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Gefecht mit Al-Kaida-Kämpfern

Der Chef des Terrornetzwerks Al -Kaida, Osama bin Laden, ist tot. Das bestätigte US-Präsident Barack Obama: „Heute kann ich bekanntgeben, dass die USA eine Operation durchgeführt haben, bei der Osama bin Laden getötet wurde“, sagte er in einer Fernsehansprache im Weißen Haus, die um 23.30 Uhr Ortszeit (5.30 Uhr MESZ) begann.

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Bin Laden sei schon vor geraumer Zeit in Pakistan aufgespürt worden, berichtete Obama. Vergangene Woche habe er Spezialkräfte beauftragt, „ihn der Gerechtigkeit zuzuführen“. Bin Laden sei in einer gezielten Aktion nach einem Feuergefecht getötet worden, seine Leiche befinde sich in US-Gewahrsam. US-Spezialeinheiten hätten die Operation in Pakistan am Sonntag gestartet und erfolgreich beendet, sagte Obama. Bin Laden sei bei einem Gefecht getötet worden. Die US-Einheit habe anschließend dessen Leichnam sichergestellt.

Wörtlich sagte Obama: „Auf meinen Befehl haben heute die Vereinigten Staaten eine gezielte Operation gegen einen Gebäudekomplex in Abbottabad, Pakistan, durchgeführt. Ein kleines Team von Amerikanern mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Mut führte die Operation aus. Sie bemühten sich, zivile Opfer zu vermeiden. Nach einem Feuergefecht töteten sie Osama bin Laden und stellten seinen Leichnam sicher.“

US-Präsident Barack Obama

AP/Pablo Martinez Monsivais

Obama verkündet seinen bisher wichtigsten außenpolitischen Erfolg.

In seiner vom TV live übertragenen Rede im Ostflügel des Weißen Hauses sprach Obama vom „bisher größten Sieg unserer Nation im Bemühen, Al-Kaida zu besiegen“.

USA „nie im Krieg mit dem Islam“

Die USA hätten im vergangenen August die Spur des Terroristenführers aufgenommen. Vergangene Woche habe er für die Operation in Pakistan gegen Bin Laden grünes Licht gegeben. „Die USA werden nie in einen Krieg mit dem Islam treten. Bin Laden war kein Muslimführer, er war ein Massenmörder“, sagte Obama. Obama machte keine Angaben über die genauen Umstände der militärischen Aktion außerhalb von Islamabad. In den kommenden Tagen werde der Präsident der Öffentlichkeit aber vermutlich mehr Details über die Kommandoaktion preisgeben, so die „New York Times“ unter Berufung auf Berater Obamas.

40-minütiger Einsatz

CNN berichtete unter Berufung auf US-Regierungs- und pakistanische Geheimdienstmitarbeiter, Bin Laden habe Widerstand geleistet und sei in den Kopf geschossen worden. Drei weitere Männer seien getötet worden, ebenso eine Frau, die als menschlicher Schutzschild verwendet worden sei. Laut CNN kam das US-Einsatzkommando per Helikopter, und die Aktion dauerte rund 40 Minuten. Auf US-Seite habe es keine Verletzten gegeben, obwohl ein Helikopter während des Angriffs wegen technischer Probleme abgestürzt sei. Der Hubschrauber sei dann aus Sicherheitsgründen zerstört worden.

Die US-Regierung habe aus Sicherheitsgründen die Geheimdienstinformationen vor der Operation mit keinem anderen Land geteilt - auch nicht mit Pakistan. Pakistanische Fernsehsender veröffentlichten am Montag erste Bilder des getöteten Al-Kaida-Chefs. Die Bilder wurden den Sendern nach eigenen Angaben aus Militärkreisen zugespielt.

Weit weg von Tora Bora

Der Aufenthaltsort von Bin Laden - tief im Kernland Pakistans und nur rund eine Stunde Autofahrt nördlich der Hauptstadt Islamabad - ist jedenfalls eine Überraschung. Jahrelang war er in den Bergen von Tora Bora im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermutet worden. Später hatte es immer geheißen, Bin Laden habe sich in die entlegenen Stammesgebiete im Westen Pakistans zurückgezogen.

