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„Was kann diese Geschichte?“

Für die meisten Menschen ist es Sperrmüll - für Justus Neumann sind es Brünnhilde, Siegfried und Gunther. Mit seinem neuen Programm hat sich der Schauspieler Großes vorgenommen: den „Ring des Nibelungen“ nach Richard Wagners Opus Magnum ganz alleine auf die winzige Bühne seines Zirkuszelts zu bringen.

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Sturheit und seine unbändige Fantasie scheinen das Erfolgsrezept Neumanns zu sein. Schon früh träumte er von einem eigenen Zirkus - ein Traum, den er sich in den letzten Jahren durch den Bau des „Zirkus Elysium“ selbst erfüllte. Zum zweiten Mal schlägt er nun sein auf der tasmanischen Insel Bruny konstruiertes Zelt im Wiener Museumsquartier auf, um darin „Das Nibelungenlied“ in einer Urwiener Form zu präsentieren.

„Was kann diese Geschichte?“ fragt sich Neumann zu Beginn des Theaterabends, der für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene konzipiert ist. Immerhin ist die Nibelungensage ein ziemlich blutiger Stoff, Gemetzel und Kampfhandlungen, wohin das Auge reicht, nichts für zartbesaitete Gemüter. Neumann machte sich gemeinsam mit seinem Schweizer Regisseur Hanspeter Horner die Mühe, die langwierige Handlung der Operntetralogie zu entwirren und nur mit Hilfe seiner Requisiten neu zu erzählen.

Die Erzählerfigur, die Neumann in „Das Nibelungenlied“ darstellt, hat er in seinen letzten Produktionen sukzessive weiterentwickelt. Er ist eine Art trauriger, immer irgendwie lebensmüder Clown, der - ähnlich wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin - die Tragik des eigenen Lebens vermittelt und zur Komödie werden lässt. „Es ist vielleicht eine Übersteigerung, aber meine Verzweiflung ist die Verzweiflung meines Clowns“, erklärte Neumann den Zugang gegenüber ORF.at.

Justus Neumann

Wolfgang Kalal

Zirkuszelt als Bühnenheimat

„Ich bin ein Gegner vom großen Theater. Da kann man eigentlich nur artifiziell arbeiten. Unser Zelt ist eher ein Wohnzimmer. Das ist mein Platz“, beschreibt Neumann den Zirkus Elysium, den er selbst gebaut hat und der seiner Figur, dem „Sandler-Clown“, seit einigen Jahren eine Bühnenheimat ist. Das Bühnenbild im rund 100 Zuschauer fassenden Miniaturzelt gleicht einer Werkstatt - ausgestattet mit alten, rostigen Werkzeugen und geheimnisvollen Maschinen. Für jeden Charakter der Inszenierung findet Neumann ein Pendant in seinem scheinbar unerschöpflichen Fundus an Krimskrams. König Gunter ist ein Apfelpflückstab, Siegfried eine Säge und Gernot ein alter Stiefel.

Der australische Objektkünstler und Theaterdesigner Greg Methe hat für die Inszenierung das Zelt weiterentwickelt und neue, zauberhafte Geräte gebaut. Die einzigartigen Prototypen verwandeln ein Stück Metall in Siegfrieds Schwert und einen Apfel in einen Apfelstrudel. Hagens „zarte Seele“ - „Nestroy würde sagen: Er hat einen finsteren Blick“ - demonstriert ein kleiner Teddybär, der zu bedrohlich-unheimlicher Musik über eine Schleifmaschine springt.

Justus Neumann

Wolfgang Kalal

Veranstaltungshinweis:

„Das Nibelungenlied“ ist von 10. September bis 10. Oktober im Zirkus Elysium im Museumsquartier vor dem Dschungel Wien zu sehen. Vorstellungen finden von Donnerstag bis Sonntag um 19.30 Uhr statt.

TV-Hinweis:

„Kultur.montag“ zeigt am 13. September um 22.30 Uhr auf ORF2 die Dokumentation „Ein Clown wirft keinen Schatten“ über das Leben und die Karriere Justus Neumanns.

Wagner-Musik frei interpretiert

Auch musikalisch ist das Stück ein Streifzug durch „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und die „Götterdämmerung“ - arrangiert, modernisiert und live verarbeitet von Gerhard Gruber, der sich als Stummfilmpianist und Theatermusiker einen Namen gemacht hat. Wie für die Produktionen des Neumann’schen Zirkusvereins typisch, hält man sich dabei aber an keine Grenzen.

So kommt etwa der „Walkürenritt“ beim Schmieden von Siegfrieds Schwert zum Einsatz. „Die Musik ist großes Kino, das wusste schon Francis Ford Coppola, als er die Melodie für den Beginn von ‚Apocalypse Now‘ verwendet hat“, sagt Horner gegenüber ORF.at. Der Zugang zum Thema war insgesamt ein sehr unbeschwerter, beschreibt der Regisseur: „Der Gedanke war: Wir werden immer von Mythen erschlagen. Darum haben wir uns gedacht: Erschlagen wir doch einmal die Mythen!“

Sophia Felbermair, ORF.at

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