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„Sie haben den Fernblick“

Im wie es heißt „Millimeterabstand zum Wahnsinn“ sind die sanft melancholischen Helden von Wilhelm Genazino in der Welt unterwegs. Sie haben über Heidegger promoviert, doch wenn sie wirklich aufsteigen wollen, müssen sie sich in einer Wäscherei hocharbeiten. In Wien unterrichtete Genazino einen Tag am Institut für Sprachkunst - und stellte sich beim Frühstücksei Fragen über die Kunst des Romans.

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„Gestern Abend bin ich ins Bett gewankt wie ein geschlagener Boxer.“ Mit einem Marathonprogramm stellte sich Büchnerpreisträger Genazino in dieser Woche in Wien einen Tag lang nicht nur dem Lesepublikum, sondern auch Jungautoren am Institut für Sprachkunst. Am Tag danach antwortet er freundlich und aufgeräumt auf Fragen zur Kunst des Romans. Wahre Begeisterung kommt auf, als die Chefin im Frühstückssalon Kaffeewünsche von den Augen abliest.

Genazino entpuppt sich als Wien-Liebhaber und -Kenner, der auch erklären kann, warum das Publikum am Ende einer Lesung wenige Fragen zu seinen hinfälligen Helden hat. Hier in Wien sei man immer schon in der Lage gewesen, dem Verlust ein „bedeutsames Sentiment“ abzugewinnen und zur Gloriole zu steigern.

Wilhelm Genazino

picturedesk.com/Robert Newald

Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, wohnhaft in Frankfurt am Main. In den 1970er Jahren mit der „Abschaffel“-Trilogie literarisch bekanntgeworden und seit einigen Jahren Markstein und Bestseller im komisch-absurden Romangenre. Zuletzt erschienen: „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ (2009).

Herr Genazino, was entdeckt ein typisch Genazino’scher Held, wenn er nach Österreich geschickt wird?

Genazino: Es gibt ja einen Roman aus dem Jahr 1989, „Der Fleck, die Jacke, das Zimmer, der Schmerz“, der zum Teil in Wien spielt. Das ist ein Roman, wo ein Künstlerpaar unterwegs ist, von Frankfurt nach Wien, nach Paris und dann nach Amsterdam. In Wien schauen sie sich wichtige Kulturdenkmäler an, das Belvedere, das Wittgenstein-Haus. Ich hatte damals die Idee, drei Romane in einen zu packen, einen Künstlerroman, einen Liebesroman und einen Reiseroman. Ich glaube, das ist ganz schön ineinander verflochten. Ich war ja schon davor viele Male in Wien, und natürlich sind meine Bücher zentraleuropäisch. Gleichzeitig merkt man an so einem Ort: Hier ist der Einfluss von allem zu mächtig, das haut ja fast den ganzen Roman um. Man kann da nicht so flaneurhaft durchlaufen, wie das meine Figuren ja normalerweise tun. Man kann das wenn nur im Rahmen eines Kontexts darstellen, wo das Besucherhafte herausgestrichen wird und nicht der Doderer-Anspruch hervorkommt im Sinn von „Wir machen da jetzt das Wiener Fass auf“.

Ist es für Sie dann leichter, wenn der Rahmen eine niedriger codierte Landschaft oder Stadt ist, also eine Umgebung mit ein bisschen mehr Beiläufigkeit?

Genazino: An sich nicht. Dann entsteht ja ein verschobenes Kompositionsproblem. Das Ganze muss ja austariert werden, damit das ganze Ding nicht an einer Stelle kippt. Im Grunde sind all diese Städte das, was man voller innerer Beeindruckung Europa nennt. Beeindruckend an den Städten ist ja dieses Polymorphe: Man muss eigentlich davon nichts wissen. Diese riesigen historischen Potenziale sind ja an sich nicht bösartig. Sie nehmen niemandem krumm, wenn man nichts von ihnen weiß.

Gibt es auch einen Bildungsballast, den man hinter sich lassen kann? Wenn etwa Gerhard Warlich aus „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ über Heidegger promoviert hat, sich dann aber ein Leben als Wäschereiangestellter einrichtet?

Genazino: Ja, das wird als normal empfunden. Was es heute in Deutschland ja gibt. Es gibt zahlreiche promovierte Geisteswissenschaftler, die in irgendwelchen Handlangerberufen arbeiten ...

... oder Journalisten werden ...

Genazino (lacht): Was aber nicht ganz so diskriminierend ist. Es gibt Kommilitonen von einst, die stehen an einem riesen Fahrstuhl im Hotel. Sie sind einerseits sprachlos, andererseits sehen sie den Witz des Lebens am Werk.

