Filmstill aus "Leuchtkraft"

Diagonale

In der Kürze liegt die Kraft

Es ist erstaunlich, wie gut man Geschichten auserzählen kann - manchmal in nur zehn, 15 Minuten. Auch bei der Diagonale beweisen zahlreiche, zumeist junge Regisseure, dass der Kurzfilm zu Recht eine eigene Kunstform ist und nicht nur ein „Nebenherprojekt“ für alle, die keinen Langfilm drehen wollen.

Wie immer fasst die Diagonale mehrere Kurzfilme zu einem Block zusammen. Sechs solcher Blöcke gibt es auch diesmal, Spielfilme, Dokus und Experimentelles (vom Festival „Innovatives Kino“ genannt). Einer der Blöcke an kurzen Dokus hatte ein Überthema: das Verschwinden. Es sind kleine Weltuntergänge, auf die hier ein melancholischer Blick geworfen wird: Kino als großformatiges Gesellschaftsarchiv.

Ein Beispiel dafür ist „The Sea You Have to Love“ des 30-jährigen Patrick Wally. Der Akademiestudent begab sich an die Adria-Küste und entdeckte dort eine andere Art des Prekariats: die Fischerei. Fischkutter gehören dazu, was wären Urlaubsfotos ohne diese kleinen Kähne, die so romantisch im Hafen liegen und beruhigend gemächlich gen Küste zurückkehren, wenn die Touristen gerade ihren Rausch ausgeschlafen haben?

Der Long John Silver der Adria

Aber hört man nicht immer, dass die riesengroßen, schwimmenden Fischfabriken längst alles leergeräumt haben? Das stimmt auch, deshalb ist kein wirkliches Geld mehr mit der Fischerei zu machen. Aber wer sein Herz ans Meer verloren hat, der kämpft auch auf verlorenem Posten weiter. Und zwei solcher Kämpfer, wenn auch ganz unterschiedliche, hat Wally in seinem ruhigen und zugleich eindrücklichen, 28-minütigen Filmessay porträtiert. Jeweils eine Ausfahrt mit einem Fischerboot ist zu sehen.

Filmstill aus "The Sea You Have To Love"
Diagonale
Das Meer, die Möwen - und viel zu wenige Fische

Da wäre einmal der räudige Seebär, der im früheren Leben ein Pirat gewesen sein muss, mit seinem sonnengegerbten, zerfurchten Gesicht, den langen Haaren und dem Gehabe eines Long John Silver. Er flucht und schimpft auf seine schlimmsten Feinde: die Delfine. Die dürfe man jetzt nicht mehr abschießen, und die würden deshalb das Meer leerfressen. Sie sind für ihn die Schuldigen, über die schwimmenden Fischfabriken verliert er im Film kein Wort.

Man sitzt mit an Bord

Er und seine Crew fangen an diesem Tag Fische, die man vielleicht für 200 Euro verkaufen kann. 100 Euro machen die Treibstoffkosten aus. Was da für den Einzelnen übrig bleibt? Fast nichts. Aber der Seebär gibt nicht auf: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie an Land gearbeitet“, erzählt er stolz. Und offenbart tatsächlich noch vor der Kamera, die er gar nicht mehr wahrzunehmen scheint, so etwas wie seinen weichen Kern. Der letzte Mohikaner, last man standing.

Die visuelle Umsetzung von Wally und seinem Kameramann Steven Heyse ist erstaunlich gut gelungen, nicht nur, wenn man die kurze Drehzeit bedenkt. Die Kamera schaukelt mit dem Boot in den Wellen, man blickt durch sie aufs Wasser, dann wieder in die Ferne. Ein Blick durchs Fenster der Führerkabine, dann zappelt ein Fisch sein Leben aus. Als stiller Beobachter sitzt der Betrachter mit an Bord.

Der Museumsfischer

Der zweite Fischer ist schon einen Schritt weiter, er ist bereits Teil der Musealisierung des kleinen Fischereigewerbes. Tatsächlich von einem Museum wurde er angeheuert, um sich selbst, also den alten Fischer, zu spielen, und mit frisch vermählten Pärchen samt einer Flasche Wein malerisch in den Sonnenuntergang zu rudern. Für die Filmaufnahmen hat er sogar eine Schärpe angelegt - und sieht damit ganz aus wie ein Gondoliere in Venedig.

