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„Größte Evakuierung in BP-Geschichte“

Ein bisher weitgehend unbekanntes Öldesaster eineinhalb Jahre vor der Explosion der Ölplattform im Golf von Mexiko wirft nun möglicherweise ein neues Licht auf die Sicherheitspolitik des Ölkonzerns BP.

Aus US-Depeschen, die nun von WikiLeaks veröffentlicht wurden, geht hervor, dass sich bereits im September 2008 auf einer Gasbohrinsel von BP im Kaspischen Meer (Aserbaidschan) eine ähnliche Explosion wie im Golf von Mexiko ereignete. Demnach hatte BP damals Glück und konnte die Mitarbeiter noch rechtzeitig von der Plattform in Sicherheit bringen. Laut „Guardian“ sind die Ähnlichkeiten zwischen der Ölkatastrophe von heuer und der Explosion vor mehr als zwei Jahren auffällig.

Selbst Partner nicht informiert

BP versuchte offenbar, das Unglück in Aserbaidschan zu verheimlichen. Laut den US-Depeschen beschwerten sich mehrere Partnerunternehmen, die gemeinsam mit BP an der Erforschung des Gasfelds beteiligt waren, darüber, dass BP ihnen angeblich Informationen vorenthalten habe. Weiters geht aus den Berichten hervor, dass BP Glück hatte, die 212 Arbeiter heil von der Plattform bringen zu können. Zwei Gasfelder mussten geschlossen werden, und die Förderung war monatelang unterbrochen. Selbst in einer Chronologie zu Unfällen bei BP scheint die Explosion in Aserbaidschan nicht auf.

„Infolge der Explosion in einem Gasbohrloch war ‚eine Menge Schlamm‘ auf der Plattform, die BP analysieren würde, um die Ursache für die Explosion und das Gasleck herauszufinden“, zitiert der „Guardian“ aus den diplomatischen Berichten. Der damalige Chef von BP Aserbaidschan, Bill Schrader, betonte demnach, dass das die „größte Notfallevakuierung in der Geschichte von BP“ gewesen sei.

Immer Fehler beim Beton

Einer anderen Depesche von Jänner 2009 zufolge vermutete BP, dass eine „schlechte Betonarbeit“ schuld sei am Gasleck in Aserbaidschan. Auch nach der Ölkatastrophe vor der US-Küste hatte der mittlerweile gegangene BP-Chef Tony Hayward zumindest einen Teil der Schuld in einer „schlecht ausgeführten Betonarbeit“ durch den Subunternehmer Halliburton gesehen.

Erpressungsvorwurf von Alijew

Aus anderen nun von WikiLeaks veröffentlichten Depeschen geht zudem hervor, dass Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew dem britischen Ölkonzern vorwarf, Öl im Wert von Milliarden von Dollar aus Aserbaidschan zu stehlen und „milde Erpressungsmethoden“ anzuwenden, um sich die Explorierungsrechte an riesigen Gasvorkommen im Kaspischen Meer zu sichern.

Alijew sagte demnach, BP versuche die „temporären Probleme“ seines Landes während eines Engpasses bei der Gasversorgung Ende 2006 auszunutzen. BP habe im Gegenzug für die benötigten Gaslieferungen eine Verlängerung der lukrativen Förderverträge gefordert. Laut den US-Depeschen drohte Alijew seinerseits, den behaupteten „Betrug“ öffentlich zu machen.

BP wollte die Berichte nicht kommentieren und verwies auf die „anhaltende Unterstützung von Regierung und Bevölkerung in Aserbaidschan“. Auch die Regierung in Baku äußerte sich nicht.

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