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Tsunami kam zum Unterrichtsende

Die Schicksalsschläge, die die Bewohner im Erdbebengebiet nördlich von Tokio erlitten haben, übersteigen das Vorstellungsvermögen: Familienmitglieder und Freunde unter den Schlammfluten begraben, Haus oder Wohnung völlig zerstört - oft können die Opfer angesichts des Ausmaßes der Zerstörung nicht einmal mehr sagen, wo ihr Haus noch in der Vorwoche stand.

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Binnen Minuten haben die gewaltigen Erdstöße und die nachfolgende Flutwelle das bisherige Leben Hunderttausender Menschen zerstört und buchstäblich in Stücke gerissen. Auch für rund 30 Kinder in einer Volksschule der Stadt Ishinomaki - mehr als 300 Kilometer nordöstlich von Tokio - wird Freitag, der 11. März 2011, für immer ein brutaler Wendepunkt in ihrem Leben bleiben.

Ein Journalist der britischen Tageszeitung „Daily Telegraph“ besichtigte die Stadt und fand in einer Volksschule jene 30 Kinder, die seit dem Tsunami darauf warten, etwas von oder über ihre Eltern zu hören.

Ansteckende Stille

Als die gigantische Flutwelle kam, war der Schultag gerade zu Ende, doch die Eltern der Mädchen und Buben kamen nicht, um sie abzuholen. Seit damals warten sie geduldig in der Schule, verbringen die Zeit mit dem Lesen von Büchern und Kartenspielen. Einigen von ihnen sei wohl klar, dass ihre Eltern vom Tsunami erfasst wurden, die Kleineren hätten aber möglicherweise nur Ahnungen, so der „Telegraph“-Reporter, der selbst den Raum nicht betreten durfte, um die Kinder nicht noch mehr zu verstören. Die Stille, die in dem Raum herrsche, sei ansteckend. Keiner wolle sie offenbar brechen.

Die Not dieser zwischen acht und zwölf Jahre alten Kinder werde durch den Lärm anderer Kinder, die am Gang spielen, noch hervorgehoben - Kinder, die das Glück haben, dass ihre Eltern die Flutwelle überlebt haben.

Zwei Soldaten gehen zwischen Trümmern in der Stadt Ishinomaki

AP/Kyodo News

Soldaten in den Trümmern der zerstörten Stadt Ishinomaki

Schulgebäude nun Notunterkunft

Der Sportlehrer der Schule, Masami Hoshi, bemühe sich seit der Katastrophe darum, in dem in eine Notunterkunft umfunktionierten Gebäude das Nötigste für die mehr als 650 Menschen aufzutreiben. Vor allem aber versuche er auch, Schüler und deren Eltern, die vermisst sind, ausfindig zu machen. Das sei in mehreren Fällen gelungen, so Hoshi - nicht aber im Fall dieser 30 Kinder, die derzeit von überlebenden Verwandten und Lehrern betreut werden.

„Der Tsunami brach genau über uns herein, als die Kinder der mittleren Klassen von ihren Eltern abgeholt wurden, wir konnten sie daher im Gebäude in Sicherheit bringen“, so Hoshi. Die Jüngeren hätten etwas früher mit den Eltern das Gebäude verlassen. Diejenigen, die hinter dem Schulgebäude nach Hause gegangen seien, hätten vermutlich überlebt. „Alle, die in diese Richtung gegangen sind (er deutet über einen verschlammten Spielplatz zu einer mit Schutt übersäten Straße), haben es wahrscheinlich nicht geschafft.“

Wochenlanges Warten auf Gewissheit

Obwohl die Schule mehr als einen Kilometer von den Wellenbrechern, die die Stadt schützen sollten, entfernt liegt, wurde das Erdgeschoß rund eineinhalb Meter hoch geflutet. Mehrere Eltern seien von den Wassermassen aus dem Gebäude geschwemmt worden, mit Hilfe von Feuerwehrschläuchen aber wieder ins Gebäude gezogen worden.

Die Schule hatte zum Zeitpunkt, als sich der britische Reporter dort aufhielt, weder Strom noch Heizung noch fließendes Wasser. Wegen des Kälteeinbruchs habe die Temperatur auch im Gebäude meist unter dem Gefrierpunkt gelegen. Und es fehlte an Lebensmitteln.

Die Kinder, von den Ereignissen ohnehin noch um ein Vielfaches mehr überwältigt und überfordert als die Erwachsenen, wird das Leben noch länger eines zwischen der Extreme - zwischen Hoffnung und Verzweiflung - sein. Denn es könnte noch Wochen dauern, bis die Kinder Gewissheit über das Schicksal ihrer Eltern und Geschwister haben werden - wenn überhaupt.

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