Doppelte Herausforderung für die Zukunft
Nach der Reaktorkatastrophe in Japan sind Rufe nach einem „Raus aus Atom“ wieder lauter geworden. Doch die stoßen nicht nur auf Widerstand von Ländern, die partout nicht auf Kernkraft verzichten wollen, sondern – zumindest auf absehbare Zeit – auch an die Grenzen des Machbaren.
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Selbst auf Sicht von Jahren bräuchte es für einen Atomausstieg nicht nur ein radikales Umdenken, sondern vor allem Milliardeninvestitionen in den Sektor erneuerbare Energie. Warum das so ist, ist rasch erklärt: Zahlreiche Länder weltweit sind immens abhängig von der Atomkraft.
Forciert wurde diese Entwicklung in den letzten Jahren noch durch die Klimadebatte, in der Kernkraft von ihren Lobbys als die CO2-freie, „saubere“ und „billige“ Alternative zur „schmutzigen“ Energie aus Kohle und Erdöl propagiert wurde. Länder wie Frankreich, Belgien, die Slowakei und Deutschland müssten für einen Atomausstieg ihre Energiewirtschaft praktisch auf den Kopf stellen. Dass etwa Frankreich, abgesehen davon, dass dort das Thema „Raus aus dem Atom“ seitens der Regierung keines ist, von heute auf morgen drei Viertel seiner Produktion auf erneuerbare Energieformen umstellen kann, scheint kaum realistisch zu sein.
Abhängigkeit vom Atomstrom im Ländervergleich
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| Land |
AKWs |
Leistung (TWh) |
Anteil (%) |
| Frankreich |
58 |
390 |
75,1 |
| Slowakei |
2 |
13,7 |
54,4 |
| Belgien |
7 |
45 |
51,7 |
| Ungarn |
4 |
14,6 |
44,9 |
| Schweiz |
5 |
26,1 |
39,2 |
| Tschechien |
6 |
25,7 |
35,8 |
| Finnland |
4 |
22,6 |
33,1 |
| Japan |
45 |
263 |
29,2 |
| Deutschland |
17 |
127,8 |
22,8 |
| USA |
104 |
798,7 |
20,2 |
| Großbritannien |
19 |
62,9 |
17,9 |
| Spanien |
8 |
50,5 |
17,5 |
Rund fünf Prozent Atomstromimport
Österreich ist hier in einer etwas vorteilhafteren Position, nicht nur weil das Thema Kernenergie mit dem AKW Zwentendorf 1978 ein für allemal ad acta gelegt wurde. Zum einen ist der Energiemix (zumindest in der Produktion) durch den hohen Anteil von Strom aus Wasserkraft bereits vergleichsweise „grün“, zum anderen die Abhängigkeit von Atomstrom relativ gering.
Wie groß deren Anteil auf dem Markt ist, lässt sich nur hochrechnen. Der „Stromkennzeichnungsbericht 2010“ der E-Control weist für Österreichs Importe einen Anteil von 17,5 Prozent Strom „unbekannter Herkunft“ aus. Der stammt aus dem ENTSO-E-Netz (European Network of Transmission System Operators for Electricity, Anm.), in das im Vorjahr wiederum 28,89 Prozent Strom aus Kernenergie eingespeist wurde. Für Österreich ergibt sich aus beiden Zahlen ein Atomstromanteil von knapp über fünf Prozent. Die lassen sich einfacher kompensieren als 75 Prozent in Frankreich.
„Größtmögliche Unabhängigkeit“
„Unser Ziel ist es, dass Österreich durch den laufenden Ausbau der Wasserkraft und des geförderten Ökostroms (Wind, Photovoltaik, Biomasse, Biogas, Kleinwasserkraft) unabhängig von Atomstrom wird“, hieß es dazu Ende März aus dem Büro von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) gegenüber ORF.at. „Allein durch die Novelle des Ökostromgesetzes können wir den Anteil des geförderten Ökostroms von zehn auf 15 Prozent steigern.“ Durch eine größtmögliche Unabhängigkeit vom Atomstrom könne Österreich seine „Anti-Atom-Linie auch international glaubwürdig vertreten“.
