Szene aus "Turandot"

Bregenzer Festspiele/ Karl Forster

„Turandot“ zur Eröffnung einer neuen Ära

Mit dem Eröffnungsakt und der Premiere von „Turandot“ starten die Bregenzer Festspiele am Mittwoch in ihre 70. Saison - und gleichzeitig die erste von Intendantin Elisabeth Sobotka. Als zweite große Produktion zeigt das Festival heuer „Hoffmanns Erzählungen“ im Festspielhaus und wendet sich damit ab von der bisherigen Programmierung, die sich ganz auf zum Teil sperrige Opernraritäten konzentrierte.

Dabei bergen „Turandot“ und „Hoffmanns Erzählungen“, beides unvollendete Werke, durchaus ihre Tücken für die beiden Regisseure. „Turandot“-Regisseur Marco Arturo Marelli betonte etwa, wie schwierig es sei, in einer derart kurzen Zeit mit drei Mannschaften ein derartiges Stück auf die Bühne zu bringen.

Traumszenen in Videoprojektionen

In Bregenz kommt erstmals in Österreich eine Fassung der Oper auf die Bühne, die bei der Uraufführung gestrichene Szenen des „Turandot“-Vollenders Franco Alfano wieder aufnimmt. Zudem will der Schweizer die psychologische Ebene des Stückes in den Vordergrund rücken. Als Mittel dazu dient ihm ein kreisrunder Deckel eines nach vorne geneigten Zylinders in der Mitte der Bühne, auf dem der Regisseur Traumszenen der Prinzessin einspielen will.

Szene aus "Turandot"

Bregenzer Festspiele/ Karl Forster

Regisseur Marelli will die psychologische Ebene in den Fokus rücken

Marelli zeichnet auch verantwortlich für das opulente Bühnenbild am See, eine Nachbildung der Chinesischen Mauer, 27 Meter hoch, 72 Meter breit und 335 Tonnen schwer aus orangefarbenen, gold glitzernden Mauersteinen sowie der Nachbildung von 205 etwa zwei Meter großen Terrakotta-Kriegern.

„Aus meiner Sicht spricht die Komposition selbst für den See“, sagt die Intendantin. „Das ist eine reiche, farbige Partitur mit großen und pompösen, aber auch sehr intimen Stellen. Diesen Reichtum an Unterschied und an verschiedenen Farben, Atmosphären und Stimmungen finde ich für die Seebühne wichtig. Und natürlich auch, dass etwas los ist, dass man etwas zeigen kann.“ Beides scheine bei Turandot ideal - auch in Kombination mit der weltberühmten Arie „Nessun dorma“ („Keiner schlafe“).

Von Offenbach „in ein Chaos geworfen“

Der norwegische Starregisseur Stefan Herheim konnte für die Inszenierung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ gewonnen werden. „Vielleicht schmeiße ich mich in den See“, scherzte er angesichts des Werks, das in seiner Komplexität und Fragmentierung ein Trauma der Operngeschichte sei: „Man wird von Anfang an in ein Chaos geworfen.“ Und doch sei er bereits seit seiner Kindheit fasziniert davon, ohne eigentlich zu wissen, warum.

Szene aus "Hoffmanns Erzählungen"

Bregenzer Festspiele/ Karl Forster

Regisseur Herheim fühlt sich von Offenbach „in ein Chaos geworfen“

Seine Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ bei den Salzburger Festspielen 2003 sorgte für Jubel, aber auch heftige Kritik. Bei „Hoffmanns Erzählungen“ fasst Herheim die psychologische Dimension sehr weit, den Part der Stella, Hoffmanns Geliebter im ersten Akt, etwa verkörpert bei ihm ein Transsexueller. Für die „Bregenzer Fassung“ wurden laut Dirigent Johannes Debus zudem neue musikalische Übergänge geschaffen.

Die Oper wird im Festspielhaus gleich fünfmal gezeigt, während dieser Programmpunkt in den Vorjahren meist nur zweimal zu sehen war. Mit 7.700 Karten wurden doppelt so viele aufgelegt wie in den Jahren zuvor. Davon seien schon letzte Woche „50 Prozent mehr verkauft“ worden „als in den vergangenen Jahren am Ende der Saison“, freute sich Geschäftsführer Michael Diem bei einer Pressekonferenz.

Marco Arturo Marelli, Elisabeth Sobotka, Stefan Herheim

Bregenzer Festspiele / APA-Fotoservice / Juhasz

Neo-Intendantin Sobotka mit den Regisseuren Herheim und Marelli

Die Entstehung einer Oper

An Zeitgenössischem bieten die Bregenzer Festspiele 2015 verglichen mit den Vorjahren weniger. Am 19. August gelangt „Der goldene Drache“ des ungarischen Komponisten Peter Eötvös nach der Uraufführung 2014 in Frankfurt erstmals in Österreich auf die Bühne. In dem von Sobotka neu geschaffenen Opernatelier erarbeiten Regisseur Ernst M. Binder, der Komponist Zesses Seglias und der bildende Künstler Heimo Zobernig gemeinsam eine Oper, die im Idealfall 2017 in Bregenz uraufgeführt werden soll.

TV-Hinweis

ORF2 überträgt die Eröffnung der 70. Bregenzer Festspiele am Mittwoch um 10.20 Uhr aus dem Festspielhaus. Am Freitag um 21.15 Uhr überträgt ORF2 live „Turandot“ von der Seebühne. ORFIII zeigt am Sonntag ab 20.15 Uhr hintereinander die Aufzeichnungen von „Turandot“ und „Hoffmanns Erzählungen“ - mehr dazu in ORF blickt in die Maschinerie Oper.

Den gesamten Entstehungsprozess können interessierte Zuschauer mitverfolgen. Einblick in die Erarbeitung von Mozarts „Cosi fan tutte“ erhalten Festspielbesucher auch im neuen Opernstudio, mit dem die Intendantin eine Plattform zur Nachwuchsförderung in der Landeshauptstadt geschaffen hat. Premiere der Oper ist am 17. August im Bregenzer Kornmarkttheater, gezeigt wird das Stück an vier Abenden.

Weitere Perspektiven auf die Opernkomponisten dieses Sommers eröffnen die Konzerte. Die Wiener Symphoniker spielen etwa Puccinis frühe Messe für vier Stimmen „Messa di Gloria“ (2. August) und Offenbachs virtuoses Cellokonzert „Concerto militaire“ (27. Juli). Das Symphonieorchester Vorarlberg bringt am 9. August unter anderem Eötvös theatralisches Orchesterwerk „Chinese Opera“ zur Aufführung.

Link: