Gänsehaut und Schwanengefieder
Bei der Premiere von „Black Swan“ auf der Biennale im vergangenen Jahr haben der Film und seine Hauptdarstellerin Natalie Portman Publikum und Kritiker zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Mit einer lesbischen Liebesszene sorgte der Psychothriller in den USA für Aufregung, lockt aber nichtsdestotrotz das US-Publikum seit Wochen in Scharen ins Kino.
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Für „Black Swan“ musste die Schauspielerin Portman mehrere Kilos abnehmen und monatelanges Balletttraining auf sich nehmen. Der Lohn dafür stellt sich nun ein: Den Golden Globe hat sie schon, jetzt werden ihr gute Oscar-Chancen prophezeit. Im Film des „The Wrestler“-Regisseurs Darren Aronofsky begibt sich Portman auf einen schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit im knallharten Ballettbetrieb.
Verbissener Karrierekampf
Die junge Ballerina Nina Sayers (Portman) will um jeden Preis die Doppelrolle als schwarzer und weißer Schwan in „Schwanensee“ am renommierten Lincoln Center in New York City tanzen. Das Problem: Der dunkle Part liegt ihr nicht. Statt getanzter Verführung und Hingabe transportiert sie auf der Bühne nur glatte, kontrollierte Perfektion. Als sie die Traumrolle trotzdem ergattert, stürzt sie sich in den Kampf um ihre dunkle Seite.

2010 Twentieth Century Fox
Wer ist real, wer nur ein Spiegelbild?
Sie verirrt sich in einem Spinnennetz aus sexuellen Fantasien, blutigen Machtkämpfen und brutaler Realität. Ihr narzisstischer Ballettdirektor und Mentor will sie zu emotionalen Höchstleistungen auf der Bühne anstacheln und hält plumpe sexuelle Belästigung für ein adäquates (und ihm selbst nicht ungelegenes) Mittel zum Zweck.
Die Kamera im Nacken
Aronofsky bedient sich für seinen Film klassischer Horrorfilmelemente. Etwa indem er mit der Unwissenheit des Publikums spielt und viele Szenen nur aus der subjektiven Perspektive seiner Hauptfigur zeigt. Mit langen Handkameraeinstellungen sitzt er Portman von Anfang an buchstäblich im Nacken - die Kamera tanzt geradezu mit der Darstellerin. Der Effekt: purer Verfolgungswahn, der einem die Gänsehaut über den Rücken jagt.

AP/Katy Winn
Natalie Portman wurde für ihre Rolle in „Black Swan“ mit einem Golden Globe ausgezeichnet.
Mit vielen Spiegelszenen greift der Regisseur ein klassisches Motiv aus der Ballettwelt auf und installiert es als zentrales Thema seines Films. Spiegelungen, Reflexionen und Doppelungen finden sich in „Black Swan“ metaphorisch wieder.
Beruf voller Schattenseiten
Aronofskys Psychothriller lässt kein gutes Haar an der Ballettbranche. Schonungslos zeigt er die Schattenseiten des Traumberufs junger Mädchen, der geprägt von harter Arbeit und enormen Schmerzen nur wenigen Tänzerinnen den Platz im Rampenlicht vergönnt. Statt makelloser Körper zeigt der Regisseur seine Hauptdarstellerin zerschunden und zerkratzt mit krachenden Gelenken.
Dass Nina unter dem Druck ihrer Mutter (Barbara Hershey) steht, die durch ihre Tochter ihre eigenen Träume verwirklichen will, ist nur eines der vielen Klischeebilder, die der Regisseur in die Rahmenhandlung packt, wie auch die alternde Primaballerina, die vom Thron verstoßen wird. Dass ausgerechnet Winona Ryder in dieser Minirolle ihr Comeback startet, ist eine schöne Anspielung auf ihr eigenes Karriereende vor mehreren Jahren.
Menschen, die am Abgrund stehen
Aronofskys Filme handeln meist von Menschen, die am Abgrund stehen - wie etwa Mickey Rourke als abgehalfterter Catcher in „The Wrestler“ - mit dem der Regisseur 2008 mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet wurde. Für „Black Swan“ scheint sich der Regisseur immer wieder ein Vorbild an den Horrorgroßmeistern David Lynch und David Cronenberg genommen zu haben. Trotzdem wirken viele Momente seines Films zu plakativ, die Schockmomente manchmal zu vorhersehbar und Figuren zu eindimensional.
Filmhinweis
„Black Swan“ von Darren Aronofsky ist ab Donnerstag in österreichischen Kinos zu sehen.
Der wahre Grund, der den Film unbedingt sehenswert macht, ist Portman. Sie ist während des nicht ganz zweistündigen Films fast durchgehend auf der Leinwand zu sehen und spielt eine Rolle, die - so gar nicht sympathisch oder liebenswert - trotzdem das Publikum in den Bann zieht und dort bis zum furiosen Finale gefangen hält.
Sophia Felbermair, ORF.at
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