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Prozess Anfang Juli fortgesetzt

In grauem Anzug und Schildkappe ist der frühere Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, am Freitag zum ersten Mal vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien erschienen. Er ist wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Die 37-seitige Anklageschrift habe er nicht gelesen, er wolle sie auch nicht hören.

„Ich bin ein schwer kranker Mann. Ich will nicht, dass man mir die Anklage vorliest, keinen einzigen Buchstaben, keinen einzigen Satz“, sagte er bei seinem ersten Auftritt vor Gericht. Die Zusammenfassung wurde dennoch vorgetragen. Mladic verfolgte die Verlesung der elf Anklagepunkt ohne jede Regung. Der Vorsitzende Richter Alphons Orie führte einzelne Verbrechen wie „Vertreibung und Mord“ an. Er beschrieb von serbischen Verbänden angelegte Massengräber, Deportationen und Zwangslager.

Anklagepunkte verlesen

Die Anklage des UNO-Tribunals wirft Mladic in zwei Punkten Genozid in Srebrenica und weiteren acht Gemeinden vor. Andere Anklagepunkte betreffen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter die anhaltende Beschießung von Sarajevo und die Geiselnahme von 200 UNO-Soldaten kurz vor Kriegsende im Jahre 1995.

Mladic kommandierte die Armee der bosnischen Serben, die die Stadt Sarajevo 43 Monate lang belagerte. Rund 10.000 Menschen kamen dort ums Leben. Außerdem verübten bosnisch-serbische Soldaten, die unter seinem Befehl standen, ein Massaker an 8.000 Muslimen in der Stadt Srebrenica.

„Monströse“ Worte

„Ich muss das gut durchlesen“, sagte Mladic nach Verlesung der Anklage. Es handle sich um „widerwärtige und monströse Worte, von denen ich noch nie gehört habe“. Er benötige mehr als die eigentlich vorgesehenen 30 Tage zur Vorbereitung seiner Verteidigung. Die vorgebrachten Vorwürfe wies er zurück: „Ich habe mein Volk und mein Land verteidigt. Ich habe keine Muslime und keine Kroaten umgebracht.“

Mladic lehnte es aber ab, auf schuldig oder nicht schuldig zu plädieren. Bezieht er aber keine Stellung bis zum 4. Juli, wenn der Prozess fortgesetzt werden soll, wird das vom Gericht so bewertet, dass er auf nicht schuldig plädiere. Spätestens am 4. Juli muss der Ex-Militärchef zu den Anklagepunkten Stellung nehmen.

Spekulationen über Mladics Alter

Bei der Anhörung beendete Mladic auch Spekulationen über sein Geburtsdatum, das teilweise ins Jahr 1942 gelegt worden war. Er sei 1943 in dem Dorf Bozanovic in der Gemeinde Kalinovi im Südosten Bosnien-Herzegowinas geboren worden. Das Gericht will diese Angaben nun prüfen. Das Tribunal hatte bisher den 12. März 1942 als Geburtstag des Angeklagten angegeben.

Das internationale biografische Archiv Munzinger hatte bereits zuvor geschrieben, Mladic sei am 12. März 1943 geboren. Im Onlinelexikon Wikipedia gibt es mehrere Varianten. Während in der deutschen und der kroatischen Ausgabe der 12. März 1942 genannt wird, steht in der serbischen der 12. März 1943.

Mladic „verhandlungsfähig“

Der Anwalt des Angeklagten hatte zuletzt ärztliche Diagnosen vorgelegt, nach denen Mladic 2009 wegen Lymphdrüsenkrebses behandelt wurde und bereits drei Hirnschläge und zwei Herzinfarkte erlitten haben soll. So wurde begründet, dass Mladic möglicherweise einen Prozess nicht durchstehen würde. Auch Mladic spielte vor dem Tribunal darauf an, dass er schwer krank sei.

Laut dem Haager Tribunal ist er aber verhandlungsfähig. "Im Augenblick gibt es keine Hinweise, dass der Gesundheitszustand Mladic hindern wird, am Gerichtsverfahren teilzunehmen, sagte der Sekretär des Sonderstrafgerichtshofs, John Hocking gegenüber der Belgrader Zeitung „Blic“. Das Tribunal bestreitet auf Basis ärztlicher Untersuchungen, dass Mladic an Lymphdrüsenkrebs leide, berichtete die Presseagentur Beta.

Als Mladic vor den Richtern ankündigte, sich zu seinem Gesundheitszustand äußern zu wollen, ordnete der Vorsitzende der Anhörung eine Unterbrechung an. Zu dieser „privaten Sitzung“ war die Öffentlichkeit nicht zugelassen.

50.000 Euro Hilfe für Verteidigung

Mladic wurde vergangene Woche aus Belgrad an das Den Haager UNO-Tribunal ausgeliefert. Eine Berufung seines Anwalts war abgelehnt worden. Serbien will für die Verteidigungskosten nicht zahlen. Die Regierung der Serbischen Republik in Bosnien-Herzegowina hingegen stellte 50.000 Euro Soforthilfe bereit, hieß es von Medienberichten. Als Pflichtverteidiger für Mladic wurde Anwalt Aleksandar Aleksic vorgestellt. Der Sohn des früheren Generals Mladic betonte, dass sein Vater im Prozess beweisen werde, dass er unschuldig sei und nur „sein Volk geschützt“ habe.

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