„Die Perser“: Der Krieg und die Trance
Die scheinbar ewige Niederlage der Perser im Krieg gegen die Griechen wird zu einer maschinellen Fahrt durch die Nacht auf zwei Drehbühnen: Die Frauen sehen vorne das Unheil kommen - und die Männer im Stürmermodus können im Hintergrund nur rudern, kämpfen - und, so will es eigentlich die griechische Propaganda, auch verlieren.
Mit großer Manipulationskraft wird bei der Premiere am Samstagabend ein Text samt seiner großen Chorpassagen vier Stunden durch die Enge des Salzburger Landestheaters getrieben. Zwei Scheiben drehen sich unaufhörlich. Vorne eine, die den Raum der sehenden Frauen definiert, hinten eine in der Technologie von „Hully Gully“-Kirtagsattraktionen, die sich aufstellt, gegendreht und unaufhörlich das repräsentieren soll, was der Krieg schon immer ist: ein Mahlwerk, das die Kämpfer zum Material verkommen lässt und letztlich unter die Räder zwingt.
Getriebe und Getriebene
Überhaupt wird die Idee des Mahlwerks zur Leitmetapher des Abends, denn nichts steht still. Alles folgt über die monotone, tribale bis trance-artige Musik von Ari Benjamin Meyers und Nico van Wersch einem Grundtakt und zwingt auch den Text in der Übersetzung von Durs Grünbein in ein neues Korsett. Am Anfang ist es der verlangsamte Zweivierteltakt, der verdeutlicht, dass wir in einer Welt der düsteren Vorsehung und des anstehenden Kampfes sind. Ein hinunteroktavisierter Bass und ständige Percussions sorgen dafür, dass niemand, aber wirklich niemand, diesem Stück entkommt. Gegen die Bestimmung schreit, begehrt der Chor auf. Und alles auf der Welt, die hier eine Scheibe ist, dreht sich, bewegt sich. Im vorgegebenen Tempo der Musik. Das schafft Sogwirkung.

Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig
Ein Abend für drei starke Frauen: Katja Bürkle, Valery Tscheplanowa und Patrycia Zyolkowska
Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa sind der Chor des persischen Ältestenrates, quasi die Instanz des kollektiven Träumens und der Vorsehung. Aus diesem Chor heraus tritt die Mutter des Xerxes und Königsgattin, die Frau des Dareos. Sie weiß viel, ist doch schon ihr Mann gegen die Griechen bei Marathon unterlegen.
Hinweis
„Die Perser“ sind als Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt noch im August bei den Salzburger Festspielen zu sehen und ab Herbst im Schauspielhaus Frankfurt.
Patrycia Ziolkowska ist Atossa, die Königsmutter, die von allem Anfang an eigentlich das Schicksal ihres Sohnes Xerxes voraussieht und sich im Idealfall nur auf eine Begegnung einstellen kann: Fällt er nicht, so müsste die Mutter einen Verlierer trösten - eine Aufgabe, die sie gerne abgeben wird. Denn die Mutter, sie kündet in diesem Stück von der Hybris, diesem Lieblingsthema der attischen Tragödie. Und nichts ist besser, als die Hybris dem Feind zu attestieren - und das eigene Volk, das nun einmal die Griechen sind, unter besonderen Schutz des Zeus und Führung des Apoll zu stellen.
Premiere von „Die Perser“ in Salzburg
Das älteste Stück der Theatergeschichte ist im August noch in Salzburg zu sehen. Das Drama über einen verblendeten Staatsführer ist für Regisseur Ulrich Rasche hochaktuell.
Szenario der Erschöpfung in heikler Ästhetik
Die Hybris in der Kriegsführung des Xerxes werden die Männer auf der Drehscheibe im Bühnenhintergrund ausführen. Der Text schreit durch sie förmlich hindurch. Trotz anfänglicher Siegesgewissheit zeigt die Maschinerie der Drehbühne, dass es für die Kämpfer eigentlich immer nur bergauf geht in dieser Galeerenfahrt des Untergangs. Eine Stunde lässt Rasche den Text durch dieses Szenario der Erschöpfung peitschen - einen Teil des Publikums schlägt das schon vor der Pause in die Flucht. Man war gewarnt vor diesem Abend, zu dem im Vorfeld ja Metaphern von Rammstein-Konzerten bemüht wurden.

Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig
Schweiß, Muskeln, Gegenlicht - die Kämpfer auf der Drehscheibe des Kriegs
Wie diese Umsetzung zu deuten sei, blieb jeder und jedem im Publikum selbst überlassen. In der Mischung aus Gegenlichtführung, Schweiß und Muskelarbeit durfte man schon an Leni Riefenstahl, Albert Speer oder das Menschenbild eines Arno Breker denken.
Der entscheidende zweite Teil
Der zweite Teil des Abends machte freilich die andere Dimension dieses Stücks deutlich. Nach Vorsehung und Krieg im Teil eins war nun Trauer und Konsolidierung angesagt. Einmal mehr sind es die drei Frauen, die die Verarbeitung ermöglichen. Eine von ihnen tritt aus dem Bereich der Frauen in jenen der Männer - und ermöglicht so ein Heimkommen jener Helden, die noch übrig sind (dass über ihre nackte Brust weiße Farbe läuft, zählt wohl zur Serie der sehr einfachen Metaphern im Sommer 2018). „Niemand bricht einen Krieg gegen Griechenland vom Zaun“, so die Losung des Aischylos, der mit diesem Stück natürlich mehr gestalten wollte als einen Abgesang auf den Feind.

Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig
Die Frauen ermöglichen den verbliebenen, geschlagenen Helden die Heimkehr: In die Gesichter der Männer blickt man durch das ständige Gegenlicht nicht mehr
Die Fehleinschätzung der eigenen Kraft, das fatale Übermaß an Selbstgewissheit - das bringt dieses Stück im Modus des Aufschreis über die Bühne. Im Mahlwerk der Welt des Ulrich Rasche kann freilich alles unter die Räder kommen: Text, Figuren, Zwischentöne. Es ist zugleich ein Theater, das sich offenkundig nicht über den Kopf im Publikum festsetzen will.
So viel Ausgeliefertsein macht bei manchen sogar das Bravo-Rufen am Ende zu einem großen Willensakt. Die Männer haben sich den Applaus für ihre Unermüdlichkeit verdient, die drei großen Frauen schließlich für die Ausdruckskraft. Und auch wenn alles sehr männlich in der Ästhetik ist - so stehen die Frauen als jene Instanz da, die es eigentlich schon von Anfang an wusste.
Gerald Heidegger, ORF.at