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Späte Reaktion auf „Freitag des Zorns“

Ungeachtet einer Ausgangssperre haben Tausende Ägypter in der Nacht zum Samstag ihre Proteste gegen das Regime von Präsident Husni Mubarak fortgesetzt. Mubarak war es in seiner ersten Fernsehansprache seit dem Beginn der Proteste nicht gelungen, die Gemüter der Menschen zu beruhigen.

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Der 82-Jährige kündigte für Samstag die Bildung einer neuen Regierung an. Ein Reporter des arabischen Nachrichtensenders al-Jazeera berichtete am frühen Morgen, es gebe keine Zusammenstöße mehr mit der Polizei, da die von den Straßen verschwunden sei. Sie sei durch Militär ersetzt worden. Die Demonstranten hatten die Soldaten zum Teil stürmisch begrüßt. Am Abend waren Panzer und Truppentransporter aufgefahren.

Die Demonstranten forderten nach der Rede in der Nacht weiter den Rücktritt des Staatschefs. „Mubarak muss das Land verlassen“, skandierten Regierungsgegner auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo. Mubarak hatte in der Ansprache vor Chaos gewarnt und „neue Schritte hin zu mehr Demokratie“ sowie eine Verbesserung des Lebensstandards versprochen.

Mindestens 25 Tote

Zuvor waren am Freitag bei den bisher schwersten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften mindestens 25 Menschen ums Leben gekommen, tausende wurden verletzt. Demonstranten zündeten die Zentrale der Nationaldemokratischen Partei (NDP) an. Viele Polizeiwachen wurden in Brand gesteckt. Polizeifahrzeuge wurden demoliert.

Mubaraks mit Spannung erwartete Rede war seine erste öffentliche Stellungnahme seit Beginn der Proteste am Dienstag. Er machte deutlich, dass er das Land trotz der Massenproteste gegen seine Person selbst aus der Krise führen wolle. In einem ersten Schritt habe er den Rücktritt der bisherigen Regierung angeordnet und wolle bereits am Samstag ein neues Kabinett einberufen. Darüber hinaus versprach er wirtschaftliche und politische Reformen: „Wir werden vor Reformen nicht zurückschrecken.“

Mehr Freiheiten für die Bevölkerung und die Unabhängigkeit der Justiz sollten demnach sichergestellt werden. Zudem sicherte Mubarak „neue Maßnahmen“ für die Durchsetzung der Demokratie zu und versprach ein entschiedeneres Vorgehen gegen Armut und Arbeitslosigkeit.

Mubarak verteidigt Einsatz von Militär

Während Demonstranten, die seinen Rücktritt forderten, weiter durch die Straßen von Kairo zogen, sagte er im staatlichen Fernsehen: „Wir müssen vorsichtig sein, dass kein Chaos ausbricht, denn dadurch entsteht keine Demokratie.“ Ägypten müsse stabil und sicher sein. In der auch vom arabischen TV-Sender al-Jazeera übertragenen Ansprache bedauerte Mubarak zudem die unschuldigen Opfer der Unruhen und rief zur Beendigung der Proteste auf. Zudem sollte sich das Land bewusst machen, dass es in seiner Nachbarschaft Beispiele für instabile Verhältnisse gebe. Gleichzeitig verteidigte er den Einsatz von Militär.

Demonstranten auf Panzer

AP/Lefteris Pitarakis

Demonstranten klettern auf die in Kairo einrückenden Panzer.

In Kairo kam es laut ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary zu Verbrüderungsszenen zwischen Demonstranten und Soldaten. Laut AFP zeigten mehrere Soldaten den Demonstranten das Friedenszeichen, diese wiederum reagierten mit Applaus. Die Armee war auch mit Panzern in Kairo unterwegs. Viele Demonstranten kletterten auf die Militärfahrzeuge, jedoch ohne dass es zu Zwischenfällen kam. „Wir wissen noch nicht, auf welcher Seite die Armee steht“, sagte ein junger Demonstrant, der mit Tausenden Menschen durch den Bezirk Dokki marschierte. „Aber wir alle respektieren die Armee.“

Einheiten der Armee bezogen auch vor dem Ägyptischen Museum im Stadtzentrum Kairos Stellung, um dieses vor möglichen Plünderungen zu schützen. Neben Regierungsgebäuden und dem Staatsfernsehen waren Soldaten auch vor einer Reihe von Botschaftsgebäuden, darunter jene der USA und Großbritanniens, im Einsatz.

Zahlreiche Menschen verletzt

Allein in Sues östlich von Kairo starben bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften 13 Menschen. Aus Kairo meldeten Rettungskräfte fünf Tote, in Mansura im Norden des Landes starben zwei Menschen. Dabei blieb offen, ob auch Polizisten unter den Opfern waren. Zudem seien im Großraum Kairo etwa 1.030 Menschen verletzt worden, berichteten Ärzte.

Demonstranten vor brennender Parteizentrale

Reuters/Goran Tomasevic

Die brennende Zentrale der Regierungspartei in Kairo

Auf Fernsehbildern von al-Jazeera war unter anderem zu sehen, wie das Hauptquartier der Regierungspartei NDP in Kairo in Flammen stand. Parteiquartiere der NDP waren neben anderen Regierungsgebäuden bereits zuvor in anderen Städten des Landes Ziel der Demonstranten gewesen. Laut dem TV-Sender al-Arabija sollen Demonstranten zudem versucht haben, das Außenministerium und das Gebäude des Staatsfernsehens zu stürmen. Zu schweren Ausschreitungen ist es TV-Berichten zufolge auch vor dem Parlamentsgebäude gekommen.

Hausarrest für ElBaradei

An den Protesten nahm erstmals auch der Oppositionelle Mohamed ElBaradei teil. Im Anschluss an ein Gebet vor einer Moschee in Kairo riefen Teilnehmer lautstark „Nieder mit Mubarak“, die Polizei ging mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas gegen sie vor.

Mohamed ElBaradei zwischen Demonstranten nach dem Beschuss mit Wasserwerfern

APA/EPA/Khaled el Fiqi

ElBaradei musste vor den Wasserwerfern flüchten.

ElBaradei flüchtete sich in die Moschee, aus der er nicht mehr herausdurfte. Er forderte ein Ende von Gewalt, Verhaftungen und Folter durch die Sicherheitskräfte. Der Friedensnobelpreisträger sei anschließend unter Hausarrest gestellt worden.

Gouverneurssitz in Alexandria in Flammen

Auch in Ägyptens zweitgrößter Stadt Alexandria ging die Polizei Freitagnachmittag mit Tränengas und Gummigeschoßen gegen mehrere tausend Demonstranten vor. „Wir wollen ihn nicht“, riefen sie mit Blick auf Mubarak. Am Nachmittag stand in Alexandria der Sitz des dortigen Gouverneurs in Flammen.

Demonstration in Ägypten

AP/Muhammed Abu Zaid

Die Demonstranten prallen mit den Sicherheitskräften zusammen.

Auch in der Stadt al-Arisch auf der Sinai-Halbinsel protestierten nach Angaben von Augenzeugen mehrere zehntausend Menschen gegen die Regierung. Auch in den Provinzen Somiat, Dmanhur, Mansura und Manufija kam es zu Ausschreitungen. Friedliche Demonstrationen gab es in den südlichen Städten Luxor, Kena und Assuan.

Internet und Handyverbindungen abgedreht

Da Demonstrationen in Ägypten meist nicht geduldet werden, benutzen die Regimegegner häufig das Freitagsgebet, um sich trotzdem zu versammeln. Damit sich die Demonstranten untereinander nicht absprechen können, hatte die Regierung am Freitag das Internet und Handynetz gekappt. Die Polizei attackierte auch Journalisten und nahm Kamerateams ihre Aufzeichnungen ab.

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