„Sehr gerührt und begeistert“
Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an Mario Vargas Llosa aus Peru. Die Schwedische Akademie in Stockholm würdigt damit den 74 Jahre alten Schriftsteller vor allem für seine Analyse von Machtstrukturen mit „messerscharfen Bildern“.
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Der berühmteste Autor des Andenstaates hat fast die Hälfte seiner Erwachsenenjahre in Europa und Nordamerika gearbeitet und wurde bereits mit zahlreichen Preisen, darunter 1995 der Cervantes-Preis und 1996 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, ausgezeichnet. Nicht nur handeln viele seiner Romane von seiner Heimat Peru, er selbst engagierte sich auch stets in den politischen Bewegungen. Seinen Weltruhm hatte er gleich mit seinem ersten 1962 erschienenen Roman „Die Stadt und ihre Hunde“ begründet, in dem er eine eindrucksvolle Darstellung autoritärer Systeme ablieferte.

AP/Daniel Ochoa de Olza
Vargas Llosa habe „sehr gerührt und begeistert“ auf die Zuerkennung des Literaturnobelpreises reagiert, berichtete der Chef der schwedischen Nobel-Jury, Peter Englund, nach der Bekanntgabe der Entscheidung am Donnerstag. Vargas Llosa hält sich in New York auf, wo er an der Princeton-Universität lehrt. „Er war schon um fünf Uhr aufgestanden, um sich auf eine Vorlesung vorzubereiten. Unseren Anruf bekam er um Viertel vor sieben und war schon kräftig am Arbeiten“, berichtete Englund. Vargas Llosa habe angekündigt, dass er zur Preisverleihung am 10. Dezember nach Stockholm kommen wolle.
Entscheidung für Reich-Ranicki „gar nicht so dumm“
Mit den Worten „Wir sind alle im Glück“, reagierte auch Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz hocherfreut auf die Nachricht. „Es ist eine wunderbare Entscheidung“, sagte sie am Suhrkamp-Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Suhrkamp verlegt die Werke Vargas Llosas in Österreich und Deutschland. "Er ist ein ganz großer Erzähler seiner Zeit. Er hat den Satz geprägt: „Literatura es fuego" (Literatur ist Feuer) - und genauso sind seine Werke“, schwärmte sie. „Er ist auch ein politischer Autor. (...) Er steht für das politische und historische Gedächtnis, er steht für eine bessere Welt.“
Platz eins der Twitter-Trends
Nur Minuten nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises schoss sein Name an die Spitze des Internet-Kurzmitteilungsdienstes Twitter. Kein anderer Begriff wurde weltweit nach der gegen Mittag veröffentlichten Entscheidung so oft getwittert wie der Name des peruanischen Autors. Das ließ sich am Donnerstag an den sogenannten Twitter-Trends ablesen, die der Onlinedienst auflistet. Auf Platz drei rangierte „Nobel Prize“, die englische Schreibweise der begehrten Auszeichnung.
Marcel Reich-Ranicki hält die Verleihung des Literaturnobelpreises an Mario Vargas Llosa für „eine sehr gute Entscheidung“. „Vargas Llosa ist ein Schriftsteller mit Fantasie und Realismus, mit Gefühl für die Figuren. Und er ist sehr gut lesbar.“ Die Nachricht habe ihn „sehr erfreut“, sagte Reich-Ranicki am Donnerstag wenige Minuten nach der Bekanntgabe der dpa. Im Gegensatz zu früheren Jahren sei dieses Votum der Stockholmer Jury „gar nicht so dumm“.
Häufig sei in den vergangen Jahren der Preis an Autoren verliehen worden, die diese Ehre gar nicht verdienten. In diesem Jahr sei das anders: „Vargas Llosa ist ein guter Schriftsteller, ein sehr guter.“ Er selbst habe den peruanischen Autor mehrmals getroffen und auch persönlich schätzen gelernt, sagte der Kritiker.
Sechster Preisträger aus Lateinamerika
Mit dem peruanischen Schriftsteller Vargas Llosa kommt der Träger des Literaturnobelpreises zum sechsten Mal aus Lateinamerika. Seine Vorgänger:
| 1990 |
Octavio Paz |
Mexiko |
| 1982 |
Gabriel Garcia Marquez |
Kolumbien |
| 1971 |
Pablo Neruda |
Chile |
| 1967 |
Miguel Angel Asturias |
Guatemala |
| 1945: |
Gabriela Mistral |
Chile |
Peruaner mit europäischer Vergangenheit
Das Leben von Vargas Llosa erscheint wie eine Geschichte vom verlorenen Sohn. Die Hälfte seiner Erwachsenenjahre arbeitete der berühmteste Autor des Andenstaates in Europa und Nordamerika. Der 74-Jährige wird deshalb oft als „europäisch“ denkender Schriftsteller bezeichnet. Er sei jedoch mit ganzer Seele Lateinamerikaner, der sich in Europa lediglich ebenso zu Hause fühle, sagte er einmal.
Der Schriftsteller, der sich selbst als liberal bezeichnet, mischt sich auch leidenschaftlich in die Politik ein. Die Demokratie sei in ganz Lateinamerika gefährdet, warnte er. Linksgerichteten, populistischen Staatschefs wie Venezuelas Präsidenten Hugo Chavez warf er vor, einen „Kommunismus wie in Kuba“ anzustreben.
Heimatverbundenheit in der Literatur
Trotz seines Nomadenlebens - Vargas Llosa bewohnte nach eigenen Angaben mehr als 40 Häuser - handeln nur drei seiner vielen Romane nicht von der peruanischen Heimat: „Der Krieg am Ende der Welt“ sowie die beiden neueren Werke „La Fiesta del Chivo“ (Das Fest des Ziegenbocks) und „El Paraiso en la otra esquina“ (Das Paradies ist anderswo). Sein 2006 erschienener Roman „Das böse Mädchen“ spielt teils in Peru, teils in Europa.
Radio-Hinweis:
Anlässlich der Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreisträgers ändert Ö1 sein Programm: Am Freitag, 8. Oktober, wird die Reihe „Beispiele“ durch „Radiogeschichten“ ersetzt (11.40 Uhr). Zu hören ist Llosas Erzählung „Die Herausforderung“, es liest Harald Pfeiffer.
Sein vorerst neuestes Werk, „Die Welt des Juan Carlos Onetti“, stellte er im Juli vorigen Jahres in Frankfurt vor. Das Werk des aus Uruguay stammenden Onetti, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, sei von Frustration, Scheitern und Pessimismus geprägt. „Ist dies nicht die Welt, in der wir als Lateinamerikaner geboren und aufgewachsen sind? Ist dies nicht der Kontinent, auf dem alle Demokratisierungsversuche immer wieder scheitern?“, fragte er sich in Madrid.
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