Szene aus "La clemenza di Tito"

Salzburger Festspiele / Ruth Walz

„Tito“ und die Antwort auf den Terror

Mit „La clemenza di Tito“ haben die Salzburger Festspiele Donnerstagabend einen sensationellen Auftakt für das heurige Opernprogramm geliefert. Unter der musikalischen Leitung von Teodor Currentzis und inszeniert von Peter Sellars wird das Werk über den verzeihenden römischen Kaiser Titus Vespasiano zu einer zeitgenössischen Reflexion über scheinbar oder tatsächlich nicht lösbare Konflikte unserer Zeit.

Es sind klare Bilder, wie ein paar Gitterzäune, mit denen die Flüchtlinge in Schach gehalten werden, ein Attentäter mit Sprengstoffweste und ein Blumen- und Kerzenmeer, die einem nach Anschlägen in Paris, Brüssel und Berlin nur allzu bekannt vorkommen. Mehr braucht Sellars eigentlich nicht, um mit der 1791 zur Krönung von Kaiser Leopold II. in Prag uraufgeführten Oper auf deren recht zeitlose Botschaft zu verweisen - zumindest nicht szenisch.

Verfechter von Werktreue müssen stark sein

Gern erzählen Sellars und Currentzis, die schon seit einigen Jahren zusammenarbeiten, dass nämlich während ihrer Proben nicht immer klar sei, wer Dirigent und wer Regisseur sei. Und so darf man jetzt einen „Titus“ hören, der vielleicht für verbissene Verteidiger von unbedingter Werktreue schwierig sein mag, sich beim Premierenabend in Salzburg aber als unheimlich stimmige Überarbeitung entpuppt.

Szene aus "La clemenza di Tito"

Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Tödlich verwundet vergibt Kaiser Titus (Russell Thomas) seinem Attentäter Sesto (Marianne Crebassa)

Großzügig befreite das Team die Oper von (mutmaßlich ohnehin von Franz Xaver Süßmayr stammenden) Rezitativen, um dafür anderen Mozart-Kompositionen Raum zu geben. Geschickt wurden so Teile der c-Moll-Messe eingewebt, dazu das Adagio und Fuge c-Moll und die Maurerische Trauermusik. Vor allem mit gleich mehreren großen Chorauftritten stellen diese Passagen den Abend in einen spirituellen Rahmen, dem man sich kaum entziehen kann.

Während der Aufführung geht der Sog in direkter Linie vom Dirigentenpult aus, wo Currentzis seinem Ruf als Perfektionist und Exzentriker mehr als gerecht wird. Das von dem 45-jährigen griechischstämmigen Russen gegründete Orchester musicAeterna und der gleichnamige Chor aus dem im russischen Uralvorland gelegenen Perm folgen seinem agilen Dirigat mit der eingespielten Präzision. Nahezu jedem Takt kann man jahrelange Zusammenarbeit und gegenseitiges Vertrauen anhören - und mit Blick auf den Graben auch gut ansehen.

Der innere Gefühlswettstreit

Currentzis scheut das große Drama dabei jedenfalls nicht. Mit „Mille affetti insieme“ („tausend Gefühle zugleich“) besingen Sesto (Marianne Crebassa) und Vitellia (Golda Schultz) im ersten Akt die innere Zerrissenheit, die sich in der Musik Mozarts in Salzburg durch den ganzen Abend widerspiegelt. Die französische Mezzosopranistin Crebassa begeistert dabei mit klarer Stimme und fantastischer Höhe, Russell Thomas ist ideal als weitsichtiger Kaiser besetzt. Völlig stimmig passen dazu die anderen Solisten - Christina Gansch als Servilia, Jeanine De Bique als Annio und Willard White als Publio.

Szene aus "La Clemenza di Tito"

Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Crebassa erntete als Sesto mit „Parto parto ma tu ben mio“ schon im ersten Akt langen Jubel

Sellars Inszenierung hält sich bewusst zurück und lässt der Musik klar den Vortritt. Einfache, vom Chor umgesetzte gestische Choreografien und assoziative Bildideen genügen, um seine Idee für das Werk zu transportieren. Der Anschlag auf den milden Herrscher Titus durch Sesto (im Auftrag von Vitellia), die Zerrissenheit und Reue des Attentäters, die Betroffenheit des Volkes und das gnadenvolle Ende - mit der Botschaft der Versöhnung - brauchen auch nicht mehr, um sehr heutig gelesen werden zu können.

Wenn das Publikum trampelt

Auch ein direktes Bühnenbild braucht Sellars in der Felsenreitschule nicht. Sporadisch aus dem Boden fahrende Stelen des Installationskünstlers George Tsypin und wenige mobile Versatzstücke müssen genügen, um Schauplätze wie das brennende Kapitol und den Kaiserpalast anzudeuten. Einen Vorhang hat das in den Fels gehauene Theater bekanntlicherweise auch nicht - hätte es einen, dann wären die Mitwirkenden am Premierenabend wohl unzählige Male davor gerufen worden.

Hinweis

„La Clemenza di Tito“ ist noch am 27. und 30. Juli sowie am 4., 13., 17., 19. und 21. August in der Felsenreitschule zu sehen. ORF2 zeigt die Inszenierung am 4. August um 21.20 Uhr, die Wiederholung ist am 19. August um 20.15 Uhr in 3sat zu sehen.

Das Publikum feierte am Ende des rund dreieinhalbstündigen Abends alle Beteiligten mit lange anhaltendem Jubel, Standing Ovations und heftigem Getrampel. Nach der hochpolitischen Eröffnungsrede von Ferdinand von Schirach am Vormittag schien „La clemenza di Tito“ - als Eröffnungsoper traditionell auch von großen Teilen der Regierung sowie Politprominenz aus dem In- und Ausland besucht - eine konsequente Fortsetzung zu sein.

Der vom neuen Intendanten Markus Hinterhäuser für die diesjährige Saison ausgeworfene Anker, die Frage der Macht und die Rolle des Einzelnen in diesem Getriebe, hat sich damit gleich zu Beginn recht erfolgreich festgehakt.

Sophia Felbermair, ORF.at, aus Salzburg

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