Israels Alptraum in der Stand-up-Comedy
Möchte man im weitesten Sinne Adorno folgen und bestätigen, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr möglich seien, so kann es noch weniger eine unschuldige oder neutrale Geschichtsschreibung geben. Nicht für die Opfer, nicht für die Täter. Doch Erinnerung und die Verteidigung der eigenen Geschichte können umschlagen, Tabus des Benennens jede Luft nehmen. Vielleicht handelt der erfolgreiche Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossman auch davon. Nur jemand mit seinem biografischen Hintergrund konnte ein derartiges Buch samt den darin angelegten Tabubrüchen wagen - nicht von ungefähr hatte das Werk in Israel einen deutlich schwierigeren Stand als auf dem internationalen Parkett.
Erfolgsroman auf der Bühne
Der preisgekrönte Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ ist in einer Bühnenfassung zu sehen. Samuel Finzi spielt die zentrale Rolle.
„Manche Bücher schürfen uns“
„Manche Bücher schürfen uns. Ich lese mich an ihnen wund“, schreibt Autor Doron Rabinovici im Programmheft zur Salzburger Inszenierung. Die Hauptfigur des Werks, Dov „Dovele“ Grinstein, ein Stand-up-Comedian, nutzt den Witz sehr im Sinne Freuds zu einer Solidarisierung: Alle sollen zu Gleichgesinnten werden, sich insgeheim verschwören, sich gemeinsam erheben gegen jegliche Autorität. Und damit auch gegen die Autorität der Geschichte und der Geschichtsnarrative.

Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig
„Ich bin eben eine Publikumshure, ich kann’s einfach nicht lassen“: Samuel Finzi alias Dov Grinstein
Grinstein verwendet dieses beinahe gewaltsam erzwungene Relais mit dem Publikum, um alle Kategorien des Sagbaren zur Geschichte Israels, zur Schoah, zur Gegenwart zwischen Juden und Arabern zu überschreiten. Alle werden ihr Fett abbekommen, niemand ist sicher. Er selbst bezeichnet sich als dem Tod nahe, was die Radikalität seines Standpunktes nur verschärft. Was er tut, tut er, um die Grenzen auszureizen. Und zunächst meint man, er täte es im Sinne einer radikalen, vielleicht noch nie da gewesenen Comedy.
Was darf man sagen?
Was man im Buch und auch im Stück erlebt, ist ein Prozess der Überschreitung. Das Theater verlässt seinen Rahmen, die Literatur wird durch die Bezüge zum historischen Geschehen beinahe zum Politikum. So wie Grinstein soll, darf man nicht reden, steht als Suggestion im Raum. Grossman nährt im Roman dieses Gefühl durch einen erzählenden Beobachter, der von Grinstein eingeladen wurde, dessen Auftritt auf einer Bühne in Netanja zu verfolgen. Der Erzähler kommentiert nicht, er beobachtet, schafft aber damit immer ein Stück Einordnung.
In Dusan David Parizeks Salzburger Inszenierung ist dieser Erzähler weg. Den Regisseur reizt die Konfrontation zwischen Comedian und Publikum. Ohne Schutzinstanz dazwischen. Samuel Finzi spielt an diesem Abend knapp drei Stunden den Krakeeler und Alleinunterhalter Grinstein. Er tut das bis zur eigenen Ermüdung und zu der des Publikums.
Die Haut wird dünner
Finzi rackert und redet drei Stunden lang, steht schon vor Beginn auf der Bühne und singt zur Klavierbegleitung, von Police bis Radiohead. Er ist, beinahe im Sinn Lermontows, „ein Held unserer Zeit“, weil die Zeit, die Geschichte, durch den elenden Körper hindurchfährt: Leid, Lust, Eros, all das will dieser schwitzende, um sich schlagende Typ erfahren haben. Und er hätte es gern hinter sich, vor allem dieses ewige Leiden an sich selbst.

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Warnung schon beim Reingehen: "I’m a creep, I’m a weirdo.
What the hell am I doing here?
I don’t belong here."]]
Dass Finzi in diesem Modus so lange durchhält und den Faden nicht verliert, grenzt an ein Wunder. Je länger der Abend, desto dünner auch die Haut des Schauspielers Finzi. Das macht alle, die mit ihm sichtbar ermüden, sprachlos.
Nichts bleibt unter Kontrolle
Aus der geplanten Comedy im Overdrive wird eine Nabelschau, die alle im Raum an Schmerz- und Schamgrenzen bringt. Die Stand-up-Comedy kehrt zu ihren Wurzeln zurück, weil das Spontane, Nichtkontrollierbare die Oberhand gewinnt. Erst die unkorrekten Auswüchse machen die eigene Familiengeschichte sichtbar, legen den Blick frei. Da ist ein Mann, der in der Erinnerung an die Eltern erleben muss, dass ihm durch die Geschichte seines Landes, das Schicksal seines Volkes jede simple Form der Familiengeschichte geraubt wurde.
Im Sicherinnern an die Eltern tauchen die Plätze der Schoah auf, drängen sich die Täter von damals auch in die Zeit nach dem Holocaust. Der schwierige Umgang der Gegenwart: Er lässt sich nicht über die Geschichte erklären oder gar entschuldigen. Doch die Erfahrung der ständigen großen Geschichte in der kleinen Familienerzählung nimmt den Menschen die Chance, Individuen zu sein. Immer sind sie Stellvertreter, ohne Chance auf Individuation.
Grossman über die Hintergründe seines Romans
David Grossman über die Hintergründe zu seinem Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ und dem titelgebenden Witz.
Unerwartete Begegnung
Mavie Hörbiger spielt an diesem Abend seine frühere Nachbarin Pitzkele, genannt „Pitz“, die unvermittelt aus dem Publikum aufsteht und Dov widerspricht. Er sei „ein guter Junge“ gewesen, der „Träumer“, den sie nie vergessen wollte. Sie kämpft, wenn man so will, um die Chance, das Individuelle zurückzuerlangen. Dov wiederum erwartet einen Richtspruch zu seiner Show. Doch am Ende gibt es keinen Richter, jeder „strandet“, so Rabinovici, bei sich selbst.
Hinweis
„Kommt ein Pferd in die Bar“ ist nicht nur bei den Salzburger Festspielen zu sehen, sondern ab 5. September auch am Wiener Burgtheater.
„Die Angst deformiert die Menschen“, meinte Grossman in Salzburg wenige Tage vor der Premiere in einem Pressegespräch. Bei Dov wird der Versuch, auf sich selbst zu blicken, auch zu einer großen pathologischen Halluzination der Geschichte eines Landes und der Menschen darin. Dennoch: Verhandelt wurde an diesem Abend mehr als das Schicksal Israels. Der Witz, so die Erkenntnis, legt frei. Und hilft dabei, das schonungslos Aufgedeckte wieder in eine überlebensnötige Distanz zu bringen.
„Let It Be“, singt Finzi alias Dovele nach dem Schlussapplaus am Klavier auf der Bühne. Grossman sieht ihm zu. Fast unbeholfen steht der Autor da. Und Finzi ist schwer gezeichnet von der beinahe therapeutischen Tat des Abends. „Diese Comedy-Show ist mir ein bisschen alternativ geraten“, hatte Finzi alias Dov Grinstein davor gemeint. Das war natürlich heillos untertrieben.
Gerald Heidegger, ORF.at
Links:
- Salzburger Festspiele
- Kommt ein Pferd in die Bar (Burgtheater)