Das Ministerium verweist auch darauf, dass jeder Verbraucher selbst seinen Stromanbieter wählen könne, ob er Atomstrom will oder nicht. Aus dem E-Control-Bericht ist ersichtlich, welcher Anbieter welchen Mix liefert.
Deutsche „Wahl gegen Atomkraft“?
Etwas schwieriger als in Österreich ist die Sache schon in Deutschland, wo das Thema Atomausstieg seit der Strahlenkatastrophe im japanischen Fukushima wieder auf der tagespolitischen Agenda steht. Dazu müsste Deutschland seinen Energiesektor im Vergleich zu Österreich (60 Prozent Wasserkraft, 30 Prozent aus kalorischen Kraftwerken, rund zehn Prozent Ökostrom) deutlich umbauen. Die Energieversorgung der Bundesrepublik hängt zu 22,6 Prozent von Atomstrom ab, die 17 in Betrieb befindlichen AKWs lieferten im Vorjahr 140.556.542 Megawattstunden (MWh) elektrische Energie. 15 Kernkraftwerke sind (vorübergehend) stillgelegt.
Die zweite Seite des Dilemmas
Am Beispiel Deutschlands zeigt sich die zweite Seite des Dilemmas: Noch schwieriger, als den Anteil an Atomstrom zu ersetzen, ist, ihn „sauber“ und wirtschaftlich zu ersetzen. Zwar sind AKWs keineswegs so billig (bedenkt man die enormen Kosten etwa für Stilllegungen) wie oft argumentiert wird, aber ihre Leistung ist enorm – und: Sie produzieren keine Treibhausgase.
Weit weg von „grün“
In diesem Punkt sieht es beim Rest des deutschen Energiemix anders aus: 2010 wurden laut Daten des statistischen Bundesamtes bzw. des Bundeswirtschaftsministeriums 23,7 Prozent des Strombedarfs aus Braun-, 18,7 aus Steinkohle, 13,6 Prozent aus Erdgas und 16,5 aus erneuerbaren Energieformen gedeckt. Vergleicht man diese Zahlen mit dem Jahr 1990 (31,1 Prozent Braun-, 25,6 Steinkohle, 6,5 Erdgas, 3,6 Prozent Wasserkraft, Solarstrom und Co.), dann sieht man, beim Thema nachhaltige Energie hat sich wohl etwas getan, aber weniger als man vermuten möchte.
Spielraum „relativ klein“
Für einen Ausstieg aus der Kernkraft müsste der Sektor alternative Energie nun um mehr als 100 Prozent wachsen, oder aber man erhöht den Anteil fossiler Energieträger. Das lässt sich aber nicht nur nicht mit der vereinbarten Reduktion der Treibhausgasemissionen laut EU-Agenda 2020 unter einen Hut bringen, sondern Erdöl und Erdgas werden bekanntlich auch immer knapper. Der Ausbau des Sektors Biotreibstoffe wiederum stößt wegen seiner negativen Folgen für die weltweiten Nahrungsmittelpreise und speziell die „Dritte Welt“ auf Kritik.
Kurzum: Der Ausstieg aus der Kernkraft wäre schon eine immense Herausforderung, eine tatsächlich „saubere“ Energiezukunft ein noch viel ambitionierteres Projekt, wie auch aus einer Studie im Auftrag des Umweltministeriums unter dem Titel „Energieautarkie für Österreich 2050“ klar wird. Die wäre machbar, lautet deren positives Fazit, allerdings nur mit massiven Investitionen in „grüne“ Technologie, den öffentlichen Verkehr und damit verbunden auch Änderungen persönlicher Gewohnheiten jedes einzelnen – und dann nur mit einem „relativ kleinen“ Spielraum.
Georg Krammer, ORF.at
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