Ein „Trovatore“ mit Überraschungen
Mit dem Begriff Sternstunde darf bekanntlich sparsam hausgehalten werden, aber was Salzburg am Samstag in die Kulturwelt ausstrahlte, das hatte schon etwas von einem Champions-League-Finale im Opernfach. Verdis „Trovatore“ mit Netrebko als Leonora, dazu Domingo, der mit seinen 74 Jahren ins Baritonfach und zur Rolle des Grafen Luna gewechselt ist, und Francesco Meli als Manrico, quasi zur Zwischenkrönung einer aufstrebenden Karriere. Dazu noch Marie-Nicole Lemieux als Azucena, die ihre Rolle quasi selbst auf der Bühne reflektieren darf, und Riccardo Zanellato, der als Ferrando gleich beim „All’erta!“, der ersten Szene, die Qualität dieser Inszenierung auf den Punkt bringen wird: Wir sind im Kunstmusueum angekommen - und die Geschichte des Conte di Luna samt verlorenem Sohn bzw. dem auseinandergerissenen Brüderpaar wird über Bildverweise erzählt.

Salzburger Festspiele/Forster
„All’erta“: Die Geschichte vom alten Grafen Di Luna als Schilderung eines Museumsführers
Sendungshinweise
ORF2 überträgt den Salzburger „Trovatore“ live-zeitversetzt am Freitag, 15. August, um 20.15 Uhr. In ORF III ist am Sonntag, 17. August, um 20.15 Uhr eine Aufzeichnung zu sehen - mehr dazu in programm.ORF.at.
Brücke zur Vergangenheit
Der Anfangschor der Famigliari sind hier die Museumsbesucher der Gegenwart, und ihnen wird eine weit in der Vergangenheit liegende Geschichte präsentiert - mit dem Zeigestock deutet Ferrando auf ein Arsenal von Bildern des 15. und 16. Jahrhunderts, das im Lauf des Abends in einer Dauerdynamik über die Bühne geschoben wird. Geschickt spannt Hermanis als Regisseur mit diesem Zugang einen mehrfachen Bogen: Er erzeugt Spannung, trennt damit die erzählerischen von den dramatischen Teilen der Oper (und schafft damit die so nötige Klarheit, die der letzten großen Inszenierung auf deutschem Boden unter Philipp Stölzl mangelte) und verweist nicht zuletzt auch darauf, dass der Plot, um den es hier gehen wird, in einer fernen Zeit angesiedelt ist.

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Eine Oper landet im Museum: Marie-Nicole Lemieux deutet die Vorurteile gegen die eigene Rolle als Azucena ironisch aus
Einstieg in die Vergangenheit
Die handelnden Personen sind zunächst Museumsangestellte, die dann im Verlauf des Abends selbst in die historischen Rollen hineinschlüpfen werden. Das schafft Raum für geschickte Psychologisierung und ermöglicht die nötige Distanzierung rund um die Zauberkünste und Hexereien der „Zigeunerin“ Azucena - wenngleich man Verdi und seinen Librettisten zugute halten darf, dass sie selbst ja das Vorurteil von der hexenden Zigeunerin mit dem Verlauf der Handlung bloßstellen.
Die von Hermanis gewählten Bilder zeigen neben dem Spiel mit einer fernen Geschichte bzw. eingefahrenen Stereotypen (denn auch so darf man Ikonographie lesen), dass den Regisseur ein Moment besonders interessiert: die Rolle der Mutter.
Die Macht der Mutterfigur
Die Rache an der Mutter motiviert ja die Rolle von Azucena auf einer ethischen Ebene bis zum Schluss. Hermanis macht Azucena in seiner Inszenierung stark (was ein Beet an Vorschusslorbeeren für den sängerischen Auftritt der Azucena schafft), weswegen Leonora zunächst nur glänzen kann, wenn Azucena nicht auf der Bühne ist. Der erwartete Triumphzug der Anna Netrebko wirkt im ersten Teil des Abends trotz vieler „Bravissima“ aus dem Publikum noch ein wenig gebremst.

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Netrebko als Leonora: eine Rolle mit optisch mehreren Gesichtern
Netrebko wird erst spät an diesem Abend so richtig glänzen, vor allem, wenn sie die Rolle der Museumsangestellten hinter sich gelassen hat und ganz in die historische Figur geschlüpft ist. Netrebko ist zu Beginn eine dunkle, abgründige Leonora, die ab dem dritten Teil auch in der Höhe ihren ganzen Glanz zu entfalten vermag. Meli ist als Manrico ganz der Verdi’sche Heldentenor: aufrecht, aber mitunter dann doch auch ein wenig possierlich. Lemieux als Azucena setzt sängerische Akzente. Ihre Rolle legt sie nicht zuletzt auch schauspielerisch am ausdrucksstärksten an, was das Publikum am Ende entsprechend würdigte.

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Francesco Meli, Marie-Nicole Lemieux und Placido Domingo vor Jean Fouquets „Madonna mit Kind“, 1450
„E vivo ancor“ - „und ich lebe noch!“ -, singt Domingo als Conte Di Luna am Ende, als alle tot auf dem Boden liegen. Seine Stärke entfaltet er in den Terzetten, bei denen er, „elder statesman“, die Jugend an der Rampe sehen mag und sie nach vorn treibt. Meli hat diese Einladungen an diesem Abend allemal angenommen.
Daniele Gatti als musikalischer Meister des Abends
Das Strahlen der Stars an diesem Abend verdankt sich freilich wesentlich der musikalischen Interpretation und Führungsarbeit durch Gatti. Seine Intention, einen ungekürzten, durchaus nuancierten „Trovatore“ auf die Bühne zu bringen, dabei vor allem zwischen seinen Sängern und dem Chor gelungen zu dynamisieren, ist voll aufgegangen. Gerade sein Mut, mitunter Fahrt beim „Trovatore“ herauszunehmen, extrem präzise auf die Details zu schauen und erst darauf Akzente zu setzen, macht sich bezahlt. Glänzende Philharmoniker, dazu ein facettenreicher Staatsopernchor (oftmals in Jan-Van-Eyckschen Rottönen) tragen diesen „Trovatore“ in ganz neue Gefilde.
Zu italienischen Referenzeinspielungen darf man nun diesen Salzburger „Trovatore“ aus dem Jahr 2014 hinzustellen - gerade ob seiner eigenwilligen, neuen Noten.
Gerald Heidegger, ORF.at
Links:
- Salzburger Festspiele
- Salzburg-Highlights im ORF (programm.ORF.at)
- oe1.ORF.at
- Festspielgespräche in ORF III (tv.ORF.at)