Szene aus "Orpheus"

Ein Gitarrensolo für den Höllenhund

Dass der Mythos von Orpheus und Eurydike in die Gegenwart reicht, durfte man heuer schon bei den Wiener Festwochen erleben. In Salzburg kam er im Paris der 1930er Jahre an. Django Reinhardt ist im Rahmen des Young Directors Project Orpheus, liebt, verliert und sucht Eurydike in der Unterwelt - und versucht, Hades mit einem Gitarrensolo milde zu stimmen. Doch Hades ist selbst zum Jazzvirtuosen geworden. Und so muss Orpheus feststellen: Ein normaler Tod hätte ihn dereinst wohl auch zur Geliebten gebracht.

Eineinhalb Stunden dauert das kurzweilige, musikalisch virtuose und unterhaltsame Gastspiel des britischen Little Bulb Theatre in Salzburg. Eigentlich ist Little Bulb bekannt dafür, besonders frei und erfinderisch an seine Inszenierungen heranzugehen. Für „Orpheus“ hat man sich eine Struktur gegeben und den Stoff zwar in eine andere Zeit verlegt, zwecks Wiedererkennung aber die Orpheus-Geschichte im Kern erhalten. Mit zwei Ausnahmen vielleicht: Man erfährt auch vom Werden der Liebe zwischen Orpheus und Eurydike, angereichert mit der Erkenntnis, dass es für den Sänger auch andere Frauen hätte geben können.

Szene aus "Orpheus"

APA/Franz Neumayr

Das ist Orpheus: selbstbewusst, schön und virtuos ...

Und es gibt einen Epilog, der eine recht eingängige Interpretation dafür findet, wie sich Orpheus und Eurydike ohnedies noch einmal sehen werden: Geliebte Menschen träumen ja mitunter davon, dereinst auf einer Wolke zu sitzen und nach dem Tod auf die Welt hinunterzuschauen. Nimmt man die antike Version für diese Utopie, dann bleibt der Blick von unten nach oben - mit dem Nachteil vielleicht, dass es in der Unterwelt vor sich hinfeuchtelt.

Szene aus "Orpheus"

APA/Franz Neumayr

... und das seine Eurydike: auch selbstbewusst und virtuos. Ein bisschen eine Nervensäge, wird man im Lauf des Abends feststellen

In der Unterwelt ist die Hölle los

Doch die Unterwelt in der Interpretation des Regisseurs Alexander Scott ist ohnedies eher bunt - man könnte kalauern: In ihr ist die Hölle los, so viel wird da vor sich hin gesungen und gejazzt. Alle, die in der Unterwelt landen, entpuppen sich als Virtuosen. So nimmt man zwar Orpheus mit seinem Ständchen für Eurydike wahr. Seine Gewissheit freilich, er habe so schön gespielt und den Mythos mit seinen Gitarrensoli doch so weit gebogen, dass Hades voller Verzauberung die Geliebte freigeben werde, endet mit einem „Und tschüss“-Effekt - für Orpheus. Er muss abziehen und letztlich im Altersheim auf sein Ende warten.

Szene aus "Orpheus"

APA/Franz Neumayr

Und das ist Hades, der der Unterwelt gern schon einmal selbst ein Solo bläst

Hinweis:

„Orpheus“ ist bei den Salbzurger Festspielen noch am 13., 14. und 16. August im Rahmen des Young Directors Project zu sehen.

Warum Django Reinhardt?

Die Figur von Django Reinhardt nimmt man als Schlüssel für diese Geschichte von Orpheus und Eurydike. Das ist so spannend wie letztlich komplett unschlüssig. Spannend, weil es ein Einstieg ist, den Gesang von Orpheus in den Jazz zu führen und über die Improvisation dem ganzen Stoff Pep und Dauerrhythmik zu geben. Unschlüssig ist es, weil Django Reinhardt, bekannt für so manche Fraueneskapade, wohl vielleicht nicht die Idealbesetzung für den Mann ist, der der einen großen Liebe bis in die Unterwelt nachreist.

Und seine Eurydike ist an diesem Abend vielleicht auch nicht das, was man als scheues Reh bezeichnen würde. Mitunter agiert sie so überspannt, dass der Virtuose, der bis in die Unterwelt steigt, auf seinen Auftrag vergessen könnte, warum er seine Holde mit der Kraft der Musik freibekommen will.

Szene aus "Orpheus"

APA/Franz Neumayr

Eurydike will im Paris der 1930er Jahre gesucht und gefunden werden - ist eigentlich aber ganz schön mit sich selbst beschäftigt

Eigentlich ist es ein Abend, der mit den Schauspieler-Musikern ein großartiges Konzert anrichtet und diesem eine Art von Dramenstruktur, Burleske, Variete und Klamotte zur Seite stellt. Dem Publikum gefiel es. Zu Recht, darf man sagen. Auf der anderen Seite bleibt ein bisschen der Verdacht, dass im Theater Qualitätsklamauk mitunter den Zugang zur Tradition bestimmt. Daran ist nichts Falsches. Nur mitunter versinkt das Theatralische im Effekthascherischen. Und man erkennt: Eigentlich wurde ein alter Stoff doch recht konventionell ausgeleuchtet.

Gerald Heidegger, ORF.at

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