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Siegeszug der Handys

Sie tippen Anträge an Behörden, setzen Verträge auf und verfassen sogar Liebesbriefe: Schreiber sind vor allem in Ländern mit hoher Analphabetenrate nicht aus dem öffentlichen Leben wegzudenken. Doch die Aufträge werden immer rarer. Denn mittlerweile kann vieles schneller und billiger mit dem Handy erledigt werden.

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Ein gutes Beispiel für das langsame Aussterben der Zunft der öffentlichen Schreiber ist Marokko. Früher fand man sie in jeder größeren Stadt, wo sie zu Dutzenden unter Sonnenschirmen vor ihren alten Schreibmaschinen saßen und auf Kundschaft warteten. Heute ist der Beruf des Schreibers selten geworden, wie der ARD-„Weltspiegel“ berichtet.

Öffentliche Schreiber waren vor allem deshalb weit verbreitet und hoch geschätzt, weil bis vor wenigen Jahrzehnten nur ein geringer Prozentsatz der Menschen im Lande eine Schulbildung besaß. Besonders hoch war dabei der Anteil der weiblichen Analphabeten. Noch 1960 konnten 96 Prozent der Frauen weder lesen noch schreiben. 2009 waren es noch immer knapp über 50 Prozent.

Ehrgeizige Bildungsreform gescheitert

Der marokkanische König Mohammed VI. ist sich dieses Problems durchaus bewusst. 1999 startete er eine Bildungsreform, die eine 100-prozentige Einschulungsrate bis 2002 zum Ziel hatte. Erreicht hat er sein ehrgeiziges Vorhaben nicht ganz, aber immerhin 92 Prozent aller Sechsjährigen besuchen heute eine Schule. Die Zahl fällt dann aber rasch wieder ab. Nur noch jeder zweite 15-Jährige besucht eine Schule. Heute gelten fast 40 Prozent aller Erwachsener offiziell als Analphabeten.

In Zahlen sind das rund neun Millionen Menschen, wobei die Zahl auf dem Land höher ist als in den Städten. Die offizielle Zielvorgabe ist es, bis 2015 den Analphabetismus in Marokko auszumerzen. Experten gehen aber davon aus, dass die Analphabetenquote wohl kaum unter 20 Prozent gedrückt werden kann. Damit müssten sich die Schreiber eigentlich nicht vor einem allzu raschen Aussterben ihrer Kunden fürchten.

Technologie gegen Tradition

Doch eine andere Entwicklung ist für die Berufsgruppe weit gefährlicher als die Bildungsoffensive der Regierung: die rasante Verbreitung der Handys. Dabei brachten die ersten öffentlichen Telefone den Schreibern sogar noch zusätzliche Kunden. Denn mehrere Familien teilten sich einen Apparat. „Um zu telefonieren, musste man sich zuerst verabreden“, erzählte ein Schreiber in Rabat dem ARD-Reporter Thomas Schneider. Und das geschah mittels Briefen.

Ein Anruf genügt

Doch durch Handys wurden auch diese Verabredungen hinfällig. Heute ist jeder fünfte Marokkaner über sein Mobiltelefon zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar. Mehr als sieben Millionen Geräte sind registriert - fünfmal mehr als es Telefonanschlüsse in dem Land gibt. Und dadurch hat sich auch die Kommunikation mit den Behörden verändert. Heute ist es mittlerweile billiger, am Amt anzurufen, als umständlich einen Brief verfassen zu lassen und lange auf Antwort zu warten. Das Gleiche gilt auch in Liebesdingen. Ein Anruf bei der Angebeteten ist schneller getätigt, als ein Liebesbrief verfasst.

„Dieser Beruf darf nicht verschwinden“

Die Lage für die Schreiber hat sich mittlerweile schon so verschlechtert, dass immer öfter Menschen zu Schreibern gehen, die sie eigentlich gar nicht brauchen würden. So nimmt bei den Schreibern in Rabat hin und wieder ein Anwalt Platz, der eigentlich über eine Universitätsausbildung, mehrere Computer und sogar eine Sekretärin verfügt. „Ich komme manchmal hierher, und lasse was tippen“, erzählt er gegenüber ARD. „Denn ich finde, die öffentlichen Schreiber gehören zu unserer Kultur hier in Marokko, und ich will nicht, dass dieser Beruf einfach so verschwindet.“

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