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TEPCO: „Sehr schlimmes Szenario“

Im Atomkraftwerk Fukushima dürfte es am Dienstag in der Früh zu einer massiven Freisetzung von Radioaktivität gekommen sein. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete, wurden die Arbeiter nach einer starken Explosion angewiesen, den zweiten Reaktorblock zu verlassen. Die Betreiberfirma TEPCO sprach am Dienstag von einer „sehr schlimmen Szenario“.

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Das Dach der Anlage sei beschädigt worden, so die Nachrichtenagentur Jiji. Dampf stieg aus dem Komplex auf. Laut Kyodo wurde auch der Reaktorbehälter beschädigt. Es werde befürchtet, dass aus einem Leck Strahlung austritt, meldete die Agentur unter Berufung auf TEPCO. Die radioaktive Strahlung um die Anlage stieg deutlich an. Es wurde eine Strahlenbelastung von 8.217 Mikrosievert pro Stunde gemessen, was das Achtfache des Jahreswertes ist. Es handelte sich um einen sprunghaften Anstieg: Noch 40 Minuten zuvor waren 1.941 Mikrosievert pro Stunde im AKW gemessen worden. Die gesetzliche Höchstgrenze liegt bei 500 Mikrosievert pro Stunde.

Ministerpräsident: Gebiete um AKWs verlassen

Ein TEPCO-Sprecher teilte nach Berichten des Rundfunksenders NHK mit, das Unternehmen habe die Regierung von der Notsituation unterrichtet. Die Strahlenbelastung rund um das Atomkraftwerk ist nach den Worten von Ministerpräsident Naoto Kan hoch. Er hielt ein Leck für möglich. Die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze steige daher, so Kan Dienstagfrüh.

Kernschmelze

Bei einer Kernschmelze überhitzen die Brennstäbe so sehr, dass sie sich verflüssigen und in eine unkontrollierbare radioaktive Schmelze verwandeln. Die Folgen sind schwer kalkulierbar: Ein Gemisch aus Spaltmaterial und Metall, das 2.000 Grad Celsius oder noch heißer wird, könnte sich durch die Schutzhülle des Reaktorkerns fressen und in die Umwelt gelangen.

Kan rief die Bevölkerung in den Evakuierungszonen um die beiden Atomkraftwerke von Fukushima eindringlich auf, diese Gebiete zu verlassen. Die meisten Bewohner hätten diese Aufforderung bereits befolgt. Jetzt würden alle aufgefordert, die Zonen zu verlassen. Geräumt werden sollen ein Umkreis von 20 Kilometern um Fukushima I und zehn Kilometer um Fukushima II. In Reaktor 4 von Fukushima 1 sei ein Feuer ausgebrochen. Man habe die Streitkräfte von Japan und der USA gebeten, den Brand zu löschen. Dort sei zudem eine „deutlich erhöhte“ Radioaktivität gemessen worden, so Kan weiter. Die austretende Radioaktivität habe ein gesundheitsgefährdendes Maß erreicht. Er rief die Bevölkerung im Umkreis von 30 Kilometern auf, in ihren Häusern zu bleiben.

Regierungssprecher Yukio Edano sagte, in den Reaktorblöcken 1 bis 3 werde das Einpumpen von Wasser planmäßig fortgesetzt. Es gelte jetzt, diese Kühlung aufrechtzuerhalten. Nach der Explosion im Reaktor 2 sei eine begrenzte Menge Radioaktivität ausgetreten, so Edano. Bei der Explosion sei wahrscheinlich ein Teil des Reaktorbehälters beschädigt worden, bestätigte Edano Medienangaben. Mit zunehmender Entfernung vom Atomkraftwerk werde die Strahlung geringer, versuchte Edano zu beruhigen. „Wir können unser Alltagsleben weiterführen“, erklärte er.

Druckabfall im Reaktorbehälter

Nach der Explosion im Reaktor 2 habe man damit begonnen einen Teil der Arbeiter in Sicherheit zu bringen, so TEPCO. Im AKW Fukushima seien noch 50 Mitarbeiter. Diese bemühten sich darum, die Stabilität der Anlage zu sichern. Nach dem Explosionsgeräusch um 6.15 Uhr Ortszeit (22.15 Uhr MEZ) habe man einen Druckabfall im Reaktorbehälter festgestellt. Dies deute darauf hin, dass die innere Druckkammer des Reaktors beschädigt worden sei, so TEPCO weiter.

Etwa fünf Stunden zuvor hatten Techniker damit begonnen, Meerwasser in den Siedewasserreaktor zu pumpen, um eine drohende Überhitzung der Brennstäbe zu verhindern. Die Uranbrennstäbe waren am Montag 140 Minuten lang nicht von Wasser umgeben, was die Gefahr einer Kernschmelze erhöht hatte.

Wind treibt Wolke auf Tokio zu

In der Präfektur Ibaraki zwischen Fukushima und der Hauptstadt Tokio seien höhere Werte als normal gemessen worden, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstagmorgen. Zum Zeitpunkt der Explosion herrschte nach Angaben von Meteorologen Nordwind in Fukushima. Damit könnten radioaktive Teilchen nach Süden in die rund 260 Kilometer entfernt gelegene Metropole Tokio gelangen.

Karte mit prognostizierter Ausbreitung der radioaktiven Wokle nach AKW-Unfall

APA/Rainer Waxmann

Das Einzugsgebiet der Hauptstadt umfasst 40 Millionen Menschen, die innerhalb weniger Stunden einer gewaltigen radioaktiven Wolke ausgesetzt sein könnten. Tokio liegt 240 Kilometer südlich des Atomkraftwerks, wo die Strahlungswerte schon am Montagabend massiv erhöht waren. Sie erreichten 3.130 Mikrosievert pro Stunde, das Fünffache des gesetzlichen Höchstwerts.

Atomunfall könnte unkontrollierbar werden

Sollte die Hülle eines Reaktors bersten, könnte laut Experten ein Super-GAU mit massiver Freisetzung radioaktiver Strahlung drohen. Besonders gefährlich ist die Lage, weil die Reaktoren direkt nebeneinander stehen und die Explosion eines Reaktors auch die anderen treffen könnte. Die Situation könnte unkontrollierbar werden.

Probleme mit der Kühlung gibt es auch im rund zwölf Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima 2. Dort arbeiten Experten an der Wiederherstellung der Kühlung von zwei Reaktoren. Zudem hatte im AKW Tokai am Sonntag (MEZ) eine Pumpe für das Kühlsystem versagt.

Hilfe von IAEA und USA erbeten

Japan forderte zuvor Hilfe von Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) an. Bis dato stehe noch nicht fest, wann die von Japan angeforderten Experten der IAEO anreisen werden und wo sie anschließend tätig sein sollen, so IAEA-Chef Yukiya Amano am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien. „Wir werden die Details dazu in den kommenden Tagen besprechen.“

Japan bat auch die USA um Hilfe bei der Kühlung. Die zuständigen Stellen in den USA prüften derzeit, welche technischen Hilfsleistungen für Japan infrage kämen, teilte die US-Atombehörde NRC am Montag in Washington mit. NRC-Experten würden die Entwicklung von ihrem Krisenzentrum in den USA rund um die Uhr verfolgen.

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