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Trauer um Schlingensief

Einen Tag nach dem Tod Christoph Schlingensiefs herrscht Bestürzung und Trauer bei Prominenten aus Kultur und Politik. Der Regisseur starb am Samstag mit 49 Jahren im Kreis seiner Familie in Berlin an Krebs.

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„Einer der größten Künstler, die je gelebt haben“ - das ist Christoph Schlingensief für die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. So einen wie ihn könne es nicht mehr geben, teilte die zurückgezogen lebende Autorin der österreichischen Nachrichtenagentur APA schriftlich mit.

„Als ob das Leben selbst gestorben wäre“

„Mit einer so unglaublichen Kraft hat er alle um sich geschart, seine Gruppe Behinderter, dann auch Schauspielerinnen, Schauspieler, Menschen, die wie von einer umgekehrten Fliehkraft buchstäblich an ihn herangerissen wurden (die er an sich gerissen hat), und mit ihnen hat er seine Projekte durchgezogen, vorangepeitscht, auch das Projekt seines Opernhauses in Afrika - ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.“

„Neue Gattung geprägt“

Und die Nobelpreisträgerin, deren Stück „Bambiland“ Schlingensief 2003 im Burgtheater uraufgeführt hatte, weiter: „Er war nicht eigentlich Regisseur (trotz Bayreuth und Parsifal), er war alles, ich weiß kein andres Wort dafür: Er war DER Künstler schlechthin. Er hat eine neue Gattung geprägt, die sich jeder Einordnung entzogen hat. Es kann keinen wie ihn mehr geben. Ein furchtbar trauriger Tag.“

„Großartiger Wachrüttler“

Der Theatermacher und ehemalige Intendant unter anderem der Münchner Kammerspiele, Frank Baumbauer (64), bezeichnete Schlingensief als „großartigen Wachrüttler“. „Mit seinen neuen Theaterformen und veränderten Wertigkeiten hat er uns durch seine Verhaftungen in der Wirklichkeit wieder und wieder aus unseren netten Nestern herausgeworfen. Er hat wirklich Großartiges gemacht und etwas bedeutet - ob in Hamburg, in Berlin, in Bayreuth, in Wien oder in Afrika“, sagte Baumbauer.

„Tut mir wahnsinnig leid“

Opernregisseurin Katharina Wagner würdigte Schlingensief als einen großen Künstler. „Ich bin tief erschüttert, schockiert und traurig“, sagte die Bayreuther Festspielleiterin. „Es tut mir wahnsinnig leid, vor allem weil er so gekämpft hat“, ergänzte die 32-Jährige am Rande der Live-Übertragung der Wagner-Oper „Die Walküre“ auf dem Bayreuther Volksfestplatz am Samstag.

„Voller Warmherzigkeit“

Mit großer Bestürzung reagierte man auch am Wiener Burgtheater auf die Todesnachricht. Der Regisseur hatte immer wieder am Burgtheater gearbeitet, auch für die kommende Saison war als Koproduktion mit den Wiener Festwochen ein weiteres Schlingensief-Projekt angekündigt.

Schlingensief habe sich durch seine Arbeiten am Burgtheater viel freundschaftlichen Respekt und Anerkennung erworben, so Burgtheater-Sprecherin Konstanze Schäfer: „Er war ein ganz besonderer Mensch, voller Warmherzigkeit im Umgang. Das hat hier jeder gespürt. Er war wirklich einer der angesehensten Künstler, die am Haus gearbeitet haben.“ Daher sei es keineswegs bloß eine Phrase: „Das ganze Burgtheater ist in tiefer Trauer.“

„Seine Provokationen werden uns fehlen“

Der Berliner Kulturstaatssekretär Andre Schmitz, der als früherer Verwaltungsdirektor der Volksbühne mit Schlingensief zusammengearbeitet hatte, würdigte Schlingensief als wunderbaren Menschen und herausragenden Künstler: „Ein Theatermacher, dessen Provokationen uns fehlen werden.“

Der deutsche Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) würdigte den Verstorbenen als einen der innovativsten Künstler. „Zu seinen Stilmitteln gehörte nicht selten die Provokation, mit der er ganz bewusst auch über den Kulturbereich hinaus Kontroversen auslösen und irritieren wollte.“

„Ein lebensspendender Anarchist“

Für den Intendanten der Wiener Festwochen, Luc Bondy, war Schlingensief „ein lebensspendender Anarchist, eine große Figur in der deutschen Kultur“. „Auch wenn Montaigne empfiehlt, man müsse sich mit dem Tod sein ganzes Leben lang anfreunden, tut man es nicht. Christoph Schlingensief hat sich intensiv (leider war mir manchmal das Zusammenspiel mit den Medien ein wenig viel) mit seiner Krankheit auseinandergesetzt, aber sterben wollte er nicht. Und wir freilich auch nicht“, so Bondy. Schlingensief sei ein „genialer, unerhört intelligenter Mann“ gewesen.

„Neue Räume eröffnet“

Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) sagte, Schlingensief habe „mit seiner Radikalität und Bedingungslosigkeit dem Theater neue Räume und Mittel eröffnet“.

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick würdigte Schlingensief als großen Filmemacher und politischen Künstler. Schlingensief habe im wahrsten Sinne gemacht, was er wollte. Er sei ein Mensch gewesen, der sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeiten aufgeregt habe, sagte Kosslick. Mit seiner Kunst habe sich Schlingensief gegen Abschiebungen, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen engagiert.

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