Köpfe abschneiden ist verrückt, aber normal
Die Menschen im Nahen Osten sprechen, wenn sie ihre politische Lage beschreiben wollen, schlicht von „der Situation“: kompliziert, verfahren, gefährlich, katastrophal. Die Schauspieler stammen aus denselben Ländern wie ihre Figuren. Regisseurin Yael Ronen hat den Text mit ihnen gemeinsam geschrieben, mit den meisten Ensemblemitgliedern arbeitet Ronen schon lange zusammen. Im Stück vermischen sich die realen Lebensgeschichten mit erfundenen Elementen:
Noa ist Jüdin und noch zusammen mit Amir, einem palästinensischen Israeli, der fließend Arabisch und Hebräisch spricht. Als dessen Sohn in einem palästinensischen Café in Berlin seinen Orangensaft auf Hebräisch bestellt, wird die Situation problematisch.
Wer bist Du?
Amir empört sich: „Der Kellner schaute mich an, als sei ich ein Jude, der für den Mossad arbeitet. Fuck off! Muss ich mich für das Hebräisch meines Sohnes entschuldigen?! Ich weiß, wer ich bin! Ich bin ein echter Palästinenser! Ich gehöre zu den Unterdrückten! Ich bin ein Opfer! Ich habe unter der Besatzung gelitten! Juden haben mich mein ganzes Leben lang misshandelt – vor allem meine Frau!“

Bregenzer Festspiele/Dietmar Mathis
Kalauer gegen den Horror
„Ich will dich integrieren“, „Er ist Flüchtling – mach ihn nicht auch noch schwul.“ Durch solche Schenkelklopfer bricht Ronen das Eis, die Sprachlosigkeit angesichts von Gewalt, Terror und Flucht wird weggelacht. Da ist Hamoudi, der aus Deir Ez-Zor stammt, einer der am stärksten umkämpften Städte Syriens. Er hat Sex mit seiner Freundin, als ein Bombardement beginnt und hört trotz der Bomben nicht auf. Seine Freundin verfällt in Panik – erst da erkennt er: er muss weg. „Köpfe abschneiden ist verrückt, aber normal“ sagt Hamoudi.
Der Palästinenser Karim, der nur wenige Kilometer von Tel Aviv in seinem Dorf eingesperrt gelebt hat, ist Parkoursportler. Ihm haben israelische Soldaten die Waffe an den Kopf gehalten - und anstatt ihn zu erschießen, Fotos von seinen Kunststücken gemacht.
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„The Situation“
Das Gastspiel des Berliner Maxim Gorki Theaters bei den Bregenzer Festspielen im Vorarlberger Landestheater ist witzig, berührend und erschütternd.
Yael Ronen, 1976 in Jerusalem geboren, hat in Israel ihren Militärdienst absolviert, in New York und Tel Aviv studiert, lebt in Berlin und ist dort die Hausregisseurin des renommierten Maxim Gorki Theaters - für das Gorki hat sich auch „The Situation“ erarbeitet.
Das Stück wurde von Theaterkritikern aus der Schweiz, Österreich und Deutschland zum besten deutschsprachigen Stück des Jahres 2016 gewählt.
Das deutsch-österreichische Trauma
Deutschlehrer Stefan ist verklemmt und stets um politische Korrektheit bemüht. Und gerade darum, weil er sich dauernd selbst überprüft, ist er heillos verloren im Umgang mit den verschiedenen Geschichten und kulturellen Hintergründen. Er versucht, Karim zu erklären, dass im deutschen Rap vulgärste Texte über Analsex viel eher akzeptiert werden als „verbrennt alle Zionisten“ – und besonders im Umgang mit Juden (oder Israelis? Sprechen sie jüdisch? Nein, hebräisch!) hat er seine liebe Not. Amir hilft ihm schließlich: „Say it in English – who are you?”
Meisterwerk der Integration
Der Humor bereitet auch das Feld für einen ernsten Monolog im letzten Drittel: Stefan entpuppt sich als Sergej aus Kasachstan. Als Achtjähriger ist er mit seiner Familie vor der postsowjetischen nationalistischen mafiösen neuen Herrscherschicht nach Deutschland geflohen. Sein Vater ist daran zerbrochen. Er ist ein „Meisterwerk der Integration“, wie er über sich selbst sagt.
Hebräisch, Englisch, Arabisch, Deutsch versuchen die Figuren einander näher zu kommen, bemühen sich ums gegenseitige Verständnis - ihre persönlichen Katastrophen stehen ihnen dabei ebenso im Weg wie jene des Gegenübers.
Großartig beklemmend
Hussein al Shateli als Hamoudi aus Syrien, Karim Daoud als Karim aus Palästina, Maryam abu Khaled als Laila aus Dschenin in Palästina, Orit Nahmias als Noa aus Israel, Yousef Sweid als Amir, ein palästinensischer Israele und Dimitrij Schaad als Stefan respektive Sergej aus Kasachstan: Sie alle spielen innig, hautnah. Geben eine Ahnung davon, wie kompliziert „die Situation“ ist. Halten dem Publikum Spiegel vor – wo sind die Vorurteile, blinden Flecken, Halbwahrheiten?
„Es gibt Hoffnung für uns“, sagt Noa am Schluss – die Antwort aus dem Deutschkurs kommt postwendend: „Ganz sicher nicht.“
Martin Hartmann, ORF Vorarlberg
