Gaskammer für „Euthanasie“-Projekt
Es war der Beginn des systematisch-industriellen Tötens: In einer Gaskammer auf der Schwäbischen Alb haben die Nazis in Deutschland in wenigen Monaten fast 11.000 Menschen mit Behinderung umgebracht. Die unscheinbare Hütte war ein erster Schauplatz des industriell organisierten Massenmordes.
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1940 wurde der kleine Raum in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb zu einer Gaskammer umgebaut. Innerhalb weniger Monate wurden dort 10.654 Menschen ermordet. Es war nach Angaben der Gedenkstätte Grafeneck das erste Mal, dass in Deutschland Menschen systematisch-industriell getötet wurden - und es war ein „Testlauf“ für Auschwitz und andere Massenvernichtungslager.
In Grafeneck, das heute zu Gomadingen (Kreis Reutlingen) gehört, informieren sich jedes Jahr Zehntausende Besucher über das Verbrechen. „T4“ bzw. „Euthanasie“ wurde die Ermordung geistig behinderter und psychisch kranker Menschen genannt, die von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ eingestuft wurden. Grafeneck war der erste Ort in Nazi-Deutschland, an dem die „Euthanasie“-Beschlüsse des Hitlerregimes in die Tat umgesetzt wurden. Wenig später wurden vergleichbare Einrichtungen zur Ermordung von Menschen mit Behinderung in ganz Deutschland eröffnet.
Personal machte „Karriere“
Letztlich hätten die Nazis daraus vor allem gelernt, wie man den industriellen Massenmord an Millionen Juden technisch und organisatorisch umsetzen konnte, erklärt Professor Hans-Werner Schmuhl, Historiker an der Universität Bielefeld. „Das Vernichtungslager Chelmno geht zum Beispiel auf die Gaswagen zurück, die im Zusammenhang mit der ‚Euthanasie‘ entwickelt wurden.“
Auch das Personal aus Grafeneck übernahm später teils wichtige Posten in den Massenvernichtungslagern. Horst Schumann etwa, der in Grafeneck als ärztlicher Direktor verantwortlich für den Massenmord war, sei später Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau geworden, sagt Thimo Eckert, Mitarbeiter der Gedenkstätte Grafeneck. Kurt Franz wurde Kommandant im Vernichtungslager Treblinka. „Die Fachleute wurden für den Aufbau der Vernichtungslager abkommandiert.“
In Chelmno im besetzten Polen wurde Ende 1941 das erste Massenvernichtungslager eingerichtet. Lucja Pawlicka Nowak, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Chelmno, betont allerdings: „Grafeneck und Chelmno sind nicht direkt vergleichbar.“ In Grafeneck sei es um die Ermordung behinderter Menschen gegangen, in Chelmno um die Tötung von Juden.
Massenmord „bewältigbar“
Nachdem am 13. Dezember 1940 die letzten Opfer im Krematorium von Grafeneck verbrannt worden waren, war das Projekt auf der Alb für die Nazis abgeschlossen. „In den Augen der Nationalsozialisten wurde die Aktion in Grafeneck erfolgreich beendet", sagt Eckert. Die Opferzahl lag sogar weit höher als ursprünglich geplant. Und damit sei klar gewesen: "Der industrialisierte Massenmord von Menschen war organisatorisch und technisch zu bewältigen.“
Seit 1990 erinnert die Gedenkstätte an die Gaskammer von Grafeneck, die inzwischen jedes Jahr von 15.000 Menschen besucht wird. In einem Gedenkbuch stehen die Namen von 8.000 bekannten Opfern des Massenmordes. „Wenigstens ein Teil der Opfer wurde hiermit der Anonymität entrissen“, betont der Trägerverein der Gedenkstätte.
Benjamin Dürr, dpa
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