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Kritik an Turnus hält an

Über 2.000 österreichische Ärzte arbeiten derzeit in Deutschland. Ein Großteil davon sind Jungmediziner in Ausbildung. Die jährliche Zuwachsrate liege bei zwölf Prozent, weiß der Jungärztereferent der Wiener Ärztekammer, Martin Andreas. Laut der Ärztevertretung arbeiten rund 2.500 Mediziner aus Österreich im Ausland. Und die Migration wird zunehmen, sind Experten überzeugt.

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Deutschland kämpft bereits mit einem eklatanten Ärztemangel und wirbt intensiv um Mediziner aus dem Ausland. Nicht nur suchen deutsche Ärzte in Großbritannien und Skandinavien nach besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen. Durch das Numerus-clausus-System wird auch weniger Nachwuchs ausgebildet.

An Österreichs Medizinuniversitäten gibt es hingegen noch ausreichend angehende Jungärzte - mit Konsequenzen für die Ausbildung. „In den vergangenen Jahren wurde in Österreich zu viel ausgebildet. Dadurch entstanden auch die langen Wartezeiten auf weitere Ausbildungswege“, erklärt Andreas gegenüber ORF.at.

Turnus inoffiziell Voraussetzung

Zwar ist auch in Österreich nicht vorgeschrieben, dass die Ausbildung zum Facharzt erst nach dem Turnus begonnen werden kann. Es habe sich aber so eingebürgert, dass viele mit dem Turnus starten, weiß Andreas aus Erfahrung. Spitäler nützten gerne den Vorteil, dass Turnusabsolventen bereits selbstständig Nacht- und Wochenenddienste übernehmen können. Wenn aber zuerst der Turnus und dann die Facharztausbildung absolviert werde, dauert das bis zu neun Jahre. Das könnte man sich sparen.

Während es in Wien nach wie vor Wartezeiten von bis zu drei Jahren für einen Turnusplatz gibt, bekommt man - mit Ausnahme der Ballungszentren rund um die Städte - nahezu sofort eine Turnusstelle. Bisher waren Turnusärzte günstig und schnell ersetzbar, mittlerweile wandern viele potenzielle Bewerber insbesondere in den Grenzregionen ins Ausland ab. Da habe nun ein Umdenkprozess bei einigen Ausbildungsstellen eingesetzt, so Andreas.

„Nur eine Ausbildung bezahlt“

Die geringere Zahl an Jungärzten wirkt sich bereits auf die Ausbildung in einigen Spitälern aus. In Wels in Oberösterreich etwa hätte das Spital bereits damit begonnen, Aufgaben umzuschichten - die Krankenschwestern nehmen Blut ab, die Turnusärzte bekommen eine bessere Ausbildung. In Wien werde das noch dauern, glaubt Andreas. Dort sei die Nachfrage noch zu groß.

„Für Abteilungsvorstände ist es angenehm zu sehen, wie jemand als Turnusarzt arbeitet“, erklärt Michaela Rauschmeier vom Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV). Das erleichtere die Entscheidung für die Übernahme zu einer Facharztstelle. Findet ein Kandidat aber keinen Ausbildungsplatz während der Turnuszeit, muss er Allgemeinmediziner bleiben oder in einem anderen Bundesland eine Stelle suchen: „Der KAV zahlt nur eine Ausbildung“, betont Rauschmeier.

„Sind die Stationsdeppen“

Die Kritik an der Turnusausbildung hält seit Monaten an. Die Arbeits- und Ausbildungszeit von Turnusärzten werde nicht optimal genutzt. Denn während in anderen Ländern etwa diplomierte Krankenschwestern Arbeiten wie Blutabnahme und das Anlagen von Infusionen übernehmen, liegt das in Österreich in der Hand der Turnusärzte, genauso wie bürokratische Routinearbeit auf der Station.

„Turnusärzte haben eine systemerhaltende Funktion und sind die Stationsdeppen“, kritisiert Julia Baumgartner, Sprecherin der Jungen Allgemeinmedizin Österreich, im Interview mit ORF.at. Sie selbst habe nach ihrem Turnus „nicht das Gefühl gehabt, selbstständig als Ärztin“ tätig sein zu können.

Sie plädiert für eine Facharztausbildung für Allgemeinmediziner und eine Rotation auch in Ambulanzen während der Turnuszeit. Gute Allgemeinmediziner, die mehr sind als „nur Überweiser und Rezepteschreiber“, fehlen bereits heute - auch in den Städten, ist Baumgartner überzeugt.

Alternative Ausland

Immer mehr wollen den Turnus umgehen und wechseln ins Ausland, um dort gleich mit einer Facharztausbildung zu beginnen. Ein österreichischer Medizinabsolvent, der nicht genannt werden will, sah für sich als einzige Alternative, ins Ausland zu gehen. „Ich hätte rund vier Jahre auf einen Turnusplatz warten müssen. Die Wartezeit hätte ich etwa bei einem niedergelassenen Arzt für 200 Euro pro Monat bei einer 40-Stunden-Woche verbringen können“, erzählt er gegenüber ORF.at.

Als Wiener wiederum sei es schwierig gewesen, im angrenzenden Niederösterreich eine Stelle zu bekommen. Er macht nun seine Facharztausbildung in der Schweiz und Deutschland: „Ich wollte nicht als Turnusarzt die Drecksarbeit auf der Station machen.“

Rückkehr könnte schwierig werden

Auch wenn die Arbeitsbedingungen etwa in Deutschland nicht ideal sind, bestehe doch die Gefahr, dass viele Ärzte im Ausland bleiben, glaubt Baumgartner. Diese Sorge teilt Arztkollege Andreas nicht, immerhin kämen sie als gut ausgebildete Ärzte zurück. Allerdings muss auch er zugestehen, dass es bei der Rückkehr nach Österreich etwa in Spitälern schwierig sein könne, „da man einfach nicht durch das System gegangen ist“.

Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) hebt zwar die „guten Arbeits- und Lebensbedingungen“ der Ärzte in Österreich hervor. In der EU könne man aber nie ausschließen, dass junge und mobile Menschen ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland verlagern.

Aufforderung zur Auswanderung

Als Vorteil für den Beginn der praktischen Ausbildung im Ausland sieht die Ärztekammer das neue „ius migrandi“, mit dem das Medizinstudium in Österreich als „ärztliche Grundausbildung“ anerkannt wurde und Medizinabsolventen in Deutschland sofort berufsberechtigt sind. Damit können Wartezeiten in Österreich verringert werden, wirbt die Ärztekammer für die Ausbildung im Ausland. In Österreich muss weiter vor der Berufsberechtigung der Turnus oder die Facharztausbildung abgeschlossen werden.

Gesundheitsminister Alois Stöger

APA/Georg Hochmuth

Gesundheitsminister Alois Stöger

Stöger will von einer Abwanderung ins Ausland nichts wissen. „Manche müssten die Koffer packen, aber nicht ins Ausland, sondern in die Region. Es gibt dort viele Krankenhäuser, die Ausbildungsplätze haben und man muss nicht warten“, sagte er in einem ZIB2-Interview.

Anreize für Landärzte fehlen

Derzeit kann der Bedarf an Ärzten in Österreich noch weitgehend gedeckt werden. Allerdings gibt es auch hier bereits Engpässe. Insbesondere in ländlichen Regionen wird es schwieriger, Nachfolger für Landarztpraxen zu finden. Zudem stünde rund ein Drittel dieser Ärzte in den nächsten Jahren vor der Pensionierung, warnte Otto Pjeta, Referent der österreichischen Ärztekammer für Landmedizin und Hausapotheken, bei einem Symposion zur Ärztemigration vor wenigen Tagen.

Verschärft wurde diese Situation noch durch ein Wegfallen der Hausapotheke in vielen Fällen. Seit 2006 dürfen Ärzte nur noch Hausapotheken mitführen, wenn die nächste Apotheke weiter als sechs Kilometer entfernt ist, berichtete der „Kurier“. Die Hausapotheken sind laut Ärztekammer eine wichtige Einkommensquelle für Landärzte.

Verdienst und Karrierechancen bieten wenig Anreiz für junge Ärzte, eine Praxis auf dem Land zu führen, spricht Baumgartner stellvertretend für viele ihrer jungen Kollegen. Es brauche andere Rahmenbedingungen wie etwa durch Zusammenschlüsse mit mehreren Ärzten und Anreize, auf das Land zu ziehen.

Pensionierungswelle bei Fachärzten

Gewarnt wird allerdings auch vor einem Fachärztemangel in den kommenden Jahren. „Rund ein Viertel unserer Fachärzte ist bereits über 55 Jahre alt. In den kommenden Jahren rollt eine Pensionswelle auf uns zu, die offenen Stellen müssen dann neu besetzt werden“, warnt ÖÄK-Präsident Walter Dorner. Die Alterspyramide schiebe sich auch bei den Spitalsärzten immer weiter nach oben.

Umso mehr Experten pochen darauf, dass Jungärzte gleich eine Facharztausbildung beginnen. Andreas: „Dann sind sie früher versorgungswirksam. Derzeit sind Fachärzte im Durchschnitt mit 38 Jahren fertig. Das wäre bereits mit Anfang 30 möglich.“

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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