Szenenbild aus Fierrabras

In der Kapelle duselt das Gefühl

Wer in blutigen Zeiten auf Wunder hofft, müsste eigentlich bei Schubert und dem Libretto zu seinem „Fierrabras“ nachschauen. Salzburg feierte am Mittwochabend Peter Steins und Ingo Metzmachers Ausdeutung dieser selten gespielten Oper, die wie ein lebendig gewordener Kupferstich voll zitterndem Wohlklang daherkam. Im Kampf zwischen den Franken Karls des Großen und den Mauren sind so viele Menschen über alle Grenzen hinweg liebestoll und tugendhaft, dass „der Frieden aus blutiger Nacht“ erwacht.

Eine Schubert-Oper für Salzburg hat sich Intendant Alexander Pereira unbedingt gewünscht. Und am Mittwochabend wurde ihm dieser Wunsch mit der letzten Opernpremiere der heurigen Salzburger Festspiele erfüllt. Stein zauberte mit seinem Hofbühnenbildner Ferdinand Wögerbauer diese, man sei gewarnt, „heroisch-romantische Oper“, in eine konsequente und historisierende Guckkasten-Situation, die einen immer wieder staunen ließ: hier weiße Franken mit silbernen Helmen und hell umkränzte Fränkinnen, da schwarz-wallend und teilverhüllte Mauren und Maurinnen - so einfach kann die Einteilung der Welt sein. Bis auf ein bisschen Sepia im Bühnenhintergrund war die Hautfarbe der Akteure der einzige Farbklecks an diesem gut dreistündigen Abend, an dessen Ende dann doch die Farbe Rot auftauchte. Aus Blut wurde Liebe. Universelle Liebe gar.

Hinweis:

Die Aufzeichnung des Premierenabends ist am 16. August, 19.30 Uhr, in Ö1 zu hören.

Selbst Loriot hätte wohl Probleme gehabt, den Plot dieser Oper ins Ironische zu überhöhen, so unfreiwillig komisch liest sich vieles im Libretto von Joseph Kupelwieser auf der Grundlage des altfranzösischen Heldeneops „Fierrabras“.

Szenenbild aus Fierrabras

Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

Alles sehr schleierhaft in dem Bühnenbild von Ferdinand Wögerbauer, das den Kupferstich in die dritte Dimension hebt

All you need is love - und gute Freunde

Stein schwächte Textteile wohl selbst ab, wurde aber nicht müde, im Vorfeld zu warnen, wie haarsträubend selbst ihm und den Sängern so mancher Satz im Libretto zum Schicksal des maurischen Fürstensohnes Fierrabras vorkomme. Fierrabras ist tapfer und tugendhaft, hat sich aber in eine Tochter Karls des Großen verliebt. Doch Fierrabras angebetete Emma liebt ja auch der Frankenkrieger Eginhard, der freilich mit Fierrabras so schnell Freund wird, dass einer der beiden Männer sogar der Liebe zu entsagen bereit ist, wenn sich alle dafür in eine Art human-gefühlsduselige Winnetou-Stimmung eingrooven. Und weil grad alle so auf Cross-Border-Gefühlen unterwegs sind, muss auch der Franke Roland die Schwester des Fierrabras, Florinda, lieben. Und weil auch noch und eigentlich Krieg ist zwischen Karl dem Großen und dem Maurenfürsten Boland, wird alles sehr kompliziert an diesem Abend.

Am Ende befreit ein vom gefühlskonvertierten Mauren angeführter Frankentrupp einen anderen Frankentrupp aus den Händen der Mauren, die Herrscher tauchen auf, und der tugendhafte Kämpfer erreicht, dass nicht nur die hohen weltlichen Herren einander achten, sondern alle Herzen zueinander finden. Dass er selbst ohne Frau, dafür mit viel Tugend bleibt, würde der nicht romantisch gestimmte Pragmatiker möglicherweise als „schön-blöd“ bezeichnen. Doch bei Schubert und Kupelwieser gibt es Trost durch Sätze und schöne Lieder. „Wenn Jubellieder schallen, muss auch die Palme blühen“, so die Erkenntnis aus dem Chor im zweiten Akt, der immerhin von Kriegern angestimmt wird.

Szenenbild Fierrabras

Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

Ein großartiges Ensemble trotzt dem Plot

Musikalische Feinarbeit

Kann man von den Phrasen dieser Oper absehen, dann bleibt gerade in musikalischer Hinsicht ein großer Abend bestehen, bei dem Ingo Metzmacher gemeinsam mit den Philharmonikern tief und nuanciert das Werk Schuberts samt aller seiner musikalischen Bauformen ausleuchtet. Zusätzlich hilft ihm ein mehr als geschlossenes und hervorragend besetztes Sängerensemble (Schubert-Experte Michael Schade als Fierrabras, Benjamin Bernheim als Eginhard, Publikumsliebling Markus Werba als Roland), in dem vor allem die Frauenrollen - so vielleicht eine Pointe dieses mitunter leicht zum Männerabend kippenden Spektakels - hervorleuchten, allen voran Julia Kleiter als Emma und Dorothea Röschmann als Florinda.

Szenenbild aus Fierrabras

Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

Auch diese Szene ist teils gespielt und nicht in Kupfer gestochen

Dank der geschlossenen Ensembleleistung wird deutlich, wie schön moduliert Schubert bei seiner Oper arbeitet. Deutlich wird aber auch, wo es ihm letztlich mangelt, so etwas wie die deutsche Oper für das 19. Jahrhundert zu begründen. Es ist am Ende doch zu sehr Singspiel, und zu oft taucht gerade in den Ensembleszenen die Liedstruktur auf. Das rührt das Herz und mag als Zeichen der musikalischen Romantik gewertet werden. Am Ende lässt sich aber der Kasten für einen dreistündigen Opernabend nicht so recht zusammenhalten.

Regisseur Stein verhindert das Zerbrechen des Abends mit seinem Guckkasten der Verwandlung, in dem ein Kupferstich in den nächsten übergeht. Wer genau hinsieht, darf hier ganz schön viel Regietheater erkennen. Denn trotz aller Historisierungen wird ordentlich viel Kindsweglegung betrieben. Und ein bisschen Distanz und Flapsigkeit tut gut an diesem Abend, der ja vor allem in musikalischer Hinsicht in Erinnerung bleiben darf.

Gerald Heidegger, ORF.at

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