Beeindruckend auch die anderen drei themenverwandten Kurzfilme. „Leuchtkraft“, die Kurzdoku von Clara Stern und Johannes Höß, nutzt das Kino als Lichtspieltheater über alte Neonschriftzüge auf der Fassade von Geschäftslokalen. Kleine Geschäfte sind vom Aussterben bedroht, große Konzerne übernehmen die Räumlichkeiten in guten Lagen, in schlechten Lagen bleiben sie leer. Ein in wunderschönen Farben gedrehter Abgesang auf den persönlichen Einzelhandel alter Schule. Zu Wort kommen auch Geschäftsbesitzerinnen und Angestellte.

Der Teufel auf dem Küchentisch

In „Auf Augenhöhe mit dem Teufel“ begleitet Alexander Naringbauer die Kötschachdorfer Pass in der Zeit des Krampuslaufs. Kinder weinen hysterisch und fürchten sich zu Tode, Krampusse wälzen sich brüllend auf dem Boden, gebärden sich wie toll, werfen in den Stuben mit Stühlen um sich, verteilen „Ohrenreiberl“ und springen auf den Küchentisch. Brachiale Gewalt und schwarze Pädagogik? „Think twice“, würden die Briten sagen. Ein lauter Film mit leisen Zwischentönen.

Von ungemeiner Intensität ist auch Clara Trischlers „Zuhause ist kein Ort“. Sie erzählt die Lebensgeschichte der slowakischen Großeltern, die dem kommunistischen Regime entkommen waren, zunächst mit offiziellem Segen als UNO-Botschafter in fernen Ländern, später als Flüchtlinge in Österreich. Heimat - das war für die Familie immer der Ort, an dem sie gerade ihren Weihnachtsbaum aufstellte. Ein rührendes Interview und zahlreiche Super-8-Filme lassen den Zuschauer eintauchen in das liebenswerte Universum einer Familie, die sich, zäh und stur, von den Mühlrädern der Zeitläufte nicht zermalmen lassen wollte.

Sehenswerte Seifenoper

Von den Kurzspielfilmen muss an dieser Stelle Sabine Koders „Lonora - Eine Seifenoper“ erwähnt werden. Der Film überzeugt durch eine liebe- und gedankenvoll gewählte Cadrage (Auswahl des Bildausschnitts) und Bildkomposition. Jede einzelne Einstellung möchte man sich als großformatiges Foto ausgearbeitet an die Wand hängen. Spektakulär in Szene gesetzt werden: eine Altbauwohnung, die U-Bahn, ein Einfamilienhaus.

Filmstill aus "Lonora - Eine Seifenoper"
Laura Kansy
„Lonora - Eine Seifenoper“ - mit der überzeugenden Isabelle Menke

Und welche Geschichte erzählt der Film? Ein packendes Actionabenteuer - wenn man Action als etwas gänzlich Außergewöhnliches, Gefährliches, Abenteuerliches und Waghalsiges bezeichnet. Dabei kommt es auf den Ausgangspunkt an, und wenn der bei einer Frau Waschzwang, Panik vor Sozialkontakt und Panik vor dem Verlassen der Wohnung bedeutet - was könnte dann eine größere Action sein, als diese Frau zunächst tagelang ohne Seife zu erleben und dann auch noch aus Not heraus die Wohnung verlassen zu sehen - um jemanden zu besuchen?

Bei diesem Film passen das Tempo, getaktet nicht zuletzt durch den bedachten und beglückenden Einsatz von Musik, die Bilder und die Gesamtdramaturgie. Mit Spannung darf man die nächsten Projekte von Koder erwarten. Sie ist Jahrgang 1987 und studiert an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München. Das Kurzfilmprogramm der Diagonale jedenfalls macht Hoffnung, dass die heimische Filmbranche keine Angst haben muss, dass ihr die Jessica Hausners, Ulrich Seidls und Michael Hanekes ausgehen.

Simon Hadler, ORF.at

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