Das wird wohl auch erneut die Frage aufwerfen, wie sehr Pakistan im Anti-Terror-Kampf tatsächlich zur Kooperation mit den USA bereit ist. Islamabad hatte jahrelang bestritten, dass sich Bin Laden in Pakistan aufhält. Die US-Geheimdienste wiederum hatten jahrelang die Spur des Al-Kaida-Chefs verloren. Unklar ist, ob der pakistanische Geheimdienst wusste, wo sich Bin Laden aufhält. In Abbottabad, wo sich Bin Laden mit Teilen seiner Familie in einem von hohen Mauern umgebenen Anwesen aufhielt, befindet sich eine große pakistanische Militärbasis inklusive Akademie und Spital.

Jubelnde Menschenmenge vor dem Weißen Haus in Washington

AP/Manuel Balce Ceneta

Tausende feiern vor dem Weißen Haus Bin Ladens Tod.

Botschaften in Alarmbereitschaft

Die USA versetzten ihre diplomatischen Vertretungen in aller Welt in Alarmbereitschaft. US-Amerikaner in Staaten, „in denen die Tötung Bin Ladens Gewalt auslösen könnte“, wurden in einer weltweiten Reisewarnung aufgerufen, in ihren Häusern zu bleiben. Grund ist die Befürchtung, dass Terroristen Vergeltungsanschläge verüben könnten.

Vor dem Weißen Haus feierten Tausende Menschen den Tod Bin Ladens. Die euphorische Menge versammelte sich am Sonntagabend im Herzen Washingtons und skandierte „USA, USA“, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Auch die US-Nationalhymne wurde angestimmt. Einige Menschen schwenkten US-Flaggen.

Kurz vor Obamas TV-Ansprache hatte sich die Nachricht vom Tod Bin Ladens bereits in US-Medien verbreitet. Hochrangige Kongressabgeordnete seien vom Weißen Haus bereits vom historischen Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus in Kenntnis gesetzt worden, berichtete etwa der Nachrichtensender CNN.

Pakistan bestätigt Tod

Der pakistanische Geheimdienst ISI bestätigte am Montag die Tötung Bin Ladens in Pakistan. Bin Laden sei in der Nacht bei einer gemeinsamen Operation amerikanischer und pakistanischer Sicherheitskräfte in der Stadt Abbottabad, rund 100 Kilometer nördlich von Islamabad, getötet worden, sagte ISI-Chef Ahmed Shuja Pasha im pakistanischen Fernsehen. Auch einer von Bin Ladens Söhnen sei ums Leben gekommen.

Laut pakistanischen Sicherheitskreisen lief die Operation kurz nach Mitternacht (Ortszeit) an und dauerte insgesamt vier Stunden. Wie lange der Kampf selbst dauerte, sagten die pakistanischen Quellen nicht. Der Einsatz sei von US-Kräften geführt worden. Pakistanische Einheiten hätten die Aktion unterstützt, sagte ein Geheimdienstmitarbeiter, der anonym bleiben wollte.

Explosion im World Trade Center in New York

Reuters

Der Angriff auf die Twin Towers veränderte die Weltpolitik.

Erleichterte Reaktionen

Politiker weltweit reagierten am Montag mit Erleichterung auf den Tod Bin Ladens. „Osama bin Laden war verantwortlich für die schlimmsten terroristischen Gräueltaten, die die Welt je gesehen hat - für den 11. September und für so viele Anschläge, die Tausende Menschenleben gekostet haben, davon viele britische. Es ist ein großer Erfolg, dass er gefunden worden ist und nun nicht mehr in der Lage sein wird, seine Kampagne des weltweiten Terrors zu verfolgen“, sagte der britische Premierminister David Cameron.

