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Der Himmel kann warten

In den USA haben Hunderte christliche Fundamentalisten vergeblich auf das Ende der Welt gewartet. Laut einer Vorhersage des 89-jährigen Radiopredigers Harold Camping sollte die Apokalypse am Samstag weltweit mit schweren Erdbeben beginnen, während einige wenige Auserwählte in den Himmel auffahren sollten.

Doch der große Knall blieb aus, Ungläubige reagierten mit bösem Spott. Laut Campings Prophezeiung sollte die Erde am Samstag weltweit jeweils um 18.00 Uhr Ortszeit zu beben beginnen - es wurden jedoch aus keinem Erdteil besondere Vorkommnisse gemeldet. Auch die angekündigten Himmelfahrten der wenigen guten Menschen auf Erden fanden lediglich als spöttische Inszenierungen im Internet statt.

Inszenierte „Himmelfahrten“ im Netz

Blitzartig breitete sich im Internet ein „Himmelfahrtskommando“ aus: Aus dem Vorschlag, die Apokalypse nachzustellen, um Campings Anhängern in Ermangelung eines echten Weltuntergangs „über die schwere Zeit zu helfen“, entstand der Hype nachgestellter Himmelfahrten - mit zurückgelassener Kleidung und Schuhen. Ein eigener Twitter-Feed dazu hatte regen Zulauf. Wieder andere sammelten Zufallsbilder mit „Himmelfahrten“ von unbelebten Gegenständen wie Bierflaschen und Kaisersemmeln.

Manche wälzten auch Pläne, aufblasbare Puppen mit Helium zu füllen und gen Himmel steigen zu lassen, um Himmelfahrtsstimmung aufkommen zu lassen. Darüber hinaus wurden „Apokalypse-Playlist-Empfehlungen“ für mp3-Player ausgetauscht und anderes mehr. Schließlich wurde auch Computerriese Apple zum Ziel der Spötter, da dort just zum Zeitpunkt des angekündigten Weltuntergangs die Hardwarebestellsite für die USA umgebaut wurde und deshalb nicht mehr funktionierte. Wenn Apple keine Bestellungen mehr wolle, könne das Ende der Welt tatsächlich nicht mehr fern sein, lautete der hämische Kommentar dazu.

Apokalyptiker verschenkten Hab und Gut

Wieder andere „Ungläubige“ schlugen Profit aus dem Irrglauben der Sektenanhänger und versprachen ihnen, nach deren Himmelfahrt für ihre Haustiere zu sorgen. Die Ungläubigen wären laut der Prophezeiung für weitere fünf Monate fürchterlichen Leidens auf der zerbröselnden Erde geblieben. Die spontan gegründete Firma garantierte, ausschließlich Atheisten zu beschäftigen und bekam angeblich Hunderte Aufträge - im Vorhinein zu bezahlen.

In den USA hatten sich Anhänger des Predigers aus dem kalifornischen Oakland, der 1994 schon einmal das Ende der Welt vorhergesagt hatte, bereits seit Wochen für den Tag der „Entrückung“ (rapture) gewappnet. Einige kündigten ihre Jobs, andere verschenkten all ihr Hab und Gut. Viele von ihnen spendeten fast ihr ganzes Vermögen an Camping oder starteten auf eigene Faust kostspielige Infokampagnen, um die Sünder der Welt auf deren vermeintlich nahendes Ende aufmerksam zu machen.

Campings Jünger fest im Glauben

Die Nachrichtenagentur AP interviewte nach dem Ausbleiben des Weltuntergangs einige von ihnen, die sich im Sektenhauptquartier in Oakland eingefunden hatten, und es zeigte sich, dass sie in ihrem Glauben an Camping nicht im Geringsten erschüttert waren. Die meisten sprachen davon, dass Gott den Sündern doch noch eine Gnadenfrist geschenkt habe oder die Gläubigen prüfen habe wollen.

Besonders einfallsreich war die Erklärung von Campings Sekte selbst. In deren Rundfunk- und Internetsender „Family Radio“ hieß es, Gott habe die Gläubigen bewusst in die Irre geführt: „Wenn Du etwas sagst und es geschieht nicht, verletzt das nur Deinen Stolz. Aber wer braucht Stolz? Gott hat gesagt, er widersteht den Stolzen und segnet die Bescheidenen“, hieß es dort in der Botschaft des „Projektverantwortlichen“ für den Weltuntergang.

Endzeitbotschaften in ganze Welt getragen

Campings apokalyptische Botschaften waren über dessen Multimillionen-Dollar-Medienimperium in 61 Sprachen in aller Welt verbreitet worden. So versammelten sich etwa auch in Vietnam Tausende Angehörige der Volksgruppe der Hmong im Nordwesten des Landes, wo sie nach Berichten von Anwohnern in Verstecken im Wald auf den Weltuntergang warteten. Auch im mexikanischen Ciudad Juarez, sonst Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Drogenbanden, kündigten riesige Plakatwände das Jüngste Gericht an - und sorgten dort zumindest für einen einzigen relativ friedlichen Tag.

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