Streit in deutschen Feuilletons
In den deutschen Feuilletons wird derzeit heftig über eine neue Schrift aus Frankreich debattiert. Von einem neuen „kommunistischen Manifest“ ist die Rede - mit dem Aufruf zum gewaltsamen Widerstand gegen alle staatlichen Strukturen. Ein „Unsichtbares Komitee“ (anonyme Autoren) ruft in der ideologischen Kampfschrift zum Widerstand auf.
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Auch in Deutschland hat die Schrift bereits einige Wellen geschlagen („Der kommende Aufstand“, Edition Nautilus). In Frankreich ist das Werk nach Verlagsangaben in Zusammenhang mit den Protesten gegen Castor-Transporte als „Handbuch des Terrorismus“ beschlagnahmt worden.
Es gebe keinen „Kampf der Kulturen“, vielmehr sei die ganze Zivilisation „im Zustand des klinischen Todes“, meinen die anonymen Verfasser in ihrem Manifest. Die nicht neue These ist, dass der Kapitalismus versagt habe, Frankreich „wirklich das Schlusslicht der westlichen Welt“ sei und ein neuer, „moderner“ Kommunismus kommen werde, „als Matrix eines minuziösen, kühnen Angriffs gegen die Herrschaft“ - und das nicht ohne Waffen.
Aufruf zum Terrorismus
„Dies ist möglicherweise das Böseste, was ich jemals gelesen habe“, „Das schmale Werk könnte das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit werden“, zitiert der Verlag etwas großspurig erste Medienkommentare zu dem Buch etwa des US-TV-Senders Fox News und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Der „Spiegel“ druckt ganze Auszüge aus der Kampfschrift. Vom „radikalsten und problematischsten Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Unbehagens“ ist die Rede.
Während die Feuilletons der „Frankfurter Allgemeinen“ und der „Süddeutschen Zeitung“ lobende Worte für das Manifest finden, ist das Werk nach Ansicht der linken „taz“ eigentlich rechts und eine „antimoderne Hetzschrift“. Das würde bei den wohlwollenden Berichten über das Manifest übersehen. „Ausgehend von den Theorien des Nazijuristen Carl Schmitt wird darin zur politischen Gewalt aufgerufen, gegen Demokratie und Rechtsstaat gewettert.“
Eine Berliner Buchhandlung kommentierte die überaus positive Berichterstattung ironisch per Rundmail und meinte, große deutsche Tageszeitungen riefen nun zum Terrorismus auf.
Bezug zu aktuellen Demonstrationen
Das französische Pamphlet mit Bezügen zu den Unruhen in den Pariser Vorstädten und den jüngsten Demonstrationen in Griechenland verwendet einen überwiegend pessimistischen Ton. „Die Gegenwart ist ausweglos“, es könne nur noch schlimmer kommen, „von Links bis Rechts ist es dasselbe Nichts.“ Solche Analysen werden gepaart mit einigen zumindest überlegenswerten Feststellungen.
So sei Intelligenz nicht in erster Linie dazu da, sich anzupassen, „was man uns seit der Kindheit wiederholt“, denn das sei nur die „Intelligenz der Sklaven“. Und es gebe auch keine Einwanderungsfrage. „Wer wächst noch da auf, wo er geboren ist? Wer wohnt da, wo er aufgewachsen ist? Wer lebt da, wo seine Vorfahren wohnten? Und die Kinder dieser Epoche, wessen Kinder sind sie, die des Fernsehens oder die ihrer Eltern?“
Es gibt keinen friedlichen Aufstand"
Nach solchen gesellschaftskritischen Analysen heißt es aber im zweiten Teil „Auf geht’s!“ Hier wird an die Häuserkämpfe in Deutschland in den 80er Jahren erinnert, wo man zum Beispiel in Hamburg habe erleben können, „wie eine Handvoll Bewohner besetzter Häuser entscheidet, dass man von nun an über ihre Leichen gehen müsse, um sie zur Räumung zu zwingen“, und eine Stadtverwaltung kapituliert habe.
„Bildet Kommunen!“, heißt es in dem Manifest, das auch unverblümt an die Verletzbarkeit der technischen Infrastruktur der Metropolen erinnert („Findet die Schwachpunkte der Computernetze“). Und schließlich: „Es gibt keinen friedlichen Aufstand. Waffen sind notwendig. Es geht darum, alles zu tun, um ihren Gebrauch überflüssig zu machen.“
Zusammenhalt gefährdet?
Auch der deutsche Sozialphilosoph Oskar Negt (Jahrgang 1934) sieht eine krisenhafte Zuspitzung der Probleme der Arbeitsgesellschaft, die den inneren Zusammenhalt des demokratischen Gemeinwesens gefährden könnte. „Aber die Zeit der Barrikaden ist vorbei“, sagte er in einem „Spiegel“-Gespräch.
Sein jüngstes Werk „Der politische Mensch - Demokratie als Lebensform“ (Steidl Verlag) verdient weitaus mehr Beachtung als die krude Kampfschrift. Das Buch bietet eine fundierte wissenschaftliche Analyse der gegenwärtigen Gesellschaftskrise und des verbreiteten Misstrauens gegenüber der politischen Klasse. „Es waren alles professionelle Politiker, die uns vor der Wirtschaftskrise auch nicht bewahren konnten“, so Negt.
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