Ist man mit diesem Ausbildungshintergrund ein besserer Beobachter, auch dank der Gabe, abstrahieren zu können? Ihre Helden haben mitunter hochfliegende Pläne, die sie aber vor allem auf dem Rücken liegend im Bett entwickeln.

Genazino: Ja, sie haben halt ein starkes Innenleben und ein starkes Kopfleben. Das bleibt ihnen erhalten. Das nimmt weiterhin auf. Alles wird verarbeitet, was weiterhin reinkommt und was lange schon drinnen ist. Das hat ja auch so eine Art Erosion. Also etwa: Wie lange kann man Heidegger, nachdem man das ja erledigt hat, eigentlich noch interessant finden?

Man kann also den Rucksack der Bildung abstellen und sich frei bewegen.

Genazino: Ja, klar. Das ist ja auch der Normalfall. Ich kenne niemanden, der mit einem Brass voller Bildung herumläuft und darauf Wert legt, dass man das sofort als Erstes und Einziges erkennt.

Aber leben wir nicht auch in einer Zeit, wo die Menschen weniger werden, die demonstrativ mit einer großformatigen Zeitung unter dem Arm herumlaufen?

Genazino: Also die, die darauf Wert legen, die verheimlichen es auch weiterhin nicht. Man bleibt ja seiner Spur nahe. Es wäre ja auch biografisch nicht besonders naheliegend, wenn jetzt jemand nur noch Wäsche ausfahren würde und alles von davor getilgt wäre.

(Genazino bekommt Kaffee nachgeschenkt) Zur Kellnerin: Vielen Dank, Sie haben den Fernblick!

Kellnerin: Ich rieche das. Nach 20 Jahren riecht man das.

Genazino: Ja, das sagen jetzt Sie. Also, ich kenne Leute, die haben nach 20 Jahren gar nix, geschweige denn einen Fernblick. Und dass Sie dann noch was riechen, um Gottes willen ...!

A propos Riechen und Wahrnehmen. In Ihren Überlegungen zum Roman schreiben Sie von Autoren, die nie wissen konnten, ob sie wahrgenommen werden. Italo Svevo nennen Sie explizit. Teilen Sie mit Svevo so einen bestimmten Zugang zur Literatur, gerade auch in der Gestaltung dieser prekären Figuren?

Genazino: Ja, das könnte man sagen, dass das ein letzter Wurmfortsatz einer größeren Tradition ist. Und dieses Verschwinden des Subjekts ist ja eigentlich nichts Neues. Svevo oder Schnitzler, da sieht man schon, wovor die Angst hatten: nämlich vor ihrer eigenen Schrumpfung im gesellschaftlichen Prozess, dass das angefressen wird von der sogenannten Wirklichkeit. Und dass die Betroffenen das merken. Und die eigentlich nicht wissen, ob es eine Gegenwehr gibt gegen die Verstümmelung der Zeit.

Strudelhofstiege in Wien im Schnee

Peter Sterzinger

„Man muss nur in Wien auf die Straße gehen, da spürt man das große Drama.“

Sind Humor und Witz ein Mittel, um sich gegen solche Ängste zu schützen?

Genazino: Unbedingt. Vieles ist eigentlich nur durch Ironie erträglich. Also: wenn man das kann. Man muss ja nur auf die Straße gehen und da sieht man das große Drama. Also, wenn man in Wien auf die Straße geht, da spürt man das ungemein.

Fühlen Sie das in Wien stärker als in Frankfurt (Genazinos Wohnort, Anm.)?

Genazino: Ja, unbedingt. In Frankfurt ist ja die große Zerstörung am Werk. Das fing ja durch den Krieg an. Die Zerstörung durch den Krieg war eigentlich die Lizenz zur dauerhaften Weiterzerstörung. Man reißt ja mittlerweile sogar Hochhäuser ab.

Skyline von Frankfurt

APA/EPA/Frank May

„In Frankfurt ist immer die große Zerstörung am Werk.“

Ist es die Furcht vor der gesichtslosen Stadt?

Genazino: Ja. Und die Furcht vor der Gesichtslosigkeit führt dazu, dass man sich im Dauermaskenverleih befindet, dass immer eine neue Maske probiert wird. Passt die nicht, nehmen wir die nächste.

Kämpfen Ihre Helden gegen diese Gesichtslosigkeit an?

