Jane Austens Werk „zu sentimental“
Der britische Literaturnobelpreisträger Vidiadhar Surajprasad (V. S.) Naipaul hat schon des Öfteren mit provokanten Aussagen - etwa über den Islam oder die Entwicklungszusammenarbeit - auf sich aufmerksam gemacht. Nun tat er in einem Interview mit der Royal Geographic Society seine zutiefst frauenfeindlichen Ansichten kund.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Der Autor wurde gefragt, ob es eine Schriftstellerin gäbe, die er als sein weibliches literarisches Pendant ansehen würde. Autorinnen seien überhaupt „ziemlich anders“, erklärte der Nobelpreisträger. „Ich lese etwas und nach einem oder zwei Absätzen kann ich sagen, ob es von einer Frau geschrieben wurde oder nicht.“ Der Grund dafür sei die „Sentimentalität“ der Frauen und deren „begrenzte Sicht auf die Welt“.

APA/EPA/Henrik Montgomery
Frauen seien viel zu gefühlsbetont, erklärte Naipaul, der bei der Nobelpreisverleihung 2001 vor Freude weinte.
Jane Austen als Negativbeispiel
Spezielle Kritik erntete ausgerechnet Jane Austen, die als eine der größten englischen Romanautorinnen gilt. Er könne „unmöglich ihre sentimentalen Bestrebungen und ihre gefühlsbetonten Ansichten teilen“.
Doch Naipaul war auch um ein aktuelleres Beispiel zur Untermauerung seiner Theorie nicht verlegen: „Meine Verlegerin hatte einen sehr guten Geschmack und war eine hervorragende Herausgeberin“, führte er weiter aus, „doch als sie Schriftstellerin wurde - welche Überraschung - war alles, was sie schrieb, feministischer Quatsch. Und das meine ich jetzt nicht gemein!“
Zusammenarbeit wurde immer mühsamer
Empörte Reaktionen und ein enormes mediales Echo ließen nicht lange auf sich warten. Die angesprochene Verlegerin Diana Athill, die neben Naipaul auch mit zahlreichen anderen prominenten Autoren wie Philip Roth und Simone de Beauvoir gearbeitet hat, gab dem Autor in einem „Evening Standard“-Interview Kontra: „Er war immer schon leicht reizbar und wie es aussieht, verliert er jetzt die Kontrolle gänzlich.“
Sie selbst habe schon länger keinen Kontakt zu Naipaul - was sie nicht als großen Verlust empfinde. „Die Zusammenarbeit wurde wegen seinen Depressionen und seiner schlechten Stimmung immer mühsamer. Als er sich entschloss, den Verlag zu wechseln, war ich richtiggehend erleichtert - es hat mein Leben leichter gemacht“, so die 93-Jährige.
Kritik und Spott in der Literaturszene
Kritik an den Aussagen kam auch von einer Vielzahl weiterer englischsprachiger Autoren und Literaturkritiker. Helen Brown, prominente Literaturkritikerin, spottete, dass es mit Sicherheit schwierig wäre, eine Schriftstellerin zu finden, deren Ego dem Naipauls entspräche. „Die arroganten und provokanten Aussagen werden auch männliche Autoren erschaudern lassen.“
Die britische Writer’s Guild erklärte, man wolle die Aussagen nicht einmal kommentieren, so absurd seien sie. Und der „Guardian“ lässt seine Leser selbst testen, ob sie ebenfalls mit dem Talent des Nobelpreisträgers gesegnet sind - mit einem „Naipaul Test - Can you tell an author’s sex?“, bei dem man erraten muss, ob zehn kurze Texte jeweils von einer Frau oder einem Mann stammen.
Links: