„Eine der größten Epidemien“
Bei schwer erkrankten EHEC-Patienten setzen Ärzte große Hoffnungen in eine neue Antikörpertherapie - doch wie wirksam diese ist, bleibt ungewiss. „Wir haben bisher kein eindeutiges Bild“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Reinhard Brunkhorst, am Freitag in Hamburg.
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Weder zu positiven Effekten noch zu Nebenwirkungen. „Wir haben es mit einer der größten durch Bakterien verursachten Epidemien in Deutschland der letzten Jahrzehnte zu tun“, betonte Brunkhorst. Bis die Ursache für die Ausbreitung des Erregers gefunden sei, solle man sich strikt an die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts halten, Tomaten, Gurken und Blattsalate nicht roh zu essen, so der deutsche Experte.
Wichtige Vorsichtsmaßnahmen
Neben der Vorsicht bei rohem Gemüse - die Österreichische Agentur für Gesundheit rät zum ausführlichen Waschen - wird auch der Verzicht auf den Konsum von rohem Faschiertem und von Rohmilch empfohlen. In beiden Quellen seien in der Vergangenheit EHEC-Keime nachgewiesen worden. Außerdem wird zum eingehenden und häufigen Händewaschen geraten, insbesondere nach dem Kochen und dem Stuhlgang.
Nicht alle Patienten sprechen darauf an
Meist behandeln Mediziner HUS-Patienten mit einer sogenannten Plasmapherese - also dem Austausch des Blutplasmas. Damit sollen giftige und entzündliche Stoffe entfernt werden, bevor die Niere geschädigt wird, sagte Hermann Haller von der Medizinischen Hochschule Hannover. „Manche Patienten sprechen darauf an, manche Patienten sprechen verzögert darauf an, manche Patienten sprechen nicht darauf an.“ Das Hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) ist eine besonders schwere Verlaufsform der Infektion mit dem EHEC-Erreger. Es kann zu Nieren- und Hirnschäden führen.
Bessere sich der Zustand eines Schwerkranken mit der Plasmapherese nicht, bekomme er den Antikörper Eculizumab, sagte Ulrich Kunzendorf von der Universität Kiel. Werde der Gesundheitszustand dann immer noch nicht besser, bekomme der Patient sowohl Plasmapherese als auch den Antikörper.
Im Notfall „Heilversuch“
Bisher könne die Effektivität der Antikörpertherapie aber nicht beurteilt werden, sagten Mediziner aus Kiel, Hamburg und Hannover übereinstimmend. „Es mag eine Tendenz zur Besserung geben unter dem Antikörper“, sagte Kunzendorf, „aber dass ganz schnell innerhalb von wenigen Tagen alle Patienten geheilt sind, das ist sicher nicht so.“
Die Behandlung mit Eculizumab sei ein sogenannter Heilversuch, erklärte der Nierenspezialist Rolf Stahl vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „Weil wir nicht zusehen können, dass die Patienten sterben, zentralnervöse Störungen haben - die eventuell bleibend sind - oder ihre Nierenfunktion verlieren.“
Zeitgewinn jetzt im Vordergrund
Angesichts der Schwere und Komplexität der Erkrankung lassen sich Stahl zufolge bisher keinerlei Aussagen über die Wirksamkeit von Eculizumab machen. „Wir werden einige Wochen warten müssen, bis wir eine gesicherte Datenlage haben.“ Die Mediziner hofften, mit dem Antikörper eine Chance zu haben, „in die Entwicklungskaskade der Gefäßverschlüsse in der Niere und im zentralen Nervensystem einzugreifen“.
Stahl betonte: „Ganz im Vordergrund für uns steht: Wir müssen diese Patienten durch diese schwierige Situation durchbringen, und das muss unser primäres Interesse sein.“
„Langsame Entwicklung“
Haller von der Medizinischen Hochschule Hannover sagte: „Es gibt keine Therapie zum jetzigen Zeitpunkt, die alle Patienten schlagartig gesund macht. Bei allen Patienten ist es so, dass es eine langsame Entwicklung ist, die wird langsam besser unter den Therapiestrategien, die wir einsetzen.“
Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) wies darauf hin, dass der Einsatz von Antibiotika in bestimmten Situationen bei Patienten mit EHEC-Infektion und Komplikationen wie HUS medizinisch angebracht sein könne. „Insbesondere bei bereits eingetretenem HUS gibt es keine präklinischen und klinischen Daten, die eine Verschlechterung des Krankheitsbildes durch eine notwendige Antibiotikatherapie zeigen oder vermuten lassen.“
„Scheinbare Beruhigung“
Der aggressive Darmkeim forderte in Deutschland am Freitag ein weiteres Todesopfer: Eine 80-jährige Frau aus Thüringen, die zur Kur im Nordosten war, starb bereits am Mittwoch im Landkreis Nordvorpommern, wie das Landesamt für Gesundheit und Soziales am Freitag in Rostock mitteilte. Damit sind in Deutschland mindestens 18 Menschen an dem Durchfallerreger gestorben. Bei einer in Baden-Württemberg gestorbenen Frau wird noch untersucht, ob sie sich mit EHEC angesteckt hatte.
Bei der Erkrankungswelle deutete sich in Deutschland unterdessen eine leichte Entspannung an. „Die Lage ist so, dass sie sich scheinbar etwas beruhigt, was die Zahl der Neuinfektionen angeht“, sagte der Präsident der Gesellschaft für Nephrologie, Brunkhorst. Er hoffe, dass sich dieser Trend verfestige. Allerdings hatte es auch zuvor schon Hinweise auf ein Abflauen der Welle gegeben, die Infektionen hatten dann aber wieder zugenommen.
Für Österreich zeigte sich AGES-Experte Franz Allerberger optimistisch, dass es zu keiner in Österreich erworbenen Infektion kommen wird, da hierzulande bisher nicht der mutierte EHEC-Keim gefunden wurde.
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