Themenüberblick

Regierung startet Katastrophenhilfe

Das Amazonas-Gebiet wird derzeit von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten heimgesucht. Brasiliens Regierung hat nun Katastrophenhilfe in Höhe von 13,5 Mio. Dollar (9,7 Mio. Euro) für die betroffenen Regionen angekündigt.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Mit dem Geld sollen Projekte zur Wasserförderung und -reinigung ebenso finanziert werden wie die Lieferung von Nahrung und Getränken in jene Orte, die durch den stark gesunkenen Flusspegel von der Versorgung abgeschnitten sind. Die brasilianische Luftwaffe hat laut Angaben von BBC Online bereits 500 Tonnen an Nachschub in jene Gegenden gebracht, die normalerweise per Schiff versorgt werden.

Bucht mit gestrandeten Schiffen

APA/EPA/Raimundo Valentim

„Gestrandete“ Schiffe nahe Manaus

1,5-Mio.-Stadt betroffen

In Manaus, das am Zusammenfluss des Flusses Negro mit dem Amazonas liegt, ist der Pegel des Amazonas auf den niedrigsten Stand seit 1963 gesunken. Der Negro hat sogar den niedrigsten Wasserstand seit 1903 erreicht. Die Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas hat 1,5 Millionen Einwohner. Wissenschaftler sprechen von der schlimmsten Dürre seit vielen Jahren. Rund 100 Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten, 27 Gemeinden und Städte riefen mittlerweile den Notstand aus.

Mehrere Zuflüsse des weltweit zweitgrößten Flusses trockneten mittlerweile vollständig aus, was zu schweren Störungen im Schiffsverkehr und der Fischerei führt. Normalerweise beginnt die Regenzeit Ende November. Auch weiter flussaufwärts in Peru ist die Dürre beim Pegelstand des Amazonas spürbar.

Viele Fischer ohne Arbeit

Laut Angaben des Fischereiverbands ist derzeit wegen des Fischmangels jeder fünfte der insgesamt 120.000 in der Region tätigen Fischer arbeitslos. Und es wird befürchtet, dass sich die Lage im nächsten Jahr noch weiter zuspitzt, weil viele Fische heuer wegen der Trockenheit nicht ablaichen konnten und es damit weniger Nachschub an Fischen geben wird.

Frau steht auf dürrem Acker

APA/EPA/Alba Fernandez

Bäuerin in vertrockneter Plantage

Weil das Gefälle so niedrig ist und das Wasser auch bei normalem Pegelstand nur ganz langsam fließt, wird es lange dauern, bis sich der Wasserstand wieder normalisiert. Am schlimmsten war die Lage beim Fluss Acre, der den östlichen Teil des gleichnamigen Bundestaates durchquert. Zeitweise war es sogar möglich, den Fluss, der zu einem Rinnsal wurde, zu Fuß zu durchqueren.

Ist 2010 abnormal?

Ein Team der Umweltschutzorganisation Greenpeace überflog bereits vor Tagen das Gebiet, um einen Überblick über das Ausmaß des Schadens zu bekommen. Der Aktivist Rafael Cruz meinte anschließend, die diesjährige Dürre sei schlimmer als erwartet ausgefallen. „In einem gewissen Ausmaß ist hier bereits der Klimawandel spürbar.“ Das Jahr 2010 falle jedenfalls aus der langfristigen Beobachtungsreihe heraus.

Manche Meteorologen sind der Ansicht, dass die derzeitige Dürre sich noch innerhalb der Bandbreite der zyklischen Klimamuster der Urwaldregion befindet. Ähnlich trockene Perioden gab es auch 1926, 1963 und 1964. Niemand aber habe diese niedrigen Wasserstände vorhergesehen, so Jose Antonio Marengo, ein Experte des brasilianischen Raumforschungsinstituts INPE gegenüber dem International Press Service (IPS).

Marengo glaubt nicht, dass die Trockenheit Folge des Klimawandels ist. Wenn in November und Dezember die saisonalen Regenfälle aber nicht einsetzen, wäre das ein „echtes Problem“. Er widerspricht der These, dass die Dürre mit der Erwärmung des Wassers im Nordatlantik zusammenhängt, die auch für die Verstärkung der Hurrikans im Golf von Mexiko verantwortlich gemacht wird.

Tiefdruckzone verschoben

Marengo glaubt vielmehr, dass die sogenannte innertropische Konvergenzzone - eine Tiefdruckzone, die im Bereich des Äquators durch das Zusammentreffen der Passatwinde aus dem Norden und aus dem Süden entsteht - sich heuer etwas weiter nördlich bildete als normal. Damit fehlt dem Amazonas-Gebiet der Niederschlag aus den in dem Tiefdruckgebiet mehrmals täglich niedergehenden Regenfällen.

Alarmierende Studie

Erst vor wenigen Tagen hatten Wissenschaftler des US-amerikanischen Universitätsverbandes für Atmosphärenforschung (UCAR) mit aktuellen Rechenmodellen Alarm geschlagen: Demnach könnten 2100 die dichtest besiedelten Regionen der Welt, darunter große Teile Brasiliens, von massiver Trockenheit geplagt sein.

Um die Dramatik der Situation zu illustrieren: Die schlimmste Dürre der jüngeren Geschichte - jene in der Sahelzone in den 1970er-Jahren, hatte auf der Skala des Dürre-Maßstabs PDSI einen Wert von -4. Die Studie erwartet für die künftigen Dürreperioden aber einen Wert von -15 bis -20.

Links: