abwarten“, sagte Bahr am Sonntag in der ARD-Sendung „Anne Will“. Bis dahin könne keine Entwarnung gegeben werden.

Biogasanlagen als Keimproduzent?

Zuvor waren auch Biogasanlagen ins Visier der Wissenschaftler gerückt, nachdem einige Veterinär- und Labormediziner dort den Erregerherd vermutet hatten. In den Gärbehältern der immer zahlreicher werdenden Biogasanlagen entstünden Bakterien, die es zuvor noch nie gegeben habe, sagte Bernd Schottdorf, Gründer des größten privaten europäischen Medizinlabors Schottdorf MVZ in Augsburg, der „Welt am Sonntag“.

Unterdessen arbeiten die Kliniken in Norddeutschland angesichts der EHEC-Fälle am Rande ihrer Möglichkeiten. Das sagte Bahr der „Bild am Sonntag“. In der Krankenversorgung gebe es Engpässe. Fehlende Kapazitäten etwa in den Städten Hamburg und Bremen könnten bisher aber durch umliegende Krankenhäuser ausgeglichen werden.

Insgesamt 22 Todesopfer

In Deutschland sind inzwischen 21 Menschen an der gefährlichen Darmerkrankung EHEC gestorben. Das sagte Burger am Sonntag in Hamburg vor Journalisten. Mit einer Patientin, die in Schweden an dem durch EHEC ausgelösten Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) gestorben ist, liegt die Zahl nun bei 22 Todesopfern. In Deutschland sind mit Stand Sonntag 1.526 Menschen an EHEC erkrankt, 627 Patienten litten an HUS, das zu akutem Nierenversagen führen kann. Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es auch außerhalb Deutschlands bereits mehr als 100 EHEC- und HUS-Fälle.

Gurkenwarnung mit juristischem Nachspiel

Der Hamburger Gesundheitsbehörden droht ein juristisches Nachspiel der Gurkenwarnung: Der erste spanische Obst- und Gemüsehändler will möglichst bald vor Gericht ziehen, wie Rechtsanwältin Sabine Pellens im Gespräch mit der dpa ankündigte. „Wir sind im Moment dabei, einen Eilantrag ans Verwaltungsgericht vorzubereiten, um Akteneinsicht von der aktenführenden Behörde zu bekommen.“ Sie vertritt die Firma Frunet, einen großen Ökoproduzenten und Händler in der Provinz Malaga.

Mit Hilfe der Akten will Pellens beweisen, dass die Hamburger Gesundheitsbehörde vor der Bezeichnung spanischer Gurken als EHEC-Träger die gesetzliche Sorgfaltspflicht vernachlässigt hat. „Nach unserem bisherigen Kenntnisstand sind bei diesen ersten beiden Proben, die der Warnung zugrunde lagen, nicht die vorgeschriebenen B-Proben entnommen worden“, so Pellens. Am Ende könnte es um Schadenersatz in Millionenhöhe gehen.

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