Aschenputtel flieht aus der Prolo-Hölle
Schon im Juni feierte diese Produktion bei den Salzburger Pfingstfestspielen, denen Bartoli als Intendantin vorsteht, eine triumphale Premiere. Jetzt ist die Inszenierung ins Programm der Sommerfestspiele, quasi zur großen Schwester, gewandert und bildet dort den szenischen Abschluss des heurigen Opernreigens an der Salzach.

Salzburger Festspiele / Silvia Lelli
Im Selbstbedienungsrestaurant wartet man auf die Prinzenerscheinung
Angelina putzt im Schmuddelbistro
In nur fünf Wochen sollen Rossini und sein Librettist Jacopo Ferretti 1817 „La Cenerentola“ geschrieben, komponiert und zur Uraufführung gebracht haben - frei nach dem Märchen „Aschenputtel“. In der Inszenierung von Damiano Michieletto fristet Angelina, von der bösen Stiefverwandtschaft als Cenerentola verspottet, ihr tristes Leben im schmuddeligen Selbstbedienungsbistro der Familie. Umgeben von Dummheit, Eitelkeit und Arroganz in Gestalt der tussigen Schwestern Clorinda und Tisbe muss sie dort im wahrsten Sinne des Wortes die Drecksarbeit erledigen.

Salzburger Festspiele / Silvia Lelli
Der Prinz wohnt im Palace
Der seinen boshaften Töchtern um nichts nachstehende Stiefvater Don Magnifico ist knapp vor dem Ruin, was angesichts seiner grindigen Gastwirtschaft nicht weiter verwundert. Der letzte Ausweg: Eine Tochter muss reich verheiratet werden. Praktischerweise kommt da gerade der heiratswillige Don Ramiro um die Ecke, zu seinem Glück mit einem guten Plan, wie er die Falschen aussieben kann, um die Richtige zu finden. Die will er dann mitnehmen in seine Nobeldisco Palace, wo man auf Loungemöbeln Cocktails schlürft und bis ans Lebensende glücklich sein will.
Ironische Untertöne an die Oberfläche geholt
Michieletto hat in Salzburg schon früher Opernstoffe in die Gegenwart geholt, zuletzt „La Boheme“ mit Anna Netrebko am Würstelstand - ein riskantes Unterfangen, mit dem er sich nicht immer einen Gefallen getan hat. Hier aber schon: Pointiert, klug und schlüssig werden die ironischen Untertöne aus dem Libretto offenbart und ästhetisch kongenial übersetzt von Bühnenbildner Paolo Fantin und Kostümbildner Agostino Cavalca.
Rossinis „La Cenerentola“ strotzt nur so vor absurden Schicksalswendungen und sich überstürzenden Ereignissen und verwebt die romantische, große Opernparabel mit der Typenlehre der Commedia dell’Arte. Da scheint es ein Kunstgriff, dass trotz der modernen Inszenierung die Brücke zum Märchen nicht abgebrochen, sondern vielmehr verstärkt wird, unter anderem dadurch, dass der Philosoph Alidoro hier zum Amor und Spielmacher aufgewertet ist, der seine Kuppelei vorantreibt und dafür auch einmal die ganze verwirrte Truppe zur Gruppentherapie mit Frischhaltefolie zusammenwickelt.

Salzburger Festspiele / Silvia Lelli
„Das ist ein verwirrter Knoten, das ist eine verschlungene Gruppe. Wer entwirrt, der verwirrt noch mehr, wer auflösen will, der verknotet nur.“
Und märchenhaft ist schon im Libretto nicht nur der Umstand, dass der Prinz das arme Mädchen freit, sondern vielmehr, dass Aschenputtel der abscheulichen Familie im Schluss-Rondo die Absolution erteilt. Michieletto hört hier auf den Subtext und lässt die Bösewichte nicht einfach so davon. „Meine Rache wird sein, ihnen zu vergeben“, singt Angelina in Seifenblasen tanzend - und verteilt Putzhandschuhe, Schürzen und Kübel in der Menge.
Moderne Inszenierung, alte Instrumente
So modern die Inszenierung sein mag, musikalisch steht die Produktion im Licht der historischen Aufführungspraxis auf alten Instrumenten. Das französische Barockorchester Ensemble Matheus unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi sorgt für eine akzentuierte Originalklang-Interpretation der herrlich mitreißenden Musikstücke, in denen Rossini sich mit einer Serie von funkelnden melodischen Einfällen gewissermaßen immer wieder selbst übertroffen hat.
Den Sängern verlangt der Komponist dabei vieles ab, aber „nichts Unmenschliches“, wie Bartoli im Programmheft beschwichtigt. „Im Gegenteil,“ fügt sie dort hinzu, „Rossini verstand von der Stimme sowie von Gesangstechnik mehr als irgendein anderer Komponist.“ „Cantare che nell’anima si sente“ nannte er selber den Anspruch an seine Kompositionen - „ein Singen, das man in der Seele empfindet.“

Salzburger Festspiele / Silvia Lelli
Happy End für ein Operntraumpaar: Cecilia Bartoli und Javier Camarena
Wie sich das anhören muss, das demonstriert Bartoli mit Bravour. Scheinbar mühelos liefert sie eine technische Glanzleistung ab, lässt ihre Stimme über die anspruchsvollsten Koloraturen tanzen und springt dabei von zarten lyrischen Passagen zu einem Feuerwerk an Staccato-Kaskaden. Genauso viel Herzblut liegt aber auch in ihrer darstellerisch bezaubernden Interpretation dieser Rolle, die die italienische Sängerin seit über zwei Jahrzehnten in ihrem Repertoire führt.
Begeisterungsstürme für Prinz Ramiro
Um nichts weniger hinreißend ist der Prinz an ihrer Seite. Der Mexikaner Javier Camarena spielt als Ramiro seinen bestechend flexiblen Tenor mit glasklarem Timbre exakt aus. Am Abend der Wiederaufnahmepremiere rief er so schon beim Zwischenapplaus nach der Arie „Si, ritrovarla io giuro“ am Anfang des zweiten Akts Begeisterungsstürme hervor. Bariton Nicola Alaimo ist als Ramiros Diener Dandini stimmlich gelenkig, darstellerisch ein Höhepunkt. Solide auch Enzo Capuano als Don Magnifico und Ugo Guagliardo als Alidoro, dazu die beiden bösen Stiefschwestern Lynette Tapia (Clorinda) und Hilary Summers (Tisbe), die als optisch kontrastierendes Duo vor allem schauspielerisch und komödiantisch glänzen.
Hinweis
„La Cenerentola“ ist bei den Salzburger Festspielen noch am 23., 26., 29. und 31. August im Haus für Mozart zu sehen.
Bartoli und die Pfingstfestspiele haben dem Publikum und vor allem Pereira, in dessen Festspiel-Intendanz das nun die letzte szenische Opernproduktion war, jedenfalls ein echtes Geschenk vererbt. Eines, das von Herzen kommt, wie man der Pfingstfestspiel-Intendantin und allen Beteiligten durchgehend ansehen konnte, und eines, das vom Publikum mehr als geschätzt wird, wie der große Beifall am Premierenabend gezeigt hat.
Sophia Felbermair, ORF.at