Vertrauter von gestürztem Präsidenten
Nach dem Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak hat der Oberste Militärrat am Freitag in einer Fernseherklärung die Übernahme der Macht in Ägypten bestätigt. Damit steht derzeit mit dem Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi ein enger Vertrauter von Mubarak an der Spitze des Landes.
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Protegiert vom bisherigen Staatspräsidenten, stieg der Infanterist Tantawi zum einflussreichsten Militär seines Landes auf. Mubaraks Vertrauter war in den vergangenen 20 Jahren Verteidigungsminister und Oberkommandierender der Streitkräfte.
Erster Offizieller auf Tahrir-Platz
Nach offiziellen Angaben ist der asketisch wirkende Tantawi 75 Jahre alt. In von WikiLeaks veröffentlichten US-Depeschen wird sein Alter aber auch mit 82 Jahren angeben. Die US-Diplomaten charakterisieren Tantawi als „reformresistent, charmant und vornehm“. Ebenso wie Mubarak halte er am Status quo fest.
Die Weltöffentlichkeit nahm von Tantawi Kenntnis, als er in der Vorwoche auf dem Kairoer Tahrir-Platz mit Armeekappe vor die Demonstranten trat. Der Minister gab sich volksnah und sprach im Dialekt zu den Regimegegnern. Mit eindringlichen Worten („Leute, es reicht“, Anm.) wies der General die Rücktrittsforderungen an die Adresse Mubaraks zurück und warb für einen sanften Machtwechsel mit einer Wahl im September.
Enger Kontakt zu USA
Tantawis Aufstieg zum Übergangsstaatschef hatte sich in den vergangenen Tagen abgezeichnet. Nach dem von Mubarak verkündeten Rücktritt der alten Regierung übernahm er den Posten des Vizeministerpräsidenten. Dabei stand Tantawi in engem Kontakt zum Verbündeten USA. Verteidigungsminister Robert Gates hatte nach eigener Aussage zuletzt mehrfach mit seinem Amtskollegen in Kairo telefoniert.
Als Soldat war Tantawi an allen wichtigen Kriegen seines Landes in den vergangenen Jahrzehnten beteiligt. Er kämpfte 1956 im Sues-Krieg gegen die Briten und deren Verbündete sowie 1967 gegen Israel. Unter seiner Führung als Verteidigungsminister zog Ägypten 1991 an der Seite der USA in den zweiten Golfkrieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein.
Mubarak hatte immer deutlich gemacht, wie außergewöhnlich groß sein Vertrauen in den General war. Als erster Ägypter überhaupt durfte sich Tantawi mit dem Titel eines Feldmarschalls schmücken.
Würdigung für Mubarak-Rücktritt
Das ägyptische Militär kündigte nun in einer ersten Erklärung an, wie es die Übergangszeit nach der Machtübernahme gestalten will. Die Legitimität der Maßnahmen hänge von der Zustimmung des Volkes ab, hieß es in einer am Freitagabend im Fernsehen verlesenen Erklärung des Militärrats. Dazu gebe es keine Alternative. Den Streitkräften sei das Ausmaß der Forderungen des Volkes nach einem radikalen Wandel bewusst.
Das Militär würdigte zudem Mubaraks Rücktritt, der im Interesse des Landes erfolgt sei. Den Menschen, die bei den Protesten getötet wurden, bezeugte ein Armeesprecher mit einem militärischen Gruß Respekt. Sie hätten ihr Leben für die Freiheit Ägyptens gegeben.
Staat im Staate
Anders als die wegen ihrer groben Menschenrechtsverletzungen verhasste Polizei hat das Militär in Ägypten viel Sympathien bei den Menschen. Als nach Beginn der Massenproteste die ersten Panzer auf dem Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo auffuhren, brandete Jubel auf.
Die ägyptische Armee - seit dem Sturz der Monarchie durch die „Jungen Offiziere“ Anfang der 1950er Jahre der wichtigste Machtfaktor - ist ein Staat im Staate. Sie hat nicht nur eine eigene Gerichtsbarkeit, sondern auch eigene Firmen, die in ihrem Geschäftsfeld oft über Staatsmonopole verfügen. Zudem erhält sie jährlich 1,4 Milliarden Dollar US-Hilfe.
Jeder der vier ägyptischen Präsidenten seit der Revolution von 1952 kam aus den Reihen der Streitkräfte. Diese zählen knapp 470.000 Mann, weitere 480.000 Reservisten können jederzeit mobilisiert werden. Die Offiziere gelten als privilegiert.
Logischer Schritt?
Politische Beobachter vermuten, dass die Streitkräfte bei ihrer Vorgangsweise letztlich keine andere Wahl hatten. Das gelte insbesonders in Hinblick auf eine mögliche Ausweitung der Streiks und Demonstrationen und auf das allgemeine Misstrauen gegenüber Vizepräsident Omar Suleiman, dem langjährigen Geheimdienstchef.
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