Produktionsfoto des Figurentheaters "Mi Gran Obra"

Festwochen / David Espinosa

Der kleinste Exhibitionist der Welt

Prozessionszüge, hemmungslose Sexorgien und ein Attentat auf den Präsidenten – David Espinosas Festwochenstück „Mi Gran Obra (un proyecto ambicioso)“ („Mein großes Werk (ein ehrgeiziges Projekt)“) liebt die große Geste. Das fehlende Budget kompensiert der spanische Regisseur im Maßstab: Mit Modelleisenbahnfiguren als Darstellern gelang ihm am Samstag eine hinreißende Performance.

Schon der Einlass zur Vorstellung funktioniert reichlich unkonventionell: David Espinosa holt seine Besucher persönlich im Foyer ab, spricht ein paar einleitende Worte und bittet um etwas Fantasie. Die Besucher sollen für die kommende Stunde nicht im Glauben verfangen sein, sich im Saal des Brut zu befinden. Vielmehr handle es sich um das monumentalste Theatergebäude der Welt, das gleich betreten werde. Gerade in der Unterhaltungsbranche müsse man groß denken.

Probenfoto „Mi Gran Obra”

ORF.at/Johannes Luxner

Der Präsident und die First Lady sind gelandet, doch gleich droht Ungemach

Das Gebäude sei nach seiner Idee entstanden, denn er habe immer schon etwas richtig Großes machen wollen, erzählt der Regisseur augenzwinkernd - denn Espinosa hat sein Modell des ultimativen Theatergebäudes mitgebracht. Er deutet auf einen klobigen Hartschalenkoffer, der im Foyer auf einer Bank liegt. Vor dem Koffer stehen knapp dreißig Modelleisenbahnfiguren Schlange, so als würden sie auf Einlass in das Gepäckstück warten. Auf der „Fassade“ steht in bunten Lettern „Mi Gran Obra“. Und genau diesem „großen Werk“, dessen gesamte Produktion in einen Koffer passt, wolle man sich nun widmen, sagt Espinosa. Das Spektakel kann beginnen.

Die Lautsprecherbox als Bühne

Zwei Dutzend Besucher – für mehr ist die Performance nicht konzipiert – ordnen sich in zwei Sesselreihen stufenförmig im Halbkreis an. Im Zentrum steht Espinosas Arbeitstisch auf dem sich die Figurenszenarien abspielen werden.

Probenfoto „Mi Gran Obra”

ORF.at/Johannes Luxner

David Espinosa bei der Arbeit. „Mi Gran Obra“ funktioniert auch ohne Worte

Musik setzt ein und Espinosa beginnt seine Figuren anzuordnen: Auf der linken Lautsprecherbox eine klassische Popformation, auf der rechten eine marschierende Kapelle. Die Musik gibt sich episch, es wird dick aufgetragen, um die Dimension bevorstehender Ereignisse akustisch anzukündigen.

Ein Strand aus Reis

Espinosa beginnt auf einer weißen Arbeitsfläche Figur um Figur zu drapieren. Damit das Publikum erkennt, wer wer ist, hat der Regisseur vorab kleine Operngläser verteilt. Man kann sich aussuchen, ob man hindurchsieht oder nicht - die Dimension ist schließlich immer eine Sache der Perspektive.

Hinweis:

„Mi Gran Obra“ ist noch am 30. und 31. Mai, sowie am 1. und 2. Juni jeweils um 18 Uhr, 20 Uhr, und 22 Uhr im Brut im Künstlerhaus, Karlsplatz 5, 1010 Wien, zu sehen.

Manchmal muss man Espinosa bei seinem „Großen Werk“ ganz genau auf die Finger sehen, um aus den Mustern der Figurenbewegung die Handlung ableiten zu können. Oft wird das Geschehen aber auch ohne Opernglas deutlich: Ein frisch getrautes Miniatur-Ehepaar überschüttet Espinosa mit einem halben Kilo Reis. Wenige Sekunden später stellt der Reis unter Zuhilfenahme von zwei Spielzeug-Plastikpalmen den weißen Sandstrand dar, an dem das Brautpaar flittert. Eine Coladose reflektiert das Scheinwerferlicht, und schon können Braut und Bräutigam sich sonnen.

Erstaunliche Präzision und Fingerakrobatik

Espinosa arbeitet mit erstaunlicher Präzision und maschinengleicher Fingerakrobatik. Man merkt, dass der Regisseur eigentlich im Tanzfach beheimatet ist. Für seine wortlose Miniaturfigurenchoreografie braucht er wenig: Ein Föhn genügt, um die Rotorblätter eines Hubschraubers kreisen zu lassen.

Probenfoto „Mi Gran Obra”

ORF.at/Johannes Luxner

Einer, der bei David Espinosa eher viel beschäftigt ist: Gevatter Tod

Auch die Kulissenelemente haben kein Vermögen gekostet: Eine Schale mit Erde aus der ein welker Zweig und viele Modelleisenbahngrabsteine ragen, dient als Friedhof. Espinosa drückt die Figuren mit dem Zeigefinger senkrecht unter die Erde – und schon ist das Leben vorbei. Der Schnitter Tod ist Dauergast bei „Mi Gran obra“. Sogar dem amerikanischen Präsidenten geht es an den Kragen: ein Mini-Attentäter befördert ihn während eines Staatsbesuchs ins Jenseits.

Mini-Sexorgie auf dem Tamburin

Unvorhergesehene Wendungen halten die Spannung aufrecht: Ein paar kleine Figurenwechsel genügen oft schon, um das Gleichgewicht aus den Fugen zu bringen. Dabei lockt Espinosa sein Publikum gern auch auf falsche Fährten, denn klein ist eben nicht zu verwechseln mit niedlich: Ein Exhibitionist taucht eben so plötzlich auf dem Spielfeld auf, wie jener Mann, der seine Tierliebe körperlich auslebt. Und zwischendurch treibt die Musik das „Große Werk“ voran.

Probenfoto „Mi Gran Obra”

ORF.at/Johannes Luxner

Es geht frivol zu Sache: Wer einen Hammer hat, braucht keine Effekte

Eine Sexorgie bringt Espinosa mit dem Hammer in Fahrt: Die kopulierenden Minipaare platziert er auf einem Tamburin und versetzt das lustvolle Treiben durch Schläge auf den Rand in Schwingung. Aber auch katholische Prozessionen oder der sozialistische Arbeitskampf werden inszeniert. Ein Demonstrationszug fordert die Rente mit dreißig. Und auch eine Pole-Dance-Einlage mit elektronischen Beats darf nicht fehlen - ein Fahrradlicht taucht die Szene in laszives Rot. Espinosa liebt solche einfachen Mittel - und das Publikum liebt den undogmatischen Spieltrieb des Regisseurs.

Die Wirtschaftskrise als Inspiration

Die Inspiration für „Mi Gran obra“ stehe durchaus im Zusammenhang mit seiner Arbeit als Tänzer, erzählte Espinosa am Tag vor der Premiere im Gespräch mit ORF.at: Er sei vor einigen Jahren als Teil einer aufwändigen Produktion, die letzten Endes zum finanziellen Fiasko wurde, zu fundamentalen Fragen gelangt: „Ich habe mir überlegt, wie man effizient Theater machen kann – und wollte Großes schaffen, ohne dafür ein großes Budget aufwenden zu müssen. Die Wirtschaftskrise war damals in Spanien auf dem Höhepunkt und hat wohl zusätzlich zu meiner Idee beigetragen“. Größe ist eben auch eine Frage der Haltung.

Probenfoto „Mi Gran Obra”

ORF.at/Johannes Luxner

Wie es sich für ein großes Werk gehört, gibt es den finalen Showdown

Umso unglaublicher fühle es sich für ihn nun an, mit „Mi gran obra“ europaweit auf Erfolgskurs zu sein. Die vielen Gastspiele hätten den Vorteil, dass er überall einkaufen gehen könne. Anfänglich hätten ihn die Figuren gar nicht so brennend interessiert, doch mittlerweile habe ihn die Sammelleidenschaft gepackt, gesteht Espinosa und versichert: „Alle Figuren, die auf der Bühne zu sehen sind, gibt es ganz normal im Modelleisenbahnhandel zu kaufen.“

Johannes Luxner, ORF.at

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