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Europas Schreiber suchen Nischen

Öffentliche Schreiber kennen Europäer meist nur vom Urlaub in asiatischen und afrikanischen Ländern. Dabei gibt es in vielen Ländern noch Menschen, die für andere Schreibarbeiten übernehmen. Meist jedoch nur noch auf freiwilliger Basis, denn das große Geld ist damit nicht mehr zu machen.

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Allein in Frankreich arbeiten noch rund 300 Menschen als professionelle öffentliche Schreiber. Dazu kommen noch viele freiwillige Helfer, die Ausländern und Menschen mit Schreibschwächen bei Behördengängen unterstützen und in Rathäusern Sprechstunden abhalten. Die Schriftstücke, die sie verfassen, sind dabei meist in trockener Amtssprache abgefasst. Feurige Liebesbriefe, wie sie der unansehnliche Cyrano de Bergerac im gleichnamigen französischen Theaterstück für seinen Rivalen schrieb, sind nicht mehr darunter.

Entschuldigungsbrief mit Erfolg

Die Aufgaben der Schreiber beschränken sich meist auf weniger romantische Dienste. Meist sind es Bewerbungen und Anträge ausländischer Firmen. Hin und wieder sei auch der Beschwerdebrief einer verärgerten Kundin dabei, erzählte Pierre Ferre, öffentlicher Schreiber in Saint-Quentin, dem deutschen Magazin „stern“. Aber er hatte auch schon einmal eine kompliziertere Aufgabe zu erledigen. Ein Mann hatte ihn gebeten, nach einem Seitensprung einen Brief an seine Freundin zu verfassen, in dem er sich entschuldigt - offenbar mit Erfolg.

Überleben in Zeiten des Internets

Die Zunft des öffentlichen Schreibers gibt es bereits seit Tausenden Jahren. In Frankreich und anderen europäischen Ländern überlebte der Berufsstand selbst die Einführung der Schulpflicht Ende des 19. Jahrhunderts. Und auch das Aufkommen des Internets und damit der Zugang zu Rechtschreibprüfungen und Textvorlagen konnten den Beruf nicht endgültig zum Verschwinden bringen.

Im Gegenteil: An der Pariser Sorbonne kann das Fach des öffentlichen Schreibers sogar mit Diplom abgeschlossen werden. Denn die Schreiber bieten, was selbst das Internet nicht kann: Originalität, Struktur und die Möglichkeit, ein Thema, das jemandem wirklich am Herzen liegt, zu Papier zu bringen. Manchmal bieten auch „Auftragsbiografien“ ein lukratives Betätigungsfeld für Schreiber. Doch die wenigsten können allein von ihrer Schreibertätigkeit leben.

Handgeschrieben mit Tinte und Feder

Eine besondere Nische hat der Schweizer Schreiber Andreas Schenk für sich gefunden. In seiner urtümlich anmutenden Schreibstube in Basel bietet er seine Schreibkunst an. Dabei tippt er die Texte jedoch nicht in den Computer, sondern schreibt sie mit der Hand. 1983 hat er sich als Kalligraph selbständig gemacht und malt Texte mit Tinte und Federn in perfekter Schreibschrift. Aber auch bei ihm ist das Schreiben nur eines von drei Standbeinen, wie er gegenüber der Schweizer Gratiszeitung „Baslerstab“ erzählt. Daneben gibt er noch Kurse und bietet Workshops an.

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