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Geistige Transfers, literarische Märkte

Der großen Rede von der Weltliteratur ist eine Vergesslichkeit eingeschrieben: Man übersieht gerne, dass auch die größten Texte der Literatur nicht ohne Mentoren, Trägermedien und einen ausgefeilten literarischen „Markt“ auskommen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts formierten sich Nationalstaaten. Und Literatur wurde ein Medium, um den Gedankenaustausch über Landesgrenzen hinweg zu organisieren. Das demonstriert jetzt ein großes Symposium in Wien.

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Im letzten Drittel des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdichteten sich die internationalen literarischen Kontakte und Transfers. Während sich auf der einen Seite Nationalstaaten formierten und sehr genau auf eigene Identität und Grenzziehungen achteten, intensivierten sich Austauschverfahren mit anderen Kulturen.

Den großen Fragen des geistigen Transfers, vor allem aber seiner materiellen Bedingungen, stellt sich jetzt ein großes Symposium, das die Wiener Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft gemeinsam mit der Gesellschaft für Buchforschung in der Wien-Bibliothek im Rathaus ausrichtet.

„Texte existieren nicht in metaphysischem Raum“

„Literarische Texte existieren nicht im Singular in einem metaphysischen Raum, wie es in vielen Literaturtheorien erscheint“, erinnert Organisator Norbert Bachleitner und verweist dabei auf die Bedeutung der Buchgeschichte und der Trägermedien, mit denen Literatur zu ihrem Publikum gebracht wurde: „Literarische Werke existierten gerade in ihrer internationalen Verbreitung in sehr variablen Erscheinungsformen, in denen sie gelesen, interpretiert, weitergereicht, umgeschrieben, adaptiert wurden.“

Univ. Prof. Norbert Bachleitner, Literaturwissenschaftler an der Universität Wien bei der Begrüßung von Robert Darnton

ORF.at/Günter Hack

Norbert Bachleitner: „Literarische Werke existieren nicht in abstrakten Räumen.“

Der Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Buchforschung, Murray G. Hall, monierte in diesem Zusammenhang die fehlende Anbindung der Buchforschung innerhalb der universitären Institutionen. „Wenn man das in Österreich nicht organisiert, wird es niemand machen, denn deutsche Buchforscher interessieren sich traditionell nicht für die österreichische Buchgeschichte“, so Hall, was man als rein empirische und nicht polemische Feststellung betrachten sollte. Blickt man auf Beiträge, etwa den des Kulturwissenschaftlers Robert Darnton, so lässt sich ein breiter Horizont aufspannen, der von der Entstehung literarischer Märkte im 18. Jahrhundert samt der Verbreitung „gefährlicher Werke“ unter abenteuerlichen Bedingungen bis zu digitalen Lese- und Aneignungsverfahren reicht.

Verstärkte Vermittlungsverfahren

Die verstärkte gegenseitige Kenntnisnahme zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das ja gerne als Zeitalter der Weltliteratur etikettiert wird, ist nicht ohne einen etablierten Buchmarkt und entsprechende Infrastrukturen denkbar. Und es waren internationale Vermittler, die Literatur über die Landesgrenzen brachten. Untersucht wird die Rolle von Übersetzern ebenso wie von Zeitschriften als Trägermedien von Literatur und kritischer Information.

Beachtung finden auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen des literarischen Transfers, etwa die legistischen Regulierungen der Buchproduktion und -vermittlung. Drückte in Wien auf der einen Seite die Zensur die Verbreitung von Werken, war die Donau-Metropole auf der anderen Seite auch ein Ort, in dem mit dem Urheberrecht durchaus flexibel umgegangen wurde. Die Texte des Klassikers Jean Paul etwa wimmeln ja von Anspielungen auf das „Nachdruckparadies“ Wien.

Buchgeschichte und digitales Zeitalter

Die Buchgeschichte hat in den letzten beiden Jahrzehnten einen großen Aufschwung erlebt. Die Kulturgeschichtliche Wendung in Fächern wie der Germanistik hat wieder die materiellen Bedingungen von Literatur ins Blickfeld gerückt. Allerdings geht es hier nicht mehr um die Literatursoziologie der 70er Jahre, die ästhetische Werke zu sehr auf die Widerspieglung ihrer Herstellungsbedingung reduzierte.

Veranstaltungshinweis

Das Symposion „Der literarische Transfer zwischen Großbritannien, Frankreich und dem deutschsprachigen Raum im Zeitalter der Weltliteratur (1770-1850)“ findet am 14. und 15. Jänner in der Wienbibliothek im Rathaus (Bartensteingasse 9, 1010 Wien) statt.

Soziologische Theorien wie die Feldtheorie des Franzosen Pierre Bourdieu bieten Analysewerkzeuge, mit denen sich zeigen lässt, dass bestimmte Themenführungen in literarischen Texten nicht zuletzt auch mit Abwägungen im literarischen Feld und auf dem Büchermarkt in Verbindung stehen. Spannend bleibt die historische Einschätzung des Buchmarktes im digitalen Zeitalter: Die Trägermedien mögen sich ändern. Doch blickt man auf die Herausbildung literarischer Märkte im 18. Jahrhundert, dann hat die Verbreitung von Texten abenteuerlichere Bedingungen hinter sich, als man das im grenzenlos scheinenden digitalen Zeitalter vermuten mag.

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