Genazino: Ich glaube eher nicht. Die sind eher so sanftmütige Schicksalskandidaten, die sich so dem Unvermeidlichen fügen, auch mit so einer gewissen Lust am Verschwinden. Die Protagonisten sehen das ja, dass sie auch mit ihrer Stadt verähnlicht werden: diese Verwurstung von all dem, was die Gesellschaft die ganze Zeit produziert (und das ist ja schon ganz schön viel, was da so produziert wird), und daneben die dauernde Zerstückelung, dass alles zur Makulatur wird. Das spürt man schon in München viel weniger als in Frankfurt.

Stellt man in Deutschland andere Fragen zu Ihren Romanen als hier in Österreich?

Genazino: Ich habe hier in Wien festgestellt, dass der Aspekt der Verramschung des Subjekts nicht so eine große Rolle spielt. Das ist hier sowieso der historische Prozess, das ist man hier seit langer Zeit gewohnt, und ich denke mal, man ist auch gewohnt, sich bedeutsame kulturelle Sentiments abzuzweigen, die dann an die Stelle des Verlorenen treten und schließlich zur Glorie werden. Also, dass hier alles über drei Ecken wiederkommt und nichts verloren geht. Ich war in einem der Häuser, wo der Doderer gelebt hat, in einem Innenhof mit diesen Pawlatschen ...

In Wien musste man sich halt schon bei der Notdurft in Gesellschaft begeben ...

Ja. Aber historisch gesehen macht das natürlich einen Riesenunterschied. Das ist ja eine geschichtlich gebaute Erzählung, man steht in diesem Innenhof und denkt sich: Was ist denn das für ein Einfall? Das ist die gesellschaftlich wirksame Kraft der dauernden Verschönerung.

Weil Sie das Prekärwerden des Subjekts angesprochen haben: Ist hier nicht schon Jean Paul ein Orientierungspunkt? Sind bei ihm nicht manche Dinge schon so weit auf die Spitze getrieben, dass man da nur noch mit Ironie abbiegen kann?

Genazino: Das ist bei Jean Paul natürlich in einer zeitgenössisch kaum vertretbaren Weise modern. Auch das Humorkonzept. Auch dass der Humor und das Lachen die kaum fassbare Kategorie des Ich sichtbar machen. Wenn man erkennt, worüber jemand lachen musste, dann entsteht ein Format. Und das ist bei Goethe erheblich schwieriger, da ist immer die Herzensbildung die treibende Kraft. Aber das ist ein Konzept, und man sieht die Unfreiheit des Erfinders. Und der war nicht so frei wie Jean Paul. Jean Paul war nicht von solchen innerlichen pädagogischen Projekten malträtiert wie der Goethe – der musste ja die Menschheit veredeln. (lacht)

Gibt es seit dem ansteigenden Erfolg und den vielen Preisen eine Erwartungshaltung an Sie, die Sie rund um Ihr Schreiben spüren? Oder sagen Sie: „Das kratzt mich gar nicht?“

Genazino: In der Tat kratzt es mich gar nicht. Preise haben letztlich auch einen sozialen Aspekt. Man hat nicht mehr dauernd das Gefühl, das ich ja lange hatte, am Abgrund zu stehen, auch ökonomisch. Junge Autoren fragen mich auch hier: Was sollen wir denn machen, das bisschen Geld, das wir aus dem Feuilleton bekommen, reicht ja vorne und hinten nicht, und Radio ist ja auch nicht, was es einmal war? Als ich zu schreiben begonnen habe, da hat niemand gedacht, dass das Schreiben zur Volksbewegung werden würde, dass das eine Perspektive für junge Leute ist. Ich halte das heute noch für abwegig. Die Freilegung der inneren Quelle, also das, wovon ein Werk lebt, das kann jemand finden oder nicht. Aber dabei kann ihm niemand helfen. Wie etwas zur Literatur wird, das ist das Geheimnis jedes Einzelnen. Auch wenn’s schiefgeht. Die Freilegung eines Einzellebens, wenn die nicht die Beimengung eines persönlichen Vermögens hat, dann ist das letztlich nix. Dann ist das so ein Art Fotoalbum, und unter dem Foto steht dann die Geschichte „Als Onkel Bertold in Bad Kissingen sein Stück Kuchen unter den Tisch fallen ließ“.

Was aber auch großartige Literatur sein kann.

Genazino (lacht): Es müsste halt noch was kommen.

... die Dame, die den Kaffeewunsch riecht.

Genazino: So was, ja!

Das Gespräch führte Gerald Heidegger, ORF.at

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