Das französische Präsidialamt sieht im Tod Bin Ladens ein „großes Ereignis im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus“. Frankreich würdige die Beharrlichkeit der USA, erklärte der Elysee-Palast. Der italienische Außenminister Franco Frattini feierte den Tod des Al-Kaida-Chefs als einen „großen Sieg für die USA und für die ganze internationale Gemeinschaft“ im Kampf gegen den Terrorismus. Es sei ein Sieg der freien und demokratischen Welt über das Böse, so Frattini am Montag in Rom.

Auch Israel begrüßte die Aktion. „Israel ist nach der Liquidierung Bin Ladens in Freude mit dem amerikanischen Volk vereint“, teilte das Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu am Montag mit. Afghanistans Präsident Hamid Karzai wertet den Tod Bin Ladens als einen Warnschuss für die radikalislamischen Taliban. „Die Taliban müssen ihre Lektion daraus lernen“, sagte Karzai am Montag bei einer Pressekonferenz. „Die Taliban sollten Kämpfe unterlassen.“ Die Tötung Bin Ladens nannte er eine „wichtige Nachricht“.

9/11: Fast 3.000 Tote

Bin Laden wird von den USA für die Terroranschläge vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht, bei denen fast 3.000 Menschen starben. Die weltweite Fahndung nach ihm blieb erfolglos, er wurde in Verstecken in Pakistan und Afghanistan vermutet.

Sein Tod wird die Frage nach der künftigen Führung von Al-Kaida aufwerfen und dürfte auch Auswirkungen auf die US-Außen- und -Sicherheitspolitik haben, die seit zehn Jahren vom weltweiten Kampf gegen den Terrorismus geprägt ist. Gleichzeitig dürften allerdings Befürchtungen wach werden, dass Al-Kaida den Tod ihres Anführers rächen könnte.

Die USA machen Bin Laden auch für weitere Anschläge vor dem 11. September 2001 verantwortlich, darunter die Attentate auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1996, bei denen mehr als 200 Menschen starben, und der Angriff auf den US-Zerstörer „Cole“ im November 2000 im jemenitischen Aden mit 17 Toten.

Seit 2001 vergebliche Suche

Der ehemalige US-Präsident George W. Bush gratulierte Obama zum Tod von Bin Laden. Bush sprach am Sonntagabend von einem „bedeutenden Erfolg“. „Der Kampf gegen den Terror geht weiter, aber heute Nacht hat Amerika eine unmissverständliche Nachricht ausgesandt“, so Bush in seiner Erklärung. „Ganz gleich, wie lange es dauert, der Gerechtigkeit wird Genüge getan.“

Auch Bushs Vorgänger Bill Clinton beglückwünschte die US-Regierung. „Ich gratuliere dem Präsidenten, dem nationalen Sicherheitsteam und den Mitgliedern unserer Armee dafür, dass sie Osama bin Laden nach über einem Jahrzehnt mörderischer Al-Kaida-Attacken zur Rechenschaft gezogen haben“, schrieb Clinton an das Weiße Haus.

US-Präsident Bush (2001 bis 2009) hatte sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 jahrelang vergeblich bemüht, Bin Laden aufzuspüren. Dieser hatte sich immer wieder in Video- und Audiobotschaften zu Wort gemeldet und seine Anhänger zum „Dschihad“ gegen den Westen aufgerufen. 2007 hatten die USA ein Kopfgeld von 50 Millionen Dollar auf Bin Laden ausgesetzt. In jüngster Zeit war es aber still um Bin Laden geworden, als Sprachrohr des Terrornetzwerks fungierte sein Stellvertreter Aiman al-Sawahiri.

Erfolg für Obama

Der Tod bin Ladens gilt als großer Erfolg für Obama. Nach seinem Amtsantritt hatte er den Schwerpunkt des Anti-Terror-Kampfes auf Afghanistan gelegt und die US-Truppenstärke dort stark erhöht. Obama hatte seinem Vorgänger im Wahlkampf vorgeworfen, nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 nicht entschlossen genug in Afghanistan gegen das Terrornetzwerk Al-Kaida vorgegangen zu sein und die Chance ausgelassen zu haben, Bin Laden dort aufzuspüren.

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