Don Juan Szenenbild

Mit Hacken auf den Weiberhelden

Der Krieg habe einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Das meint Don Juan bei Ödön von Horvath. Doch geändert haben sich nach 1918 die Zeiten - und für Don Juan auch die Frauen. Sie sind nicht mehr die willigen Opfer der Vergangenheit. Wo der Mann nach einer neuen Rolle sucht, hat die Frau mit der Realität einen viel fatalistischeren Pakt geschlossen. So liest sich jedenfalls die Umsetzung von Andreas Kriegenburg auf der Halleiner Perner-Insel, die bei der Premiere am Sonntagabend viele Bravo-, aber auch einige Buhrufe erntete.

Mit der Spitzhacke wird nicht nur der Figur des Mannes in dieser zum Teil grellen Inszenierung auf den Leib gerückt. Auch in Horvaths Vorlage wird heftig hineingehackt. Herausgekommen ist eine pointierte, knapp zweistündige Sprachoper, in der sich am Ende viele Verzweifelte auf der Bühne tummeln.

„Lasciar le donne? Pazzo! Lasciar le donne“, erklärt Don Giovanni seinem Diener Leporello in Mozarts „Don Giovanni“ die Getriebenheit des Mannes von seiner Statur: Verrückt sein müsse, wer als Mann von den Frauen ablasse. Bei Horvaths Mitte der 1930er Jahre verfasstem und zu Lebzeiten des Autors nie aufgeführtem Stück „Don Juan kommt aus dem Krieg“ wird Don Juan mit gleich 35 Frauen konfrontiert. Doch von sexueller Getriebenheit und seiner alten Rolle will er nichts mehr wissen.

„Und erst jetzt muss ich mich finden“

„Ich bin durch diesen Krieg ein anderer geworden, und erst jetzt muss ich mich finden“, stottert ein von Max Simonischek bei dieser Inszenierung gespielter Don Juan beinahe verdattert in den Raum. Unter einem Meer von Feldpostbriefen sucht er tastend nach seinem Standort. Die Nachrichten - sie sollten an diesem Abend ohnedies an den Adressaten vorbei gehen. Die Frauen, denen Don Juan hier begegnet, schleudern alle Texte wie Schrapnelle in den Raum. Horvaths Prinzip der ausgestellten Sprachfloskel darf hier gnadenlos leuchten.

Szenenbild Don Juan

Monika Rittershaus

Don Juan legt die Uniform ab und sucht nach einem neuen Leben. In diesem sind die Frauen längst angekommen

Dieser Mann, er weckt Erinnerungen, er weckt vielleicht die Lust, aber noch mehr weckt er die Verachtung. Die Frauen sind in der Realität angekommen, Don Juan sucht sie noch oder meint, ein anderes Leben finden zu dürfen. Der Krieg habe ihn geläutert, steht als sinnloser Subtext im Raum. Doch in einer Zeit der Hyperinflation, der grassierenden Spanischen Grippe braucht man mit Moral oder der Suche nach Stolz nicht daherzukommen.

Kein Platz für Utopien

Horvath, Jahrgang 1901, schreibt ja aus einiger zeitlicher Distanz über die unmittelbare Nachkriegszeit und die Neuordnung der gesellschaftlichen Welt der Jahre 1918-1922. Der Krieg hatte dem Autor den Hang zum jugendlichen Utopismus geraubt, liest man in einer autobiografischen Notiz, die beinahe programmatisch für diesen Abend werden sollte: „Aus der Tatsache, dass unsere Väter im Felde fielen oder sich drückten, dass sie zu Krüppeln zerfetzt wurden oder wucherten, folgerte die öffentliche Meinung, wir Kriegslümmel würden Verbrecher werden. Wir hätten uns alle aufhängen dürfen, hätten wir nicht darauf gepfiffen, dass unsere Pubertät in den Weltkrieg fiel. Wir waren verroht, fühlten weder Mitleid noch Ehrfurcht. Wir hatten weder Sinn für Museen noch die Unsterblichkeit der Seele - und als die Erwachsenen zusammenbrachen, blieben wir unversehrt.“

Tatsächlich unversehrt ist aber wenig geblieben, und in seinem kurzen Leben schien Horvath selbst nicht sicher, welche Ausdrucksform die adäquate Form der Zeitdiagnose sein könnte - auch wenn ihn die Lehrbuch-Literaturgeschichte gern als Autor eines „neuen Volksstücks“ führt. Sein „Don Juan kommt aus dem Krieg“ hätte, blickt man auf die versammelten Materialien, ebenso ein Film werden können - immerhin das aufstrebende Medium der 1920er und 30er Jahre.

Sprechoper mit typisierten Rollen

Regisseur Kriegenburg, der ja in den letzten Jahren vor allem ins Opernfach gewechselt ist, entscheidet sich für eine neue Lesart. Aus Horvaths Szenenfolge der Begegnungen Don Juans und den im Stück so lakonischen wie rhythmischen Dialogen macht er eine überzeichnete Sprechoper, in der er die von Horvath ausgemachten sieben bis neun Grundtypen von Frauen immer wieder simultan oder in ungeordneten Gruppen auftreten lässt.

Szenebild Don Juan

Monika Rittershaus

Typisierung statt Individualisierung: Kriegenburg treibt Überlegungen Horvaths immer auf die Spitze

Die Texte müssen mitunter die Figuren finden, und haben sie einmal die Figuren gefunden, werden sie weitergeschleudert. So funktioniert das dramaturgische Prinzip des Abends - und mitunter hat das auch Längen. Die textlich-szenische Simultanität, die in vielen Momenten gefordert wird, verlangt ein Höchstmaß an Präzision. Und alle Darsteller, vor allem die Darstellerinnen, lösen das mit Bravour ein. Wenn Kriegenburg streckenweise dann doch auf Originalszenen in diesem ordentlich durchschüttelten Stück zurückgreift, dann interessiert ihn weiterhin die ausgestellte Sprachfloskel oder die Übertreibung.

Wer kennt die Geschichten hinter dem Schlachtfeld

Die Frauen, sie sind hier zu Furien der Gegenwart geworden - ein Chor, der Don Juan brutal in die neuen Zeiten stößt. Sie tragen wohl einen Rest von Verlangen in sich, aber eigentlich sind sie Wahrheitsmedien: Sie haben die Erinnerung, und sie kennen die Geschichte hinter den Schlachtfeldern. Und die ist noch breiter und deutlich gnadenloser als jedes Epos zu gewonnenen und verlorenen Schlachten.

Hinweis

„Don Juan kommt aus dem Krieg“ ist im Rahmen der Salzburger Festspiele noch am 19., 20., 21., 23., 24., 26. und 27. August zu sehen. Restkarten sollen noch verfügbar sein.

So brillant, wie hier die neun Frauen aufmarschieren, muss der Don Juan blass und stottrig bleiben. Ein Schönling, der vom Gestern erzählt, ist er mitunter, für seine Rolle fast zu schön.

Großer Applaus gilt Sonja Beisswenger, Olivia Grigolli, Sabine Haupt, einer großen Traute Hoess, Elisa Plüss, Nele Rosetz, Janina Sachau, Natali Seelig und Michaela Steiger. Sie alle haben den Mann in einer mitunter an Arbeiten von Tim Burton und Bob Wilson erinnernden Inszenierung an die Wand gespielt. Dass der Mann am Ende die stärksten Bravorufe bekam und einmal kurz allein auf die Bühne durfte, nachdem man ihn davor ins ewige Eis eingehackt hatte, darf man als Pointe der Geschichte sehen.

Gerald Heidegger, ORF.at

Link: