Mitbegründer der Nouvelle Vague
Der französische Filmemacher Claude Chabrol ist tot. Der Altmeister des französischen Kinos, der wie kein Zweiter die Abgründe des Bürgertums ausleuchtete, starb im Alter von 80 Jahren. Das teilte das Pariser Rathaus am Sonntag mit.
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In seinen Filmen nahm Chabrol vor allem die französische Bourgeoisie kritisch unter die Lupe, jedoch mit viel Ironie und Distanz. So wie viele der damals jungen französischen Filmemacher verehrte auch er Alfred Hitchcock. In zahlreichen Filmen spiegelt sich dessen Einfluss des Abgründigen und Doppeldeutigen wider. Zu Chabrols bevorzugten Themen gehörten Obsession und Abhängigkeit, Bourgeoisie und Bigotterie.
Triumphe verachtet
In der Nouvelle Vague wandten sich französische Filmemacher gegen das etablierte und angepasste Kino. Das Schlagwort des „Autorenfilms“ entstand, dessen Markenzeichen der individuelle Stil des jeweiligen Regisseurs ist. Nach dem Tod von Francois Truffaut (1984) und Eric Rohmer (2010) war Chabrol einer der letzten Regisseure der Nouvelle Vague.
Über das Alter machte sich Claude Chabrol, der erst diesen Juni seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte, nur lustig. Und von steiler Karriere hielt der französische Regisseur auch nicht viel. „Triumphe sind der Tod eines Filmemachers. Ich hatte schöne kleine Erfolge“, zog der Altmeister anlässlich seines Geburtstags am 24. Juni Bilanz.
Mehr als 40 Jahre lang drehte er Filme, in denen er schonungslos hinter die Fassade der bürgerlichen Gesellschaft und tief in die menschlichen Abgründe blickte. Chabrol war im wahrsten Sinne des Wortes ein Arbeitstier. In den 90er Jahren machte er vor allem mit der Literaturverfilmung „Madame Bovary“ und dem Eifersuchtsdrama „Die Hölle“ von sich reden. Einer seiner letzten Filme war „Kommissar Bellamy“, der 2009 auf der Berlinale zu sehen war.
Scheinheiligkeit angeprangert
„Unsere Generation dachte nicht an Karriere, wir wollten Werke schaffen. Ich bin nicht sicher, ob heute wirklich versucht wird, Filme zu machen“, meint der Meister seines Fachs. Chabrol ist kritisch, nicht nur der Bourgeoisie gegenüber, die er kennt, denn er ist ein Kind dieser Gesellschaftsschicht, deren Scheinheiligkeit er unermüdlich anprangert.
Er beobachtet die Menschen und ihr buntes Treiben. Filmfestivals und ihre Preise sind für ihn Schaufenster der Eitelkeiten und des Scheins. Er vergleicht sie mit Tombolas, die nicht viel mit der Qualität der Filme zu tun haben, die sie zeigen und prämieren. Cannes ist für ihn medialer Zirkus. „Es gibt nicht mehr Bling-Bling als diese Leute, die den roten Teppich in Abendgarderobe hinaufstolzieren und die meiste Zeit damit verbringen, dieses Bling-Bling-Schauspiel zu kritisieren“, sagte Chabrol.
Zynisch und ehrlich
Kompromisslos, zynisch und gnadenlos ehrlich sind jene Eigenschaften, die ihn und sein Werk auszeichnen. Denn nichts machte er in seinen Filmen lieber, als Unaufrichtigkeit, Falschheit, Engstirnigkeit und Egoismus des Bürgertums zu entlarven, um daraus erfolgreich hintergründige Provinz- und Familiendramen zu zaubern - gern mit Inzest oder Mord anreichert. Eine Mischung, deren Grundformel der Regisseur nicht während seines Pharmaziestudiums erlernt hat.
Chabrol stammte aus einer Apothekerfamilie und begann das Studium der Pharmazie und Literatur nur seinem Vater zuliebe. Zum Film kam er nicht wie viele seiner Zeitgenossen als Regieassistent, sondern als Kritiker bei der Fachzeitschrift „Cahiers du cinema“.
Mitbegründer der Nouvelle Vague
Chabrol gehörte jener Generation an, die vor mehr als 50 Jahren die Nouvelle Vague gegründet hat. Eine Bewegung, die sich gegen das etablierte, verkrustete und zu angepasste Kino wehrte. Sie wollte mehr Individualität, mehr Tiefe und keine Massenprodukte. Das Schlagwort des „Autorenfilms“ entstand, dessen Markenzeichen der unverkennbare, individuelle Stil des jeweiligen Regisseurs ist. Seit dem Tod von Francois Truffaut und Eric Rohmer war Chabrol neben Jean-Luc Godard einer der letzten Regisseure der Nouvelle Vague.
Mit mehr als 60 Kinofilmen drehte er mehr Filme als seine Vorbilder Fritz Lang und Alfred Hitchcock. Kaum ein französischer Regisseur ist in Österreich so bekannt wie Chabrol, der sich mit Filmen wie „Die untreue Frau“, „Der Schlachter“, „Das Biest muss sterben“, „Der Bruch“, „Vor Einbruch der Dunkelheit“, „Süßes Gift“ und „Die Blume des Bösen“ einen Namen machte.
„Warum ich mich darauf versteife, die doppelte Moral der Bourgeoisie zu entlarven, könnte nur ein Psychiater herausfinden“, hat Chabrol einmal gesagt. An seiner katholischen Erziehung liege es jedenfalls nicht, sie habe keine Spuren hinterlassen. Mit anderen Worten: Chabrol ist von Natur aus ein zynischer Moralist.
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