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Schwieriger Umgang mit Vergangenheit

2003 wurde er gestürzt, wenige Monate später von US-Truppen gefangen und drei Jahre später hingerichtet – und trotzdem ist der Schatten der jahrzehntelangen Diktatur Saddam Husseins im Irak immer noch spürbar. Die Regierung versucht, alle Spuren des Machthabers auszuradieren, doch vor allem bei einem Relikt ist das schwierig.

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Hussein hatte sich 1997 zu seinem 60. Geburtstag eine Ausgabe des heiligen Buches des Islam gewünscht, die mit seinem Blut geschrieben sein sollte. Zwei Jahre lang wurde an dem Buch gearbeitet, 27 Liter Blut sollen ihm dafür abgenommen worden sein, so der britische „Guardian“.

In Moschee aufbewahrt

Hussein wollte Gott dafür danken, dass er unversehrt „ein Leben voller Gefahren“ überstanden habe. Auch ein fehlgeschlagenes Attentat auf einen seiner Söhne wurde als Auslöser für den Auftrag damals genannt, dass sich der Sunnit Hussein zumindest öffentlichkeitswirksam der Religion zuwandte.

Der „Guardian“ sprach auch mit dem nun im US-Bundesstaat Virginia lebenden Kalligrafen Abbas Schakir Joody al-Baghdadi, der aber nichts mehr zu seinem Werk sagen wollte. „Es war ein schmerzhafter Abschnitt in meinem Leben, den ich vergessen will.“

Seit einigen Jahren wird die Schrift hinter verschlossenen Türen in der Umm-al-Kura-Moschee aufbewahrt. Bis zum Sieg der USA 2003 hatte sie „Mutter aller Schlachten“-Moschee geheißen. Das Gotteshaus mit Minaretten in Raketenform war 2001 auf Befehl Husseins im Westen Bagdads errichtet worden.

Drei Türen, drei Schlüssel

Was sich gut gesichert hinter den Moscheemauern verberge, sei „unbezahlbar“, sicherlich „Millionen Dollar“ wert, so Sheikh Ahmed al-Samarrai, Chef des sunnitischen Stiftungsfonds des Iraks. Er hatte den Koran während der US-Invasion gerettet, einzelne Seiten zu Hause und bei Familienmitgliedern versteckt. „Ich wusste, dass intensiv danach gesucht werden würde, und wir haben die Entscheidung getroffen, ihn zu schützen“, so Samarrai zum „Guardian“.

Hinter drei verschlossenen Türen wird das Dokument bewahrt, für eine Tür habe nur er den Schlüssel, für die zweite der lokale Polizeichef und für die dritte werde der Schlüssel in einem anderen Teil Bagdads aufbewahrt.

Politischer und religiöser Zündstoff

Dass das Relikt gut versteckt bleibt, war schon bisher in aller Interesse. Die von Schiiten dominierte Regierung versuchte alles, um den Koran nicht in der Öffentlichkeit zu sehen. Sie will verhindern, dass Symbole des alten Regimes für die Anhänger Saddams und seiner Baath-Partei, die weiterhin für Anschläge im Land verantwortlich sind, neuen Auftrieb geben.

Die Sunniten wiederum fürchten sich vor der Rache der Regierung, sollten sie das Stück zugänglich machen. Eigentlich sei es falsch gewesen, es in Blut zu schreiben, sagte auch Samarrai. „Das ist verboten.“

Wahrzeichen von Saddams Gnaden

Während viele Statuen sofort nach dem Sturz des Regimes entfernt worden waren, sind andere von Hussein errichtete Bauten auch zum Wahrzeichen Bagdads oder des ganzen Landes geworden. Die Schwerter von Kadesia etwa, zwei Triumphbögen in der Form von Schwertern, die von einer Hand festgehalten werden, gelten etwa als Symbol der Stadt.

Der von den USA während der US-Invasion protegierte Ahmed Chalabi, später Vizepremier und Ölminister, bis er aufgrund undurchsichtiger Machenschaften gefeuert wurde, spricht sich nach wie vor für die restlose Beseitigung aller Spuren des Saddam-Regimes aus. Sie seien zerstörerisch für die Psyche der Irakischen Bevölkerung, erinnern an die Idealisierung des Bösen, haben dem Irak nichts gebracht und hätte auch ästhetisch nichts zu bieten.

Regierung will Koran nicht zerstören

Der ehemalige nationale Sicherheitsberater Mowaffak al-Rubaie sagte, Hussein sei eben ein gewichtiger Teil der irakischen Geschichte gewesen, egal ob man will oder nicht. Dieses Vermächtnis könne man nicht einfach begraben, sondern man müsse aus der Geschichte lernen.

Auch ein Sprecher von Ministerpräsident Nuri al-Maliki meinte, nicht alles, was unter der Herrschaft von Hussein gebaut worden sei, könne einfach zerstört werden. Manche Skulpturen hätten nur die Diktatur und die Kontrolle über das Land repräsentiert. Saddam-Statuen hätten keinen Platz mehr auf den Straßen.

Den Koran sollte man aber nicht zerstören: „Wir sollten ihn als Dokument für Saddams Brutalität behalten.“ Er sage viel über die Person aus. In ein Museum solle er aber nicht: „Kein Iraker will das sehen.“ Bestenfalls eine Privatsammlung kann er sich vorstellen - wie auch Relikte von Josef Stalin und Adolf Hitler von manchen gesammelt werden.

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